Streichquartett
Musik, die leuchtet

Das Kairos Quartett aus Berlin brachte im Gare du Nord Geräuschklänge zum Leuchten nd trat dabei selbst stark zurück.

Anja Wernicke
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Die Streicher des Kairos Quartetts überzeugen das Publikum.Martin Töngi

Die Streicher des Kairos Quartetts überzeugen das Publikum.Martin Töngi

Martin Toengi

Kunst ist immer Ansichtssache. Ob man ein Stück Stoff mit ein paar Farbklecksen oder ein Gemälde von unschätzbarem künstlerischem Wert vor sich hat: Die Erkenntnis liegt im Auge des Betrachters. Oder wahlweise im Ohr, wie höchst eindrücklich beim Konzert des renommierten Kairos Quartetts im Gare du Nord zu erleben war.

Eingeladen von der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik (IGNM) Basel widmete es sein Programm mit drei Kompositionen von Marina Khorkova (1981, Russland), Sampo Haapamäki (1979, Finnland) und Giorgio Netti (1963, Italien) den klanglichen Möglichkeiten des Instruments, die jenseits der üblichen Spieltechniken liegen. Und sie brachten die Töne dabei zum Leuchten und traten selbst als Interpreten beinahe vollkommen zurück. So sehr, dass man fast vergessen hätte – sie mögen diese Beobachtung verzeihen – wer da vorn auf der Bühne sass und spielte.

Das Quartett, das seit 1996 existiert und zu den wenigen auf zeitgenössische Musik spezialisierten Klangkörpern seiner Art zählt, bot ein beeindruckend stimmiges Zusammenspiel, das ganz ohne die sonst typischen theatral-dramatischen Affektgesten auskam und in seiner Reduziertheit und gleichzeitigen Natürlichkeit umso mehr berührte. Vor allem im Schlussteil von Khorkovas «Streichquartett» aus dem Jahr 2010 traten die Obertöne, um die es hier ging, in ihrer zerbrechlichen Finesse besonders deutlich hervor.

Subtile Hör-Übung

Diese Musik ist auch eine subtile Hör-Übung. Denn vordergründig nimmt das Ohr vor allem den rauen, mechanischen Klang des Bogens wahr, der sacht über die Saite streicht. Doch im Hintergrund, oder vielmehr – so der Eindruck – ein paar Dimensionen darüber, entstehen sehr hohe, klare Töne, die wie eine Korona zu leuchten vermögen. Diese Verschiebung der Wahrnehmung ist, als müsste man von einem Bild, dessen Pinselstrich-Struktur man von ganz nah betrachtet, ein paar Schritte zurücktreten, um die ganze Schönheit zu erkennen.

Musik zum Anfassen

Ähnlich, aber mit noch grösserer Ausdauer und Konsequenz vermochte das 30-minütige Hauptstück des Abends «place» von Giorgio Netti die Welt der entfremdeten Klänge ergründen. Die Instrumente sind mit Plastikkärtchen präpariert, was die Möglichkeiten noch vervielfacht. In ständiger Metamorphose wandeln sich die Klänge von einem unangenehmen Kratzen wie auf einer Schultafel, von dem einem beinah die Zähne beschlagen, zu einem Quietschen wie auf Glas beim Fensterputzen.

Doch diese Alltagsassoziationen scheinen nur kurz auf. Und obwohl sie naheliegen, passen sie eigentlich überhaupt nicht zur Musik des Mailänders. Denn auch sie ist ganz auf den Klang und gar nicht auf einen theatralischen Ausdruck ausgerichtet. Es ist wie Musik zum Anfassen, zum Fühlen. Als würde man einen Stoff durch die Hände gleiten lassen, dessen Struktur sich fortlaufend verändert, von einem rauen Kartoffelsack über sehr glattes Leder hin zu einer luftig-weichen Seide. Am Ende klingen fast keine Töne mehr, man scheint nur noch die Luft zu hören, die durch die Instrumente strömt. Ein poetisches, intimes Konzerterlebnis, auf das man sich einlassen muss.