Sie haben Ihr neues Album «Il sole che verrà» dem Thema Hoffnung gewidmet. Warum?

Pippo Pollina: Wir erleben gerade schwere Zeiten. Dessen sind wir uns im reichen Westen teilweise gar nicht bewusst. Das Mittelmeer ist zum Friedhof geworden. Täglich sterben dort Leute – vermutlich viel mehr, als wir über die Medien erfahren. Dazu kommt das internationale politische Panorama: Trump, Brexit etc. Das verspricht nichts Gutes.

Das klingt nicht sehr hoffnungsvoll.

Ich bin ernsthaft besorgt. Sowohl Religion wie Politik werden missbraucht und bieten keine gute Werte-Plattform mehr. Das bedeutet für mich, dass an dieser Stelle die Kunst einspringen und Verantwortung übernehmen muss, um bestimmte Werte wiederherzustellen. Wir Künstler müssen dafür sorgen, dass gewisse Themen wieder wahrgenommen und diskutiert werden. In der Familie, mit Freunden, in Schulen, Kirchen, in der ganzen Gesellschaft. Damit alle, nicht nur die Wirtschaftskonzerne, wieder die Zukunft mitbestimmen können.

Wie geht das?

Es braucht eine Künstler-Revolution. So wie es zum Beispiel während und nach dem Zweiten Weltkrieg geschah, als Künstler für die Freiheit einstanden. Genau gleich müssen wir Künstler heute versuchen, die Gesellschaft an weniger materielle Werte heranzuführen. Denken wir nur an Weihnachten. Die wenigsten verbinden diesen Feiertag noch mit der Religion. Für viele heisst Weihnachten einfach Geschenke und Weihnachtsmärkte. Weihnachten ist zum Marketingevent geworden. Da dreht sich Jesus ja im Grab um! Egal, ob man gläubig ist oder nicht, wir dürfen so etwas nicht akzeptieren.

Glauben Sie denn daran, dass sich in Zukunft etwas ändern wird?

Klar. Wir dürfen die Hoffnung auf eine bessere Zukunft nicht verlieren. Denn nur so können wir überhaupt an einer besseren Zukunft arbeiten. Jeder muss selber jeden Tag seinen Beitrag dafür leisten. Es gibt nicht nur Arbeit und Ferien. Unser Leben beinhaltet viel mehr. Und wir dürfen auch nicht einfach darauf vertrauen, dass andere die Arbeit für uns erledigen.

Welches ist Ihr Beitrag?

Ich gebe den Leuten mit meinen Liedern Kraft. Das sehe ich auch an den vielen bewegenden Briefen von Zuhörern. Dank meiner Musik können sie zum Beispiel morgens motivierter zur Arbeit gehen. Ich glaube, dass meine Musik eine therapeutische Wirkung haben kann. Aus diesem Grund spüre ich auch eine gewisse Verantwortung gegenüber meinen Zuhörern.

Sie waren jetzt eineinhalb Jahre weg von der Bühne. Was haben Sie in dieser Zeit gemacht?

Ich war während über 6 Monaten in 18 Ländern unterwegs. Manchmal alleine, manchmal mit Freunden und Familie. Einige Länder wollte ich schon lange besuchen, wie Israel oder Kuba. Einige Lieder sind dank Erlebnissen auf diesen Reisen entstanden. Zum Beispiel «Andarsene d’estate» in Kuba. Dort habe ich gesehen, wie zwei Generationen, zwei Ideologien, aufeinandertreffen. Das hat mich sehr zum Nachdenken angeregt.

Was hat Sie noch inspiriert?

Ich habe ein syrisches Flüchtlingspaar kennen gelernt, die mir von ihrer Hoffnungsreise in die Schweiz erzählt haben. Darauf habe ich das Stück «Potrò mai dirti» geschrieben. Sie riskierten alles. Ihre Hoffnung wurde aber belohnt. Sie haben die Reise überstanden und so einen Kampf gewonnen. Aber nicht den ganzen Krieg.

Kann man diesen Krieg denn überhaupt gewinnen?

Um wirklich etwas zu verändern, muss sich von oben etwas bewegen. Der Westen müsste Antworten und nicht Waffen an die Kriegsländer liefern. Solange die Entscheidungsträger eine Doppelmoral haben, wird sich nichts ändern können.

Es bräuchte also andere Menschen in der Politik. Sie vielleicht?

Ich wurde tatsächlich schon von verschiedenen politischen Parteien in Italien für eine Kandidatur angefragt. Aber ich habe allen abgesagt. Ich bin Musiker und kein Politiker. Und Politik kann man nicht nur so nebenbei machen. Da musst du jeden Tag dran sein. Politik muss dein Element sein. Und bei mir ist es die Musik. Sie erlaubt es mir, frei zu sein. Viele Leute kennenzulernen und mit meiner Musik ihr Herz zu berühren. Das möchte ich nicht aufgeben.

Diese Leidenschaft haben Sie offenbar auch Ihrem Sohn weitergegeben, der unter dem Künstlernamen Faber gerade richtig durchstartet. Als Vertreter der jungen Generation gilt er auch als Hoffnungsträger. Er hat aber einen ganz anderen Stil als Sie.

Ja, er hat einen ganz eigenes und starkes Songwriting. Mit seiner unglaublichen Bühnenpräsenz und seinen provokanten Texten kann er die Menschen sehr gut erreichen. Das finde ich toll.

Hat Sie Ihre Auszeit verändert?

Nicht wirklich. Ich habe aber sicher neue Seiten an mir entdeckt. Zum Beispiel, dass ich es mag, manchmal auch gar nichts zu machen (lacht). Und ich konnte mir selber bestätigen, dass ich die Bühne nicht unbedingt brauche. Ich hatte Zeit, nicht auf Knopfdruck, sondern über einen Weg, Antworten auf allgemeine und persönliche Lebensfragen zu suchen.

Und Sie sind fündig geworden.

Jein. Einige Fragen, wie ‹Was ist der Sinn des Lebens?› bleiben offen und werden wohl auch nie endgültig beantwortet werden können. Das sind aber genau die Fragen, die dich am Leben erhalten. Du kannst dafür jeden Tag eine Antwort dazu finden. Weil dir einmal eine Antwort mehr passt, ein anderes Mal eine andere.