Pop
Justin Timberlake wird ein Waldmensch

Der amerikanische Superstar hat in New York sein neues Album vorgestellt. Wir waren dabei.

Steffen Rüth aus New York
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«Man Of The Woods» Justin Timberlake hat die Natur entdeckt.Sony Music

«Man Of The Woods» Justin Timberlake hat die Natur entdeckt.Sony Music

Am nächsten Sonntag wird Justin Timberlake für die Halbzeitunterhaltung bei der «Super Bowl» in Minneapolis sorgen. Doch vorher stellte der amerikanische Superstar sein neues Album «Man Of The Woods» vor. Und zwar in einem künstlich angelegten New Yorker Wäldchen. Zu diesem Zweck wurden in dieser riesigen, normalerweise leeren Veranstaltungshalle namens Skylight Clarkson Square, gelegen am Hudson River in Manhattans TriBeCa-Viertel, für den Abend Bäumchen und Sträucher aufgestellt. Und so flanieren die mehreren hundert Anwesenden (Gäste des Kreditkarten-Sponsors, Medienleute, Musik- und Filmbranchenvertreter sowie New Yorker Party-People) auf ihrem Weg von Bar zu Bar durch eine urbane Laublandschaft. Doch die dazugehörigen Tiere krabbeln nicht mehr, sie werden auf Tabletts serviert.

René Redzapi, der Küchenchef des berühmten Kopenhagener Restaurants «Noma» stellte – angeblich in monatelanger Tüftelei – das Buffet zusammen: Es gibt fermentierten, schwarzen, mit einer Ameisenglasur bestrichenen Knoblauch, getrocknete Beeren an püriertem Schweinebauch mit Schokoladensplittern und dänische Pfannkuchenbällchen mit einer Füllung aus Grashüpferpaste. Alles wirklich lecker. Wirklich!

Zurück zur Natur

«Wahnsinn, Leute, ihr habt den Wald nach New York gebracht», ruft ein strahlender Justin Timberlake, als er nach der Insektenmahlzeit den Raum betritt und fordert, man möge sein neues Album sehr laut abspielen. Timberlake, der heute seinen 37. Geburtstag feiert, ist in Begleitung seiner Frau, der Schauspielerin Jessica Biel. Er trägt Turnschuhe, Flanellhemd, Jeansjacke mit weissem Innenfell und eine rote Wollmütze und sieht also hundertprozentig so aus wie ein dezent modebewusster Mitarbeiter des Gartenbauamts.

Genau das ist ja die Idee. «Man Of The Woods», das fünfte Solo-Werk des ehemaligen Kinder- («The Mickey Mouse Club») und Teeniestars (Boyband NSYNC) sowie sein erstes seit dem zweiteiligen «The 20/20 Experience» aus dem Jahr 2013 (damals kam er noch im schnittigen Smoking daher) soll schliesslich verkauft werden als Timberlakes Zurück-zur-Natur-Album.

Auf aktuellen Pressefotos kniet der Knabe in der Prärie, im Hintergrund Pferde und die Berge Montanas. Die Timberlakes haben dort ein abgelegenes Anwesen, in dem sie sich gern aufhalten. Im Trailer zum neuen Album wetzt er durch den Schnee und breitet die Arme aus, während Jessica Biel die neue Platte als «Wilder Westen, bloss heute» beschreibt. Als vor Wochen bekannt wurde, dass Timberlake ein Duett mit Chris Stapleton, dem zurzeit erfolgreichsten Countrysänger der USA, auf dem Album hat, dachten alle: Der Justin macht jetzt also eine Country-Platte.

Alles, nur kein Country

Nur: «Man Of The Woods» ist alles Mögliche, ein Country-Album ist es aber ganz sicher nicht. Aber egal. Was man in Wirklichkeit bekommt, ist der mutige, ambitionierte, bisweilen auch überambitionierte, auf 16 Songs in 66 Minuten verteilte Versuch, mit modernsten Produktionsmitteln ein irgendwie heimeliges Klanggefühl zu schaffen. Die Soul-, Gospel- und R&B-Einflüsse aus Timberlakes Heimat Tennessee, so der Plan, sollten gekreuzt werden mit futuristischem Funk, zukunftsweisenden Beats und Sounds, die zugleich erdig und innovativ sein sollten.

Klingt kompliziert? Ist es auch. «Man Of The Woods» ist kein einfaches, zugängliches Album. Ein kristallklarer Hit wie «Can’t Stop The Feeling» ist nicht zu erkennen. Doch es ist Timberlake hoch anzurechnen, dass er es sich während der gut zweijährigen, durch die Geburt seines Sohnes Silas für längere Zeit unterbrochenen Produktionsarbeit nicht leicht gemacht hat. Zusammen mit seinem alten Spezi Tim «Timbaland» Mosley, mit dem er die interessant ungerade und nach derbem Sex klingende, sich vor Prince verneigende Robo-Pop-Single «Filthy» aufgenommen hat, sowie The Neptunes, dem Produzententeam um Pharrell Williams, reitet Timberlake durch eine Klanglandschaft, die sich mit gängigen Genrebezeichnungen nicht festzurren lässt.

Besonders stark geraten ist die housig-heftige Disconummer «Midnight Summer Jam», zu der die Lichter im Pop-up-Wäldchen zu flackern und die Leute sich zu bewegen beginnen. Der Song wirkt komplexer als vergleichbare Ware von Bruno Mars, auch cooler. Im langsameren und textlich ungewohnt persönlichen Titelsong («Man Of The Woods» ist die Übersetzung des Söhnchen-Namens Silas) mag man Anleihen an George Michaels «Faith» erkennen, «Supplies» klingt dunkel, hart, cluborientiert und für so einen Weltstar erfrischend unkommerziell.

Die Mitte des Albums hängt dann jedoch ziemlich durch: Weder das bekifft klingende «Wave», das Reggae-Duett mit Alicia Keys («Morning Light»), der gospelartige Song mit Chris Stapleton («Say Something») noch das austauschbare, wie ein irisches Trinklied wirkende «Flannel» können wirklich überzeugen. «Montana» macht dann wieder Spass zwischen «Stayin’ Alive» und Scissor Sisters. «The Hard Stuff» mit akustischer Gitarre und emotionalem Inhalt packt wirklich schön in der Herzgegend, und abschliessend brabbelt der kleine Silas im poppigsten Song, «Young Man», dann auch noch selbst.

Mit Janet Jackson auf der Bühne?

Die Albumkampagne ist nicht frei von Widersprüchen. Im Video zu «Supplies» schaut Timberlake Bildmaterial zu Harvey Weinstein, Donald Trump und dem «Women’s March», um danach als Kämpfer der Apokalypse das Böse zu meucheln. Umgekehrt verweigert er zu Woody Allen, dem sexuelles Fehlverhalten vorgeworfen wird und in dessen aktuellem Film «Wonder Wheel» Timberlake eine Hauptrolle spielt, jeden Kommentar.

Auch für seine Rolle im «Nipplegate», als er bei der «Super Bowl» 2004 Janet Jacksons Brust entblösste, hat er sich nie wirklich entschuldigt. Ihre Karriere lag danach in Scherben, seine ging bruchlos weiter. Vielleicht wäre Justin Timberlake gut beraten, Feminismus nicht nur zu promoten, sondern auch zu leben. Vielleicht fängt er bei seiner Rückkehr auf die «Super Bowl»-Bühne damit an – und bittet Janet Jackson auf die Bühne.

Justin Timberlake: Man Of The Woods (Sony). Erscheint am 2. Februar. Live: Superbowl-Halftime-Auftritt am 4. Februar.