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Popikone Cher: «In Amerika ist es besser, Künstlerin als Frau zu sein»

Popikone Cher gibt trotz Pensionsalter Vollgas. Die Sängerin hat ein neues Album aufgenommen. «Closer To The Truth» (eine Zeile aus einem Pink-Song) ist hitverdächtig.

Reinhold Hönle
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Cher: «Mir war nicht klar, dass ich bei «Wetten, dass ...?» solche Aufmerksamkeit erregen würde.

Cher: «Mir war nicht klar, dass ich bei «Wetten, dass ...?» solche Aufmerksamkeit erregen würde.

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Wer Cher am Samstag bei «Wetten, dass ...?» gesehen hat, konnte zwar wieder ihre Coolness und Schlagfertigkeit bewundern, dem spannte sich jedoch auch die Gesichtshaut beim Anblick der Arbeit, die Lifting-Experten und Make-up-Artisten geleistet haben.

Ein harter Kontrast zur Cher, die sich am Vortag beim Interview gut gelaunt, leger gekleidet und fast ungeschminkt präsentiert hatte. Wenn man da nicht gewusst hätte, dass diese Frau schon im Pensionsalter ist, wäre es gar nicht aufgefallen, wie die Sängerin und Schauspielerin dem Jugendwahn im Showbusiness Tribut zollt.

Ein Lied auf der neuen CD heisst «Dressed To Kill». Bei Ihrem skandalträchtigen «Wetten, dass ...?»-Auftritt 1987 waren Sie sehr scharf angezogen ...

Cher: (Lacht.) Mir war nicht klar, dass das so ein Aufsehen erregen würde. Ich erinnere mich noch, wie ein paar Frauen nach den Proben Rüschen auf die Rückseite meines Kostüms genäht haben, damit man meinen Tanga nicht sah. Ich hatte zuvor gedacht: Ach, das ist Deutschland, die finden das bestimmt cool so!

Der Song gibt auch Ihrer kommenden Tournee den Namen. Wollen Sie mit dieser Show die Lady Gagas und Rihannas alt aussehen lassen?

Ich liebe diesen Song einfach, weil er einerseits albern und übertrieben ist und anderseits für die Tour ein tolles Image kreiert. Er ist perfekt!

Der Albumtitel klingt ernster: Fühlen Sie sich jetzt, mit etwas über 60, der Wahrheit näher?

(Lacht). Ein wenig über 60! Nein, ich habe nicht das Gefühl. Die Plattenfirma brauchte einen Arbeitstitel, und mir gefiel «Closer To The Truth», eine Zeile aus dem Pink-Song «I Walk Alone». Dann blieb es dabei, ich weiss gar nicht, weshalb. Ich habe mich so um alle anderen Belange gekümmert, dass der Titel schliesslich unverändert über den Äther ging.

1995 haben Sie «It’s A Man’s World» gesungen ...

(Kichert).

Nun singen Sie «Woman’s World». Wie hat sich die Situation der Frau in der Unterhaltungsindustrie verändert?

Die Frauen können jetzt das tun, was sie wollen. In der heutigen Zeit haben sie die gleichen Freiheiten wie die männlichen Künstler. In Amerika ist es allerdings besser, Künstlerin als Frau zu sein. Frauen werden noch immer von allen Seiten ihrer Rechte beraubt, während weibliche Künstlerinnen machen können, was sie wollen.

Viele junge Künstlerinnen verdanken das Ihnen ...

Ich weiss nicht, ob sie es mir verdanken. Aber jemand musste vorangehen und Türen öffnen. Die folgende Generation hat diese Türen dann weggesprengt.

Ihr Album besitzt eine grosse Bandbreite. Bedeutet Ihnen das viel?

Ich mag alle Songs auf der neuen Platte. Ich geniesse die Dance-Nummern – sie machen Spass. Dann gibt es Hymnen wie «Sirens». Die CD geht von einem Stil in den nächsten über. Am Ende ist sie sehr beschwingt. Ich wäre nicht glücklich, wenn ich das nicht alles machen könnte. Ich möchte nicht nur ein Dance-Album machen. Und ich liebe Balladen, aber ein Album muss ausbalanciert sein wie dieses. Es ist genau, wie ich es wollte.

