Eigenartig, dass am Mittwoch überhaupt jemand in der Zürcher Tonhalle sass, stand doch auf dem Podium ein miserabler Dirigent vor einem üblen Orchester. Das jedenfalls mussten jene glauben, die der «NZZ» vertrauen. Ende Oktober schrieb Peter Hagmann, ihr erster Musikkritiker, nach einem Konzert mit Lionel Bringuier und dem Tonhalle-Orchester, es mangle an der klanglichen Balance, das Gefüge breche auseinander, das Orchester habe das Piano aus dem Katalog seiner Ausdrucksmittel gestrichen und die deutende Aussage sei vollkommen beiläufig geblieben.

Die Tonhalle war am Mittwochabend voll – und zum Schluss bejubelte das Publikum das Orchester und seinen neuen Chefdirigenten Lionel Bringuier. Kein Wunder, Strawinskys «Feuervogel»-Suite hatte man hinreissend gespielt: Die Bläsereinwürfe wie Wespenstiche, der Streicherklang extrem flächig und prächtig dunkel, die Schlusssteigerung umwerfend spannend.

Zugegeben: Maurice Ravels «Vals nobles et sentimentales» könnte man sich weniger zupackend vorstellen. Aber wer sagt denn, dass französische Musik dauernd diese schmetterlingshafte Leichtigkeit und schillernde Tausendfarbigkeit haben muss? In den «Vier letzten Liedern» von Richard Strauss gelang es Bringuier, der phänomenalen Sopranistin Anja Harteros geschmeidig zu folgen, ohne irgendeinen Ton zu verzuckern. Eine eigenartige Distanziertheit zu Schuberts Ouvertüre zur «Zauberharfe» trübte den Abend nur kurz.

Ungemütliche Situation

Die Situation für den neuen Chefdirigenten ist dennoch sehr ungemütlich: In Zürich die «NZZ» gegen sich zu haben, das ist schwer. Obs ihn tröstet, dass der 64-jährige Hagmann seinen alten Kämpen nachtrauert und auf vieles, was jung ist, abschätzig blickt? Ists in Zürich Bringuier, wars in Luzern im Sommer Andris Nelsons, der anstelle des verstorbenen Claudio Abbado vor dem Lucerne Festival Orchestra stand.

Bringuier wie Nelsons verströmen in ihren Dirigaten Lebenskraft, beide lassen Musik pulsieren. Die Orchester geniessen das mitsamt dem Publikum. Einst, da kritisierte Hagmann nach jeder Premiere Zürichs jungen Opernchef Franz Welser-Möst (bis er irgendwann keine von Welser-Möst dirigierten Premieren mehr besuchte). Welser-Möst hielt durch, wurde Chefdirigent in Cleveland, einem der fünf besten Orchester der USA, danach Generalmusikdirektor der Wiener Staatsoper.

Bringuier ist erst 28 Jahre alt und hat auch deswegen durchaus die Chance, der Dirigent Zürichs zu werden. Sein Vorgänger David Zinman blieb dem Grossteil der Zürcher ein Fremder.