Wer heute nach Boswil ins Freiamt fährt, um dort in der Alten Kirche ein meisterliches und sommerliches Konzert zu hören, erlebt immer noch jene einzigartige Atmosphäre, die der Ort ausstrahlt. Sie macht ihn seit sechzig Jahren zu einer begehrten Stätte für Konzerte und Kurse, seit Clara Haskil und Pablo Casals dort in Benefizkonzerten auftraten und der französische Flötist Marcel Moÿse seine bis nach Japan renommierten Meisterkurse durchführte. Das Künstlerhaus, konzipiert zunächst als Heim für alternde Künstler, heute Ort der Musik, war und ist eine Stätte der Begegnung und des Erlebens – aber auch der Auseinandersetzung.

Was hier alles während der 70er- und 80er-Jahre angeregt und verhandelt wurde, ist im Bewusstsein etwas in den Hintergrund getreten, aber es war wegweisend. Boswil war ein Ort intensiver, ja auch heftiger musikalischer und ästhetischer Diskussion, und dies über den Eisernen Vorhang hinweg. Man lud ab 1969 regelmässig Ensembles, Komponisten und Musikwissenschaftler aus dem Ostblock zu Konzerten, Aufenthaltsstipendien, zu Tagungen und vor allem zu den Kompositionsseminaren ein, die Klaus Huber 1969 gegründet hatte.

Für die DDR-Komponisten bot sich dabei eine willkommene Gelegenheit, an der Freiheit zu schnuppern, Kontakte zu knüpfen und andere Musiken und Denkweisen kennen zu lernen. Manchmal muss es kurios für sie gewesen sein, etwa, wenn sie sich mit der Aufforderung von Westlern konfrontiert sahen, doch für die Arbeiterschaft zu komponieren – womit sie selber im Osten schon reichlich Erfahrungen gemacht hatten. Es war eine kontroverse, aber hoch spannende Zeit.

Vorreiterrolle in der Vermittlung

Deutlich wird das, wenn man sich durch die Boswiler Archivbestände arbeitet. Boswil griff damals viele Anregungen auf (diese Wandelbarkeit macht wohl insgeheim die Stärke des Künstlerhauses aus) und versuchte sie umzusetzen. Höchst erfolgreich etwa in der aktuellen Themenwahl der Seminare und in der Begegnung mit den Ostkünstlern. Willy Hans Rösch, der langjährige Leiter des Künstlerhauses, entwickelte im Hintergrund eine rege diplomatische Tätigkeit, handelte mit viel Geschick aus, dass die Künstler aus den Oststaaten ausreisen durften, und musste gelegentlich Wogen glätten, wenn einer nicht zurückkehren wollte.

Propagiert wurde aber auch in den 70ern schon, was heute für jede Kulturinstitution zum «Must» geworden ist: Vermittlung, eine Breitenwirkung für die Musik und auch für die Neue Musik. Hans Wüthrich baute zum Beispiel mit der 2. Sekundarschulklasse von Boswil eine «Klangstrasse»; der Pianist und Komponist Urs Peter Schneider gestaltete ein Klavier-Rezital als «Hör-Übung» und «Musikalische Grundschule». Armin Schibler gab «Kreatives Gestalten im Musikunterricht» für aargauische Lehrer. Intensiv suchte man in jenen 70er-Jahren den Kontakt zur Jugend und zur Bevölkerung der Region. Gewiss, manches davon blieb einmalig oder verlief im Sand, aber Boswil war damit der Zeit weit voraus.

Wie hatte doch Günter Grass 1966 dem Künstlerhaus ins Gästebuch geschrieben: «Boswil ist der Ort, das Neue zu versuchen, ohne vorschnell nach dem Gelingen zu fragen.» Rösch griff diesen Gedanken, der neu war für Boswil, sofort auf: «Boswil wird ein Podium werden für kulturelle und künstlerische Gespräche, wo alle Probleme, die Kunst und Öffentlichkeit betreffen, diskutiert werden. Boswil wird sich bewähren als Tagungsort für Musiker, Schriftsteller, Schauspieler und bildende Künstler. In Boswil soll es schliesslich auch einmal ermöglicht werden, dass junge, talentierte, aber noch unbekannte Künstler dem Publikum vorgestellt werden können.»

Enorm viele Initiativen gingen von hier aus, neben den erwähnten Seminaren auch Jazzkurse und erste Tagungen zur freien Improvisation. Auch in der jüngeren Zeit, wo manche Diskussionen und politische Gegensätze überwunden scheinen, gibt es neue Initiativen, wie das Ensemble Boswil für Neue Musik, das dieser Tage wieder in Aktion tritt, oder die Kompositionskurse für Junge.

Abgelegenheit als Chance

Wahrscheinlich war gerade die Abgelegenheit förderlich. In Boswil war vieles möglich, das damals an den Konservatorien der städtischen Zentren so nicht hätte durchgeführt werden können. Rösch nannte es denn auch einmal «Oase auf dem Abstellgleis Europas». Die aktuelle Aufarbeitung des Boswiler Archivs in einem Forschungsprojekt der Hochschule für Musik FHNW erschliesst damit ein wertvolles Kapitel der so reichhaltigen jüngeren Aargauer Kulturgeschichte.

Was dort an Büchern, Fotos, Partituren und Tonbändern, an Briefen, Gästebüchern, Protokollen und Presseberichten zu finden ist, ergibt – ergänzt durch Interviews und weitere Archive – ein Mosaik, das einen tiefen Einblick in eine Epoche gewährt. Nicht nur lässt sich daraus eruieren, wie damals Musik erarbeitet, diskutiert und interpretiert wurde; die ganzen zeitgeschichtlichen Hintergründe werden sichtbar, der Geist, der die Tätigkeiten prägte.

Und dahinter erscheint ein eminentes humanitäres Anliegen, von dem die ganze Institution getragen wurde. «Die Stiftung Boswil ist nicht ein Institut für Neue Musik oder für neue Kunst […] Was will die Stiftung? Ich glaube, sie will Menschen zusammenführen und, wo nötig, in irgendeiner Form helfen. – Toleranz bedeutet hier Engagement, das ist das Merkwürdigste», sagte Klaus Huber damals: Boswil sei eine «Oase der Toleranz und des guten Willens» – etwas, was diesen Aargauer Kulturleuchtturm bis heute auszeichnet.

*Thomas Meyer ist Musikwissenschaftler und Musikjournalist und besuchte schon in den 70er-Jahren Kurse in Boswil. Derzeit arbeitet er im Auftrag der Hochschule für Musik Basel FHNW in Basel das Archiv des Künstlerhauses punkto Neue Musik auf.