Festivalsommer
Im Lied «Ah, Vita Bella!» lacht sie dem Tod ins Gesicht

Sie füllt mit ihrer Stimme den Konzertsaal bis in die hinterste Ecke: Lucilla Galeazzi. Sie bringt mediterrane Lebensfreude an die Lenzburgiade nach Lenzburg.

Julia Bänninger
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Will mit ihrer Musik das italienische Vergnügen des Augenblicks weitergeben: Lucilla Galeazzi.

Will mit ihrer Musik das italienische Vergnügen des Augenblicks weitergeben: Lucilla Galeazzi.

HO

Flammend rot ist ihr Haar gefärbt. Auf der Bühne sprüht Lucilla Galeazzi vor Energie, will mit ihrer Stimme den Konzertsaal bis in die hinterste Ecke füllen. Schon in jungen Jahren, während ihres Musikstudiums, begann sich die feurige Sängerin aus Italien für volkstümliche Musik ihrer Heimat Umbrien zu interessieren. Heute gilt sie als eine der besten Interpretinnen italienischer Volkslieder.

Bei einem Auftritt in Chiasso lassen wir uns überwältigen von ihrer kräftigen Stimme. Gemeinsam mit zwei anderen Sängerinnen, begleitet von Gitarre und Akkordeon, nimmt sie das Publikum mit in die Welt der italienischen Traditionsmusik – man kann nicht anders als mitklatschen, mitwippen. Und ja, mitsingen. Am Ende der Vorstellung von «Bella Ciao» tobt der ausverkaufte Saal des Cinema Teatro.

Teo Gheorghiu

Teo Gheorghiu

Daniel Hope

Daniel Hope

harald hoffmann

Lenzburgiade: Musikalische Weltreisen

Kaum beginnt nächsten Dienstag die Lenzburgiade, heisst es, in den Himmel gucken: Nicht nur der Stars wegen, die da allabendlich von irgendwoher hinunter nach Lenzburg steigen, sondern vor allem wegen der Witterung: Ist sie gut, wird auf dem Schlosshof gespielt, ist sie schlecht, weicht man in den Rittersaal aus. Aber auch die Konzerte im Alten Gemeindesaal werden bei guter Witterung und warmen Temperaturen jeweils auf dem Metzgplatz in der Altstadt abgehalten.

Am Dienstag geht der Konzertreigen los mit Stargeiger Daniel Hope: der Engländer spielt zwei Versionen von Vivaldis «Vier Jahreszeiten»: Einmal jene berühmte von Antonio Vivaldi, einmal jene «neue» von Max Richter. In die Wüste geht es am Mittwoch, wenn Yaïr Dalal und das arabisch-israelische Ensemble Al-Ol in orientalischen Klangwelten der Beduinen verführen.

«Getanzt» wird am Freitag, wenn der Titel «Barroco Espanol&Flamenco Tradicional» lautet: Der Bratschist Nils Mönkemeyer sowie Patricia Guererro und Anel Farina, ein Flamenco-Tanzpaar aus Spanien, werden nach Lenzburg kommen.

Die Schweizer sind am Samstag dran: Pianist Teo Gheorghiu wird mit dem Carmina Quartett – Festivalleiter Stephan Goerner sitzt dort am Cello – Mozart, Brahms und Musik von Daniel Schnyder spielen. Nach England führt die Reise am Sonntag, Musik aus Tavernen und Wirtshäusern des 17. Jahrhunderts, begleitet von Anekdoten, Witzen und Bier, wird zu hören sein, wenn die Alehouse Boys auftreten.

Das Programm in der Stadt unten, im Alten Gemeindesaal, ist nicht minder bunt gemischt – noch mehr volkstümlich: Musik aus Bosnien-Herzegowina, dem Tessin, dem Appenzell und dem Engadin wird hier gespielt. (bez)

Auftritte in der Gruppe

Es ist nicht ungewöhnlich, dass die Solo-Musikerin mit anderen Künstlern auftritt. Auch Ende Juni, wenn Galeazzi anlässlich der «Lenzburgiade» in den Aargau kommt, wird sie von traditionellen Instrumenten wie Tamburin, Gitarre, Akkordeon und Kontrabass begleitet. Die Gruppe will mit mediterraner Lebensfreude die «Festa Italiana» auf die Bühne holen, um gemeinsam mit dem Publikum die zwei grössten Volksfeste Italiens zu feiern: «Festa de Carnevale» und «Festa di Maggio».

