Montagsinterview
Kylie Minogue: «Die Musik hat mich gerettet – sie ist die Liebe meines Lebens»

Die australische Pop-Ikone und Sex-Symbol Kylie Minogue über Männer, Beziehungen, #MeToo und ihren bevorstehenden 50. Geburtstag.

Steffen Rüth
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«Manche Menschen sind als Freunde besser als als Liebhaber», sagt Kylie Minogue über ihren besten Freund.

«Manche Menschen sind als Freunde besser als als Liebhaber», sagt Kylie Minogue über ihren besten Freund.

DUKAS

Seit dreissig Jahren ist Kylie Minogue dank Hits wie «I Should Be So Lucky», «Spinning Around» oder «Can’t Get You Out Of My Head» nicht mehr wegzudenken aus der Popwelt. Nun lässt sich die Australierin auf ihrem 14., teilweise in Nashville aufgenommenen Studioalbum «Golden» dezent von Countrymusik beeinflussen. Und doch klingt sie noch immer total melodisch, poppig, voll und ganz nach Kylie.

Wir treffen die 49-jährige Pop-Ikone nach einem Konzert im Berliner «Berghain». Trotz Brustkrebs und zahlreicher gescheiterter Beziehungen hat sie ihren lakonisch- warmherzigen Humor nie eingebüsst.

Kylie, Sie singen in Ihrem neuen Hit «Dancing» Ihrer aktuellen Single: «Wenn ich ausgehe, dann will ich tanzen gehen». Stimmt das?

Kylie Minogue: Ja! Ich muss jedoch gestehen, allzu oft mache ich das nicht. In meinen Zwanzigern war das anders, da drehte sich immer alles um die Frage «In welchen Nachtclub gehen wir heute?» Wenn ich heutzutage mal weggehe, dann läuft das meistens ähnlich ab, quasi nach dem Kylie-Schema.

Kylie Minogue

Die australisch-britische Sängerin schaffte Ende der 80er-Jahre den Durchbruch, wurde zum Teenie-Star und Hassobjekt der Musikkritik, die sie als «singender Wellensittich» verspottete. In den 90er-Jahren versuchte sie ihr Teenie-Image abzuschütteln, was ihr auch mit der Zusammenarbeit von Rocker Nick Cave und dem Song «Where the Wild Roses Grow» gelang. Die bald 50-jährige Kylie Minogue hat den Zenit ihrer Karriere heute wohl überschritten, mit weltweit
70 Millionen verkauften Tonträgern gehört sie aber zu den erfolgreichsten weiblichen Pop-Ikonen. (sk)

Was ist das Kylie-Schema?

Ich treffe mich mit Freundinnen. Eine sagt «Wollen wir nicht mal dorthin gehen, soll cool sein?» Und ich bin in der Regel diejenige, die auf die Bremse tritt, so nach dem Motto «Okay, eine halbe Stunde und dann habe ich bestimmt keine Lust mehr». Sechs Stunden später ... Also, wenn die Musik, die Stimmung und die Leute passen, dann kann es bei mir spät werden. Feiern gehen, vor allem, wenn ich mich spontan treiben lasse, gibt mir Energie und Kraft.

Ist das die tiefere Bedeutung, die in «Dancing» steckt?

Ja. So plump es manchmal klingt: Wir machen uns alle zu viel Sorgen. Um unser Leben, den Beruf, die Beziehung, die nicht vorhandene Beziehung, ganz egal. Dabei können wir uns doch glücklich schätzen, überhaupt am Leben zu sein. So eine richtig heisse Clubnacht erinnert uns daran, wie leicht das Leben sein kann. Tanzen ist ein ungemein starkes und wirkungsvolles Heilmittel. Für dich selbst, für deine Seele, für deinen gesamten Glückshaushalt.

Sie standen kurz vor Ihrer ersten Ehe. Kann man sagen, dass Ihr persönlicher Glückshaushalt nach der überraschenden Trennung von Ihrem Verlobten Joshua Sasse Anfang 2017 ziemlich in Unordnung geraten war?

Kann man. Das war ein Tiefschlag. Es war nicht nur mein Herz gebrochen, sondern mehr. Es fühlte sich an, als sei insgesamt etwas in mir kaputtgegangen.

Wie unterscheiden Sie zwischen Liebeskummer und Kummer?

Liebeskummer kenne ich. Naja, was soll ich sagen, ich bin ihn gewöhnt. Ich war ja schon manches Mal in meinem Leben an dem Punkt, an dem ich dachte «So. Der ist es jetzt. Das ist der Eine, der Richtige. Der Für-immer-Mann.» Dann ist Schluss, und du bist dir sicher: «So schön wie mit ihm wird es nie wieder sein.» Du denkst, du hast mal wieder versagt, hast es verbockt, wie du es immer verbockst, und dich beherrscht der Glaube, dass du nie über diesen Menschen hinwegkommen wirst. Das ist Liebeskummer.

