«Helvetiarockt»

In der Musikbranche fehlt es an Frauen – Förderprojekt soll helfen

Female Lab: die Musikwerkstatt für junge Frauen.

Female Lab: die Musikwerkstatt für junge Frauen.

«Helvetiarockt» fördert junge Frauen in der Musikindustrie – egal ob auf der Bühne oder im Aufnahme- und Produktionsbereich.

Es bebt und dröhnt aus der Villa. Für das altehrwürdige Basler Sommercasino nichts Ungewöhnliches, denn Musikkünstler und Bands gehen hier ein und aus. Zurzeit kommen die Bässe von einem DJ-Workshop. Acht Frauen zwischen 17 und 25 Jahren treffen sich während einer Woche anfangs Juli täglich, um die Künste des Auflegens zu lernen.

Female Music Lab nennt sich das Projekt von «Helvetiarockt», der Schweizer Koordinationsstelle und Vernetzungsplattform Musikerinnen im Jazz, Pop und Rock. Wieso sich die Workshops in DJing, Beatmaking und Song Sketches ausschliesslich an Mädchen und junge Frauen richten? Sie sind es, die in der Schweizer Musikbranche signifikant unterrepräsentiert sind. Während in Musikschulen nach Schätzungen rund die Hälfte Mädchen sind, finden sich im professionellen Bereich auf allen Ebenen kaum Frauen. Die Studie des Basler Vereins für Musikförderung RFV zum Beispiel beziffert den Frauenanteil in der lokalen Popszene zwischen 2008 und 2017 auf zehn Prozent.

Projektleiterin Manuela Jutzi macht dafür unter anderem Geschlechterstereotypen verantwortlich, die sich auch in der Instrumenten- und Berufswahl äussern. Ausserdem würden Männer oft andere Männer ins Boot holen, weil sie im Musikgeschäft auf ein maskulines Netzwerk zurückgreifen. «Es braucht eine systematische Veränderung. Das bedeutet nicht nur mehr Frauen auf der Bühne zu sehen, sondern Strukturen zu verändern. Frauen sollen zum Beispiel auch Teil von Jurys und Vorständen sein», betont Jutzi.

Erste Schritte in einem geschützten Rahmen

Im Sommercasino verteilen sich die Teilnehmerinnen auf sechs Räume. In jedem Raum steht eine DJ-Station mit Controller, Boxen, Kopfhörern, Laptop und zum Teil auch Vinylplatten bereit. Die Kursleiterinnen Leila Tasnim (DJ Leila Moon) und Seraina Dähler (DJ Sasa) erklären technische Abläufe, danach wird mit Klängen experimentiert und an Übergängen gefeilt.
Hier entsteht eine vertrauensvolle Umgebung unter Frauen, in der mit Musik und Technik ausprobiert und komponiert wird. «Die jungen Frauen sollen erste Schritte in einem geschützten Rahmen machen dürfen. Es geht dabei nicht darum, irgendwelche DJs oder Frauenbands heranzuzüchten», meint Jutzi von «Helvetiarockt».

Dass sich das Projekt bewährt, zeigen die letztjährigen Workshops in Luzern. Die Teilnehmerinnen sind auch ein Jahr später noch in Kontakt und legen an Partys auf. Das Gemeinschaftsgefühl, das auf die intensive Kurswoche zurückgeht, wird von «Helvetiarockt» stark gefördert. Es werden Treffen organisiert und Gigs vermittelt. Denn auch für Frauen soll innerhalb der Musikbranche ein Netzwerk entstehen.

Diesen Sommer und Herbst finden die Workshops neben Basel erneut in Luzern und neu auch in Burgdorf und Genf statt. Manuela Jutzi hofft, dass sich das Projekt irgendwann verselbstständigt: «Wir von ‹Helvetiarockt› haben zum Ziel, dass es uns irgendwann nicht mehr braucht.» 2021 soll das Female Music Lab auf acht Standorte ausgebaut sein und danach von den Standortpartner weitergeführt werden. Das wirkliche Ziel sei aber erst erreicht, wenn die Musikindustrie Frauen tatsächlich repräsentiert. «Frauen sollen keine Minderheit mehr darstellen», meint Manuela Jutzi.

Am Ende des DJ-Kurses in Basel gehen die Teilnehmerinnen vorerst wieder getrennte Wege. Als Geschenk bekommen sie die DJ-Software mit auf den Weg, damit sie auch zu Hause weiter experimentieren können.

 

Female Music Lab
Mehr Infos zum Programm: femalemusiclab.ch

Meistgesehen

Artboard 1