Das Berner Symphonieorchester führt am 1. und 2. Juni unter der Leitung von Heinz Holliger unter anderem dessen Orchesterfragmente "Tonscherben" (1985) auf.

In der Tonhalle Maag in Zürich dirigiert Holliger am 29. November sein Violinkonzert "Hommage à Louis Soutter" (1995). Es spielen das Tonhalle-Orchester und die Geigerin Patricia Kopatchinskaja. Im Zentrum des halbstündigen Werks mit den Sätzen "Deuil", "Obsessioin" und "Ombres" steht der Maler Louis Soutter (1871-1942).

Dass Heinz Holliger dem Waadtländer Art-Brut-Künstler ein Werk widmete, ist kein Zufall. Aussenseiterschicksale beschäftigen ihn, und Extremsituationen. "Musik findet überhaupt nur an den Grenzen statt. In der Mitte gibt es nichts, was die Kunst interessieren könnte", zitiert ihn die Tonhalle Maag in ihrer Konzertankündigung. Holliger sei ein "freier Radikaler" und als solcher entschlossen, "Konventionen zu brechen".

Alte Quellen freilegen

Seine musikalische Spannweite unterstrich Holliger 1991, als er unter dem Titel "Beiseit" zwölf verstörend schöne Lieder nach Gedichten von Robert Walser schrieb. Diese Kompositionen für Countertenor, Klarinette, Akkordeon und Kontrabass kombinierte er auf der 1995 erschienen CD mit gänzlich anderer "Geischter- und Älplermusig for d'Oberwalliser Spillit".

Diese schräg-lupfige Musik für Klarinette, Geige, Schwyzerörgeli, Hackbrett und Bass begleitet eine Walliser Sage, gesprochen von Franziskus Abgottspon. Holliger schreibt dazu: "Seit meiner frühesten Studienzeit beim grossen ungarischen Komponisten Sándor Veress üben die ursprünglichen, ja archetypischen Formen des Musikmachens eine grosse Faszination auf mich aus."

"Alb-Chehr" heisst die Vertonung, und sie zeigt: Heinz Holliger ist ein zeitgenössischer Pionier ohne Berührungsängste auch gegenüber Traditionen, "alten Quellen", die er, wie er schreibt, "freilegt" und in sein Komponieren und Musizieren integriert.

Klangwelten erforschen

Auch als Oboist gehört Heinz Holliger, der 2015 mit dem Schweizer Grand Prix Musik ausgezeichnet wurde, zu den wichtigsten Schweizer Musikern seiner Generation. Er erforscht Klangwelten und entwickelt neue Spieltechniken. Seinem Sinn für Innovation verdankt er, dass Komponisten wie Luciano Berio, Karlheinz Stockhausen, Hans-Werner Henze oder Elliott Carter Stücke für ihn geschrieben haben.

Einen Namen machte sich Holliger auch als Opernkomponist. Die Bildfolge "Lunea" feierte 2018 im Opernhaus Zürich unter seiner Leitung die Uraufführung. 1998 war am selben Haus auch die Oper "Schneewittchen" uraufgeführt worden. Sie nimmt Bezug auf das gleichnamige Dramolett von Robert Walser, dem Holliger wie Nelly Sachs, Paul Celan, Friedrich Hölderlin, Adolf Woelfli oder Robert Schumann besondere Aufmerksamkeit schenkt.

Junger Solo-Oboist

Geboren wurde Heinz Holliger am 21. Mai 1939 im bernischen Langenthal. 2009 verlieht ihm die Gemeinde das Ehrenbürgerrecht. Er bekam zahlreiche Preise und Auszeichnungen, unter anderem die Ehrendoktorwürde der Universität Zürich, den Zürcher Festspielpreis und den Robert-Schumann-Preis der deutschen Stadt Zwickau.

Schon während des Gymnasiums studierte Holliger Oboe, Klavier und Komposition am Berner Konservatorium. Sein erstes wichtiges Engagement hatte er bereits als 20-Jähriger, als er als Solo-Oboist ins Symphonieorchester der Basler Orchester-Gesellschaft eintrat. Bis heute folgten viele weitere.

Verheiratet war Holliger mit der 2014 verstorbenen Harfenistin Ursula Holliger. Er lebt in Basel.