Kylie Minogue mit ihrem Verlobten, dem britischen Schauspieler Joshua Sasse im November 2016.

Kylie Minogue mit ihrem Verlobten, dem britischen Schauspieler Joshua Sasse im November 2016.

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Hört sich auch nicht so toll an.

Nee, ist es auch nicht. Aber beherrschbar. Was mit mir Anfang 2017 los war, ging weit darüber hinaus. Sicher, da war diese Geschichte zwischen zwei Menschen, die nicht funktioniert hat. Was dann mit mir passierte, kannte ich so nicht. Ich spürte, dass ich mich selbst vernachlässigte, nicht mehr gut zu mir war, mich extrem hängen liess und nicht mehr fähig war, mich um mich selbst zu kümmern. Meine Gesundheit litt sehr. Für eine Weile hatte ich das Gefühl, als würde ich irgendwie untergehen. Das war wirklich eine andere Liga als ein gebrochenes Herz. Es hat Monate gedauert, bis ich wieder halbwegs auf dem Dampfer war.

Geht es in «A Lifetime To Repair» um die Trennung und ihre Folgen?

Richtig beobachtet (lacht). War ja auch nicht schwer. Den Song habe ich mit zwei Jungs zusammen geschrieben, ganz am Ende der Albumaufnahmen. An «A Lifetime To Repair» merke ich, dass es mir da schon wieder besser ging. So einen selbstironischen Text hätte ich ein halbes Jahr vorher niemals zustande gebracht. Ich hätte das auch nicht singen können, ohne sofort zu weinen. Der Song ist schon clever, er balanciert auf dem schmalen Grat zwischen Drama und Komik.

Hat Ihnen die Arbeit an «Golden» geholfen?

Ich würde noch weitergehen und behaupten: Die Musik hat mich gerettet. Sie gab mir einen Sinn, einen Fokus. Musik ist die Liebe, die immer für mich da ist, die sicher ist, auf die ich mich blind verlassen kann. Stand jetzt ist sie die Liebe meines Lebens.

Glauben Sie, da kommt noch was?

Wer weiss das schon?

Geht es in Ihrer neuen Single «Stop Me From Falling» nicht ums Frischverlieben?

Tut es, und zwar konkret ums Verlieben in diese eine Person, bei der du nie im Leben für möglich gehalten hättest, dass da mal was laufen könnte. Dass er vielleicht doch mehr ist als nur der gute, platonische Freund. Wir alle haben doch so jemanden, bei dem wir denken «Mist, vielleicht wäre er es ja gewesen». Vielleicht wäre er es auch nicht gewesen, aber du hast es halt nicht ausprobiert. Das Gras auf der anderen Seite ist ja immer grüner.

Haben Sie selbst einen besten Freund, auf den Sie insgeheim stehen?

Ja, einige sogar. Aber wir werden niemals zusammen sein. Manche Menschen sind als Freunde auch einfach besser als als Liebhaber, das muss man realistisch anerkennen. Was ich jedoch trotz dieses Wissens prickelnd finde, ist dieser Augenblick, wo man sich der roten Linie nähert und denkt «Oha, viel fehlt jetzt nicht mehr».

Ist Ihre Zuversicht, was eine glückliche, dauerhafte Beziehung angeht, trotz allem noch intakt?

Auf jeden Fall. Ich möchte die Hoffnung behalten, alles andere wäre ja auch wirklich bitter. Gerade jetzt bin ich in einer kniffligen Phase, was Männer angeht. Die Freunde und Bekannten, die mitgekriegt haben, dass ich wieder Single bin, kommen nun aus allen Ecken mit Vorschlägen, wen ich unbedingt mal kennen lernen sollte. Ich kann aber ganz ehrlich meine Hand aufs Herz legen und sagen: «Ich bin noch nicht so weit.» Ich bin noch nicht bereit, das alles schon wieder durchzumachen. Ich fühle mich gerade ganz gut, mir fehlt nichts ohne einen Freund, ich habe es endlich wieder hinbekommen, mit mir selbst gut klarzukommen.

Sie machen um Männer also einen grossen Bogen?

Naja, nein, also ich bin schon aufgeschlossen und offen. Ich liebe es, ein bisschen zu flirten und neue Leute kennen zu lernen. Ich stehe auf dieses Gefühl, dass heute irgendwie alles passieren könnte. Im Verlieben war ich ja auch immer ganz gut. Die Komplikationen kamen dann später (lacht).

Momentan haben Sie also nichts in Aussicht?

Nein, ich bin voll und ganz Single. Ich habe so ziemlich das komplette Jahr 2017 gebraucht, um wieder auf die Füsse zu kommen – ohne jemand anderes. Diese Akzeptanz, dieses «Das bin ich, und das sind meine Fehler», das scheint in meinem Album durch. Aber ich gebe nicht auf. Ich denke, wenn du die Hoffnung verlierst, in welchem Bereich des Lebens auch immer, dann ist das dein Ende. Irgendwo ist immer Hoffnung.

