Kulturpreisträgerin

Lisette Spinnler: «Jazz steht für eine offene Welt»

Lisette Spinnler stammt aus Wittinsburg und lebt seit einigen Jahren – eher zufällig – in Liestal.

Lisette Spinnler stammt aus Wittinsburg und lebt seit einigen Jahren – eher zufällig – in Liestal.

Seit ihrer Kindheit begleitet Lisette Spinnler das offene Spiel im Jetzt mit Sprache und Musik. Der Kanton Baselland ehrt die Jazzsängerin nun in der Sparte Musik mit dem Kulturpreis.

Lisette Spinnler ist eine Suchende. Die Fantasiesprache, die sie zum Singen einsetzt und die zu ihrem Markenzeichen geworden ist, symbolisiert diese Suche. Nicht mit grübelnder Stirn sucht sie. Sondern mit Vertrauen in die eigene Tiefe und Experimentierlust. Auf der Bühne kann sie so den fröhlichen Funken überspringen lassen oder auch mit ihren tiefen, erdigen Klängen berühren. Der Ausgang dieser Suche ist offen und diese Offenheit ist für sie Programm. Sie erklärt: «Das ist eine Lebensphilosophie, zu der auch der Jazz gehört. Jazz wird aus dem Jetzt kreiert und steht für eine offene Welt.»

Seit ihrer Kindheit begleitet sie dieses offene Spiel im Jetzt mit Sprache und Musik. Den ganzen Tag habe sie als Kind gesungen und gepfiffen, Dialekte und Emotionen imitiert. Eigentlich hätte sie sich auch vorstellen können, Schauspielerin zu werden. Ein Spiel ihrer Kindheit ging so: In der Fantasiesprache, begleitet von Gestik und Emotionen, erzählte sie ihrem Vater eine Geschichte und der musste raten, worum es ging. Für die heute 39-jährige Lisette Spinnler war und ist diese Fantasiesprache der natürlichste Weg, sich auszudrücken. Auf Schweizerdeutsch oder Englisch konnte sie nie improvisieren. Ihr Vater, der ein Mal-Atelier in Wittinsburg hatte, führte sie an den Jazz heran: Zu Miles Davies und John Coltrane trommelte er ihr den Rhythmus und so ging ihr der Drive in Mark und Bein.

«Hungrig» auf der Bühne

Eines ihrer grossen Vorbilder ist Keith Jarrett. Wie er im Hier und Jetzt improvisiert, imponiert ihr: «Das Fundament des Jazz ist die Improvisation», erklärt Spinnler und es klingt wie eine Maxime aus ihrem Unterricht, den sie seit zehn Jahren am Jazzcampus erteilt. In dieses Jetzt eintauchen zu können, ist für sie eine Frage der mentalen Bereitschaft: «Kann ich mich von allem anderen befreien?» Wenn sie selbst auf der Bühne steht, spürt sie, wann sie diesen Zustand erreicht, wann sie «hungrig» ist, wie sie sagt, und alles «einfach passiert und fliesst».

Doch Spinnler improvisiert nicht nur, sie komponiert auch. «Wenn ich etwas Bestimmtes ausdrücken, eine bestimmte Stimmung erzeugen will», dann komponiere sie und schreibe meist englische Songtexte. Über die Jahre habe sich ihre Einstellung erweitert. Zur Offenheit im Moment ist das bewusste Setzen künstlerischer Aussagen getreten: «Heute gehe ich nicht mehr auf die Bühne nach dem Motto: Let’s go und mal schauen, was passiert. Ich steuere expliziter den Kern eines Stücks an.» So kann man gespannt sein auf ihre nächste Platte, die sie in ein paar Monaten mit ihrem Quartett aufnimmt. Die erste seit 2012, als sie mit dem Pianisten Christoph Stiefel auf einer Duo-Platte spielte. Spinnler ist es wichtig, sich Zeit zu nehmen, sich nicht im karriereorientierten Business zu verbrennen.

«Ich habe mich eigentlich nie bewusst entschieden, Sängerin zu werden. Es hat sich so ergeben.» Man kauft ihr diese Natürlichkeit ab. Sie ist keine strategische Planerin. Erst mit 17 Jahren nahm sie Gesangsstunden. Später studierte sie an der Hochschule für Musik Basel Jazzgesang bei Sandy Patton und Susanne Abbühl. Längere Aufenthalte in Südamerika, den USA und in Afrika beeinflussten sie nicht nur musikalisch wie sich auf der Platte «Siawaloma» (2009) niedergeschlagen hat. Auch menschlich hat sie auf diesen Reisen einiges mitgenommen. Grenzerfahrungen wie ein mehrtägiger Sahara-Sturm in Burkina Faso oder eine Tropenkrankheit in Ghana haben sie sichtlich mitgenommen. Aber auch positive Erlebnisse wie intensiver Tanzunterricht in Ghana haben sie bereichert.

Freude, aber nicht zu viel Stolz

Lisette Spinnler liebt es, mit Menschen zu kommunizieren. Angst mit jemanden zu sprechen, kenne sie nicht. So hat sie sich auch in Liestal bestens eingelebt. Nachdem sie 15 Jahre in Basel gewohnt hat und ihre Tochter zur Welt kam, stiess mit ihrem Lebenspartner, dem Schlagzeuger Michi Stulz, auf ein Künstlerhaus in Liestal. Spinnler macht keinen Hehl daraus, dass es eher Zufall ist, dass sie hier gelandet sind. Sie beruft sich nicht auf ein Verwurzelt-Sein. Da ist wieder ihr Leitmotiv der Offenheit: «Ich habe Mühe, wenn es eng wird. Die Menschen sollten frei und gwunderig sein im Leben.»

Heute wird Lisette Spinnler mit dem Kulturpreis für ihre Originalität geehrt. Sie freut sich darüber. Aber einen übertriebenen Stolz verbietet sie sich: «Preise zu gewinnen sollte nicht der Antrieb von Kunst sein. Ich möchte lieber hier suchen», sagt sie und deutet mit der Hand auf die eigene Brust.

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