Klassik
Schlagzeug-Cocktail aus Nah und Fern

Das Schlagzeugensemble Decibells dekliniert im Theater-Foyer chinesische und einheimische Klänge.

Anja Wernicke
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Der Schlagzeuger Siegfried Kutterer spielt nicht nur im Basler Theater, sondern auch an der Museumsnacht.

Der Schlagzeuger Siegfried Kutterer spielt nicht nur im Basler Theater, sondern auch an der Museumsnacht.

Roland Schmid

«Arack Attack»: Sein neuestes Stück hat der Schlagzeuger und Komponist Siegfried Kutterer nach einem indischen Cocktail benannt. Am kommenden Sonntag wird es mit dem Percussion Ensemble Decibells XXL erstmals im Foyer des Theaters Basel aufgeführt. Wie der Cocktail selbst, den man aus Palmensaft gewinnt, wird das Stück ein berauschendes sein. Repetitive Rhythmen, schnelle Wechsel, eine Trance ähnliche Energie: Siegfried Kutterer ist stark von der indischen Musik und der Minimal Music beeinflusst.

Zehn Jahre lang fuhr er jeweils für mehrere Wochen nach Südindien, um dort das Spiel einer 2000 Jahre alten Trommel zu studieren. Die «Mridangam» kommt zwar im Konzertprogramm vom Sonntag nicht vor. Dafür aber einige andere, zum Teil exotische und skurrile Instrumente, die Kutterer von seinen Reisen mitgebracht hat. Besonders stolz ist er auf die Sammlung balinesischer Gongs, über die das Sinfonieorchester Basel (SOB) verfügt und die Kutterer, der seit 1977 in diesem Orchester Mitglied ist, zum Teil selbst mit aufgebaut hat.

In «Gongtime» für 25 balinesische Gongs von Barni Palm kann man die Sammlung in Aktion erleben. Das meditative Stück wird nicht nur am Sonntag im Theaterfoyer, sondern auch heute Abend im Rahmen der Museumsnacht im Münster erklingen. Auf die spezielle Münsterakustik freut sich Siegfried Kutterer besonders: «Man hört nicht, aus welcher Richtung der Klang kommt. Die Besucher werden die Gongs auch nicht sehen können, und somit wird es ein einzigartiges Klangerlebnis geben.» Doch auch das Theaterfoyer eignet sich laut Kutterer für die Schlagzeugklänge hervorragend. Ausserdem knüpft das Konzert dort an eine alte Basler Tradition an, die auf Paul Sacher zurückgeht. Er dirigierte nämlich regelmässig Schlagzeugkonzerte im Theaterfoyer und zog damit bis zu tausend Zuhörer an.

Der Musiker als Vater

Über einen derartigen Besucherandrang würden sich auch Siegfried Kutterer und seine Schlagzeugkollegen vom Sinfonieorchester freuen. Die Decibells – vor acht Jahren ursprünglich als Trio gegründet – sind am Sonntag in einer XXL Besetzung mit Szilàrd Buti, David Gurtner, Domenico Melchiorre, Adrian Romaniuc und Alex Wäber Süsser am Start.

Als «alter Hase» gibt Kutterer der Gruppe viele Impulse, möchte sich aber keinesfalls als Leiter verstehen: «Die Jungs sind teilweise wie Söhne für mich». Im vergangenen Jahr spielten sie erstmals ein thematisches Konzert mit indischer Musik. Die familiäre Truppe reiste sogar eigens nach Indien und gab dort Konzerte. In diesem Jahr liegt der Fokus auf China. Die Idee dahinter ist, westliche und fernöstliche Musikströmungen zusammen fliessen zu lassen. Denn Kutterer möchte nicht ein plumpes Crossover und auch keine Imitation «authentischer» indischer oder chinesischer Musik. Vielmehr möchte er in den Köpfen der Zuhörer Bilder erzeugen und mit deren Assoziationen spielen.

Das «Concerto for violin and percussion orchestra» von Lou Harrison ist ein Paradebeispiel für dieses Zusammenfliessen. Der amerikanische Komponist informierte sich über die chinesische Musikkultur besonders in San Franciscos Chinatown, wo sich eine der grössten chinesischen Communities der USA befindet. In seinem Werk aus dem Jahr 1940 verwendet er allerdings keine traditionellen Instrumente, sondern ganz banale Gegenstände wie Autobremsen, alte Waschschüsseln oder Blumentöpfe, um die Klänge der chinesischen Musik zu imitieren. Dass dieses Stück nun von dem Geiger Yi-Fang Huang, ebenfalls SOB-Mitglied und gebürtiger Chinese, aufgeführt wird, schliesst gewissermassen diesen Kreis der kulturellen Verflechtungen.

Musikgeschichte verkehrt herum

Das Zusammenfliessen verschiedener Musikströme, das Kutterer bereits in persona verkörpert, ist in «Confluence» Programm. Ein weiteres Stück des Konzerts verwendet traditionelle chinesische Instrumente, ist aber von dem Schweizer Schlagzeugpionier Pierre Favre geschrieben. Das Vexierspiel mit den Gemeinsamkeiten und Abgrenzungen der Genres ist somit perfekt.

Dass Kutterer als klassischer Schlagzeuger im Orchester spielt und sich nebenbei mit indischer Musik beschäftigt, hat er nie als Widerspruch empfunden: «Ich habe die Musikgeschichte sowieso falsch herum angefangen. Als ich 1975 zum ersten Mal im Sinfonieorchester mitspielte, habe ich in Klaus Hubers Oper ‹Der Alte vom Berg› die grosse Trommel bedient.» Dass das Sinfonieorchester mit dem Chefdirigenten Dennis Russell Davies wieder mehr zeitgenössische Kompositionen spielt, hält Kutterer für ein grosses Glück. So ist neben «Arack Attack» noch eine weitere Uraufführung im Programm.

Der italienische Komponist Francesco Maria Paradiso hat einen «Rime» für Percussiontrio und Posaune geschrieben. Für Mozart oder Beethoven hatte Kutterer bislang keine Zeit: «Das höre ich mir dann an, wenn ich pensioniert bin», prophezeit er augenzwinkernd. Bis dahin gibt es noch viele musikalische Cocktails für ihn zu mixen.

Confluence II Schlagzeugkonzert SOB am 18. Januar im Foyer Grosse Bühne des Theaters Basel.

Teile aus dem Programm werden zur Museumsnacht am 16. Januar im Münster gespielt.

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