Was halten Sie eigentlich von «#MeToo»? Haben Sie auch schlimme Sachen erlebt mit übergriffigen Männern?

Nein. Ich hatte keine Begegnungen von dieser widerwärtigen Sorte, von denen wir gerade so häufig hören. Ich finde diese Diskussion kraftvoll und wichtig und bestärkend für uns alle, auch für Männer. Zugleich hoffe ich, dass die Interaktion zwischen Frauen und Männern dadurch nicht total blockiert oder sogar zerstört wird. Wir sollten trotz allem nicht die Gabe verlieren, miteinander zu spielen und uns zu verführen.

Sie haben Ihr neues Album teilweise in Nashville aufgenommen. Warum haben Sie sich von Countrymusik inspirieren lassen?

Weil Country cool ist. Logischer- weise habe ich kein wirkliches Country-Album gemacht, das wäre ja auch nicht glaubwürdig. Ich mache nach wie vor Popmusik mit Dance-Einflüssen. Aber ein bisschen von diesem Geschmack reinzubringen, das fand ich eine Superidee.

Spielen Sie im «Dancing»-Video eigentlich wirklich Gitarre oder tun Sie nur so?

(Lacht) Ertappt. Ich tue nur so. Als ich jünger war, habe ich das zwar ein bisschen gelernt, aber ich bin nie drangeblieben. Sieht aber ganz gut aus, oder? Wir hatten echt Spass in Nashville. Ich war Mitte letzten Jahres dort, wir fanden in Nashville die richtige Balance für das ganze Album.

Hatten Sie Zeit für das legendäre Nachtleben in der Stadt?

Nur sonntags. Wir haben sechs Tage pro Woche gearbeitet, richtig seriös von morgens 9 Uhr bis abends um 6. Einmal war ich am Samstag im berühmten «Blue Bird Café», einem schnuckeligen Laden mit Livemusik und Menschen jeden Alters. Das war wirklich ein klasse Abend.

Apropos Alter. Ist der Song «Golden» eine Anspielung auf Ihren bevorstehenden 50. Geburtstag?

Oh Gott, nein. Das war fast ein gemeiner, auf jeden Fall zufälliger Streich des Universums, dass «Golden» irgendwas mit «50» zu tun hat. Ich habe da nicht einmal drüber nachgedacht, aber ich hatte ebendiese eine Zeile, die ich unbedingt in dem Song unterbringen wollte: We’re not young, we’re not old, we’re golden» (auf Deutsch: Wir sind nicht alt, wir sind nicht jung, wir sind aus Gold). Für mich ist das ein total schöner Satz. In meiner Branche wird furchtbar viel über das Alter geredet, ja geplappert, und speziell als Frau stehst du permanent unter Beobachtung. Ich glaube, ich habe früher mehr mit dem Älterwerden gehadert als jetzt. Wir sind, wer wir sind, an jedem Punkt unseres Lebens. Und ja, ich bin kein junger Mensch mehr, aber ich bin überhaupt nicht der Ansicht, dass ich deshalb keine Musik mehr machen sollte. Nein, ich darf weitermachen. Auch wenn mein Körper immer wieder mehr oder weniger subtile Signale sendet, dass er kurz davor ist, 50 zu werden.

Ich bin mir sicher, das tut er nicht.

Danke, aber ich bin mir sicher, das tut er. Ich akzeptiere die Dinge, die ich nicht ändern kann, und Älterwerden gehört dazu. Das ist doch auch etwas Schönes, eigentlich ein Segen, ein Luxusproblem.

Was würde die 49-jährige Kylie der 18-Jährigen mit auf den Weg geben?

Schreibe Tagebuch! Ich habe das leider nicht gemacht, doch es gab so viele Erlebnisse, die ich gerne schriftlich festgehalten hätte. Heute ist ja alles irgendwo digital gespeichert, was Segen und Fluch zugleich ist, aber damals? War alles so neu für mich, so aufregend und so unbekannt. Ich hätte mir ausserdem selbst geraten, keine Angst zu haben und cool zu bleiben. Ich hätte mir gesagt: Kylie, du hast es drauf, du ziehst das jetzt durch. Und die Meinungen der Menschen, die du respektierst und bewunderst, die achtest du. Und die anderen ignorierst du. Und, ganz wichtig: Mach dir nicht so viele Sorgen. Sieh zu, dass du Spass hast.

Wissen Sie, was Sie am 28. Mai, Ihrem Geburtstag, machen werden?

Überhaupt noch nicht. Ich bin eine schrecklich schlechte Planerin. Ich habe mich noch um gar nichts gekümmert. Ich sollte wohl feiern, oder? Ich meine, ich bin seit 50 Jahren auf der Erde, und das ist doch eine wundervolle Sache.

«Golden» ab 6. April im Handel.

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