Jubiläum
Komponist Salvatore Sciarrino wird in Basel gefeiert

Der bedeutende italienische Komponist Salvatore Sciarrino wird 70 Jahre alt. Sein Werk wird in Basel verwaltet und gewürdigt.

Anja Wernicke
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Seine Musik ist ein existenzieller Klangkosmos: Der in Palermo geborene Komponist Salvatore Sciarrino wird dieses Jahr 70.

Seine Musik ist ein existenzieller Klangkosmos: Der in Palermo geborene Komponist Salvatore Sciarrino wird dieses Jahr 70.

zVg

Die Mailänder Scala ist der Inbegriff der italienischen Oper. Grosse Diven und noch grössere Maestri verbinden sich mit dieser weltbekannten Marke. Auf dem Spielplan stehen die unsterblichen Helden der italienischen Oper: Rossini, Verdi und Puccini. Uraufführungen finden kaum statt. Ein Komponist, der so gar nicht in diese Reihe passen mag, scheint aber einen Sonderstatus zu geniessen. Der 1947 in Palermo geborene Salvatore Sciarrino hat mit «Amore und Psiche» (1973) und seinem «Lohengrin» (1983) immerhin bereits zwei Werke für die Piccola Scala komponiert.

Zu seinem 70. Geburtstag wurde er nun beauftragt, ein neues Werk für die grosse Bühne zu schreiben. Gestern hatte «Ti vido, ti sento, mi perdo» Premiere. Damit gehört Sciarrino neben Karlheinz Stockhausen und Luciano Berio zu der kleinen Riege von Avantgardisten, die an diesem konservativen Haus akzeptiert wurden. Dass gerade Sciarrino diese Unterstützung erhält, verwundert nicht. Mit einer ganz eigenen Klangsprache hat er sich ein Alleinstellungsmerkmal erarbeitet, das seine Musik unverkennbar und ihn zu einem der meistbeachteten Komponisten der Gegenwart macht. Seine Oper «Luci mie traditrici», aus der kürzlich auch im Musiktheaterabend «Lamento» am Gare du Nord Szenen verwendet wurden, hat ihm den Titel des Neuerfinders der Oper eingebracht und wurde weltweit über 100 Mal gespielt.

Sciarrino gelingt es nicht trotz, sondern gerade durch seine zeitgenössische Klangsprache den Zuhörer zu berühren. Seine Instrumentalmusik, die aus sinnlich eingesetzten Geräuschklängen besteht, ist oftmals an der Grenze zum Hörbaren. Wenn er für Sänger komponiert, arbeitet er mit einer Mischung aus schnellem Sprechgesang und Seufzer-Klängen. Damit legt er das psychologische Innenspiel seiner Protagonisten frei und schickt die Zuhörer auf einen Psycho-Thriller-Trip.

Feines Sensorium

Lobeshymnen werden im Jahr seines runden Geburtstags allerorten gehalten. Doch der feinsinnige Sizilianer hält sich lieber im Hintergrund. Nicht umsonst lebt er seit mehr als 30 Jahren zurückgezogen in Città di Castello, einem kleinen historischen Örtchen in Umbrien. Hier ist er stadtbekannt. Wie ein alter Freund begrüsst ihn der Barista von der Bar an der Ecke und philosophiert mit ihm über die richtige Kürze und Stärke des Kaffees.

Details sind für Sciarrino sehr wichtig. Besuchern zeigt er mit Akribie seine geologische Sammlung, die aus verschiedenen Gesteinsarten und zu Werkzeugen geformten Steinen besteht – gleich nachdem man schon ausgiebig seine umfangreiche Sammlung von Renaissance- und Barockmalerei bestaunt hat.

Sciarrino ist kein L’art-pour-l’art-Komponist. Er interessiert sich für das grosse Ganze. Seine Begeisterung für Malerei hat er sich seit Kindertagen bewahrt. Er liest viel, vor allem philosophische Schriften, und interessiert sich stark für Geschichte und Naturwissenschaften. Und er hat ein überaus feines Sensorium. Hört man seinen Ausführungen zu, wird schnell klar, dass er dem Publikum vor allem auch diese Sensibilisierung weitergeben möchte.

Im Gespräch sagt er: «Man muss immer Kind bleiben, bei jeder Erfahrung. Wenn nicht, sind wir nur Bürokraten.» Seine Musik ermöglicht äusserst konzentriertes Zuhören, das Eintauchen in einen existenziellen Klangkosmos, das Entdecken und Erkennen neuer Klänge und Zusammenhänge. Ja man könnte sagen, seine Musik entschleunigt und lässt die intensive Konzentration erfahren, die Kinder erleben, wenn sie im Spiel ganz von einer Sache vereinnahmt sind. Darum geht es Sciarrino in der Musik wie im Leben.

Stolzer Autodidakt

Stolz und häufig betont er, dass er kein Kompositionsstudium absolviert hat. Trotzdem ist seine Musik im akademischen Kanon angekommen. Auch in Basel: Als Composer in Residence fungierte er im Studienjahr 2015/16 an der Hochschule für Musik FHNW in Basel. Intensiv arbeitete er an der Einstudierung seiner Werke und gab den Studierenden seine Erfahrungen weiter.

Und noch eine zweite Institution bindet ihn an Basel: In der Paul Sacher Stiftung werden seit dem Jahr 2011 seine Musikmanuskripte, also Entwürfe, Skizzen, Partituren und seine berühmten, ausgeklügelten Ablaufpläne, die er von jeder Komposition zunächst erstellt, archiviert und für Forschende zugänglich gemacht. In Zusammenarbeit mit dem Gare du Nord werden Vertreter der Stiftung vor dem Geburtskonzert der «neuverBand» am Freitag im Gare du Nord ein Podiumsgespräch durchführen.

Gare du Nord, Basel. Freitag, 20 Uhr, «neuverBand»:«Salvatore Sciarrino zum 70. Geburtstag», 18.30 Uhr Podiumsgespräch.