Sie haben mit Produzenten wie Mark Taylor, Timbaland und Paul Oakenfold gearbeitet. Wie lief das ab?

Ich habe in meinem Haus ein eigenes Studio. Vieles wurde dort aufgenommen. Wenn die Produzenten jedoch ein bestimmtes Studio hatten, in dem sie sich besonders wohl fühlten, war das für mich auch in Ordnung. Der Ablauf war jedoch anders als früher: Ein Produzent betreut den Gesang, dann reicht man die Aufnahme weiter an jemanden, der Tausende Kilometer weit weg ist. Der macht dann die Melodien und die Instrumentierung. Ein spannender Prozess. Obwohl manchmal anstrengend, tut es gut, immer wieder mit neuen Menschen zu arbeiten.

Was bedeutet Ihnen «Sirens», der für mich eindringlichste Song der CD?

Er handelt von 9/11. Das wusste ich gar nicht, als ich ihn sang. Ich wusste nur, dass es um Zerstörung geht. Es ist eines dieser Lieder, die einen sofort in den Bann ziehen. Man hört genauer zu. Es gibt ein wunderschönes Arrangement. Eigentlich sind es zwei Songs. Die Strophen sind sehr sanft, der Refrain ist sehr hart. Ich liebe die Worte, obwohl ich nicht genau weiss, was sie bedeuten, weil der Sinn nicht klar ausformuliert ist.

«Lovers Forever» wirft die Frage auf: Haben Sie am Anfang einer Beziehung je daran geglaubt, dass diese Liebe für immer halten soll?

Nein, das habe ich noch nie gedacht! (Lacht). Meine Freundin Shirley Eikhard und ich haben das Lied 1994 für «Interview With A Vampire» geschrieben. Die Soundtrack-Produzenten haben es dann nicht genommen und ich habe es all die Jahre unveröffentlicht behalten. Ich denke, wenn Du dieses Glück hast, dass Du für immer mit jemandem zusammen sein kannst, ist das erstaunlich und bewundernswert. Aber ich stelle mir das für mich nie vor.

Cher

1946 als Tochter eines Armeniers und einer Cherokee-Indianerin geboren, wurde 1965 mit ihrem damaligen Ehemann Sonny Bono als Duo Sonny & Cher («I Got You Babe», «Th Beat Goes On») bekannt. Nach der Scheidung startete sie in den 70er-Jahren ihre Solo-Karriere, in der sie schon über 200 Millionen Tonträger verkauft hat und mit ihren extravaganten bis provokanten Outfits endgültig zur Stilikone wurde. (HÖN)

Welche Musik hören Sie?

Ich mag die letzte Pink-CD sehr. Es gibt keinen schlechten Song darauf. Auch Adele ist toll. Ausserdem mag ich immer noch ... – der ist auch nicht so alt – ääh, oh verdammt, Bruce Springsteen! (Lacht). Michael McDonald und Cindy Lauper finde ich grossartig, auch Bruno Mars und The Fray.

Welches ist Ihre letzte Entdeckung?

Auf CNN habe ich gerade diese Werbung gesehen, in der eine junge Frau eine total bizarre Version von «New York, New York» singt, die ich nicht mehr aus meinem Kopf bringe. Sie ist unglaublich. Man bleibt nicht oft wegen eines Songs wie angewurzelt stehen. (Anmerkung: Bei der Sängerin handelt es sich um Cat Power).

Haben Sie eigentlich bei Pink nachgefragt oder hat sie Ihnen die beiden Lieder angeboten?

Wir haben den gleichen Manager. Ich habe mich einfach erkundigt, ob sie vielleicht einen Song für mich hätte. Plötzlich waren «I Walk Alone» und «Lie To Me» da.

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Keystone

Sie werden auf Ihrer «Dressed To Kill»-Tournee hoffentlich auch in die Schweiz kommen ...

Bislang bin ich noch jedes Mal, wenn ich in Europa war, auch in die Schweiz gekommen!

Was – ausser den Konzerten – verbindet Sie sonst noch mit unserem Land?

Ich erinnere mich an einen wunderschönen Sommertag. Wir waren in diesem Hotel in Zürich, das so tolle grosse Sonnenstoren hatte. Wir sassen auf dem Balkon und liessen unsere Blicke über die Landschaft schweifen. Ich dachte mir: Das ist wunderschön, so friedlich.

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