Soul
Joss Stone wird endgültig zur Soul-Queen

Ihr enormes Talent beweist Joss Stone einmal mehr auf ihrem neuen Album «LP1». Darauf verbindet sie auf wunderbare Art und Weise den Soul der Sechziger mit modernem Pop.

Pascal Münger
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Sie ist 24 Jahre alt, hat bereits zwei Brit-Awards und einen Grammy gewonnen, sang mit James Brown und Elton John und gehört laut der «Sunday Times» zu den reichsten englischen Popsternchen unter 30 Jahren. Joss Stone hat schon einiges erlebt mit ihren jungen Jahren. Zuletzt soll sie auch noch nur knapp einem Mordanschlag entkommen sein. Zeitungen überall auf der Welt berichteten, wie am 12. Juni zwei Männer gefasst wurden, die vor Stones Landhaus in der Grafschaft Devon herumschlichen. Angeblich sollen sie Pläne des Hauses, Stricke, Schwerter und einen Leichensack dabeigehabt haben. Das klingt eher nach Utensilien aus einem Tarantino-Film. Aber man soll ja nicht immer gleich an eine PR-Masche denken, auch wenn heute die Veröffentlichung ihrer neuen CD ansteht. Verdächtig ist aber ebenfalls, dass Joss Stone in Interviews mit englischen Reportern ziemlich locker mit dem Vorfall umgeht. «Man soll sich nicht über Dinge aufregen, die nur beinahe passiert sind», sagte sie zum Beispiel.

Eigene Facetten

Aber auch wenn die Mordversuch-Geschichte aufgrund ihres neuen Albums vielleicht ein wenig aufgeblasen wurde, das gehört zum Showbusiness und ändert nichts an der Tatsache, dass Joss Stone in erster Linie eine grossartige Soulsängerin ist. Auf ihrem mittlerweile fünften Studioalbum, das schlicht «LP1» heisst, weil es das erste Album ist, das die Sängerin über ihr eigenes Label Stone’d Records veröffentlicht, beweist sie das erneut.

Zusammen mit Eurythmics-Gründer Dave Stewart hat sie ein Werk geschaffen, das auf wunderbare Art und Weise den Soul der Sechziger mit modernem Pop verbindet. Vor allem in ruhigeren Stücken wie «Landlord» oder auch «Boat Yard» kommt das zur Geltung. Stone lässt sich von der Instrumentierung leiten, singt Zeilen wie «My love is so strong, no one can movin’ me the way that you had» entlang der Gitarrenakkorde und bricht mit einem neuen Melodiebogen genau dann aus, wenn es zu durchsichtig wird. Wo sich andere Sängerinnen auf die erfolgversprechenden Melodien von Dave Stewart verlassen würden, versucht die 24-Jährige, eigene Facetten einzubringen. Das Niveau, auf dem sie dabei agiert, ist schwindelerregend hoch.

Neue Supergroup

Kein Wunder, wird Joss Stone von Soul-Legenden wie Smokey Robinson mit der «First Lady of Soul» Aretha Franklin verglichen. Dass die junge Sängerin diesem Vergleich gerecht wird und ihren Fans ebenfalls dieses brennende Knistern verleihen kann, wie es Aretha Franklin in ihrer Glanzzeit geschafft hat, ist Fakt. Für die gegenwärtige Generation an Soulfans war dieser Musikstil immer da. Soul ist nichts Neues und Revolutionäres mehr wie für die 68er-Generation. Der amerikanische Musikjournalist Chuck Klosterman hat dieses Phänomen mit der ersten Mondlandung verglichen: «Später geborene können diese Euphorie, die geherrscht haben muss, nur schwerlich nachvollziehen. Einfach aus dem Grund, weil die Mondlandung für sie schon immer da gewesen ist.»

Joss Stone gelingt es hingegen bereits mit fünf Studioalben, diesem durchgekauten Soulstil nochmals neue, eigene und berührende Noten abzuringen. Die Konstanz ihrer Arbeit macht sie zur «Soul-Queen» und zu einer authentischen Künstlerin. Wahrscheinlich ist das einer der Gründe, warum sie von Rolling-Stones-Boss Mick Jagger angefragt worden ist, in seiner neuen Band Super Heavy mitzuwirken. In dieser Band tun neben Jagger und Stone auch Dave Stewart und Bob Marleys Sohn Damian mit. Ein Album der Supergroup soll noch diesen Herbst auf den Markt kommen.

Joss Stone LP1. Sony BMG