«Diese Feiern finden beide Anfang des Jahres statt», erklärt die 64-Jährige. Da sei zuerst der Karneval im Februar, der die Menschen von den Beschwernissen und Mühseligkeiten des vorherigen Jahres reinigen solle. Man tanze, singe, verkleide sich: «Früher befanden sich die Menschen zur Zeit des Karnevals noch immer in der schlimmsten Zeit des Jahres. Der Winter war noch nicht vorbei und die Vorräte fast aufgebraucht.

Doch die Leute wollten das Jahr mit Freude beginnen, mit Hoffnung auf die Zukunft», erklärt Galeazzi. Für einige Tage wollten Hunger und Not vergessen sein – die karge Zeit im März würde erst noch kommen. «Im Mai gibt es dann das Frühlingsfest, das die aufkommende Wärme und das Aufwachen der Natur feiert», erzählt die Sängerin weiter und lacht: «Es gehe um das magische Ritual, wenn die ganze Tier- und Pflanzenwelt sich zu paaren beginnt – auch die Menschen.» So seien Liebeslieder typisch für dieses Fest – fröhliche wie traurige. Insgesamt sei «Festa Italiana» aber ein beschwingtes Programm, mit Tanz, Bewegung und Lebenslust.

Vielfältige italienische Dialekte

Das Repertoire an traditionellen Liedern in Italien ist enorm. Ungewöhnlich sind noch heute die zahlreichen, sehr unterschiedlichen Dialekte des Landes – oft so eigen, dass auch Einheimische nicht alle verstehen können. So lernte Galeazzi auf der Suche nach Volksliedern ausserhalb ihrer Heimatregion Dialekte wie Sizilianisch und Piemontesisch. «Durch Italien sind viele Völker gezogen – Griechen, Araber, Spanier, Türken, Franzosen und Deutsche – sie alle haben ihre Spuren in unserer Sprache hinterlassen», erklärt die gebildete Sängerin. Sie beschäftigte sich intensiv mit der Klangfarbe der Sprache. Ihren Schülern, die sie nebenher am Konservatorium in Terni unterrichtet, sagt sie: «Vergesst die Musik und singt die Wörter.»

Eine Melodie ohne Worte sei farblos, erklärt Galeazzi und summt sogleich ein Beispiel. Tatsächlich: Als die Musikerin dieselbe Melodie mit Text singt, klingt diese anders, kräftiger, berührender – auch ohne die Sprache zu verstehen. «Es sind die Worte, die der Musik ihre Farbe und ihren Sinn geben, denn unter jeder Sprache liegt ein Melodien-Teppich. Jede Sprache, jeder Dialekt ist da anders – das ist es auch, was den Unterschied zwischen den verschiedenen Liedern macht», sagt die Sängerin. «Musik ohne Sprache gibt es. Aber Worte ohne Musik existieren nicht.»

Galeazzi schreibt auch selbst neue Lieder, wofür sie sich – ganz im Sinne traditioneller Volksmusik – von starken Emotionen anregen lässt. Im Lied «Ah, Vita Bella!» lacht sie dem Tod ins Gesicht und in «Allora voglio una casa» träumt sie schmunzelnd vom perfekten Heim. Oder sie lässt sich von Augenblicken der Trauer inspirieren, schreibt ein Lied, um den Tod einer guten Freundin zu verarbeiten.

Oper nur als Zuhören

Hat sie sich nie überlegt, auf einer Opernbühne zu stehen? Galeazzi schüttelt den Kopf und erklärt: «Ich liebe die Oper, aber das ist nichts für meine Stimme. Ich habe ein Feuer in meiner Seele, die nicht mit Opernmusik zusammenpasst.» Die barocke Musik sei zu leicht, zu elegant, zu elitär. Volksmusik berühre die Ärmsten
und Unglücklichsten, die Lieder seien eine Mischung aus Verzweiflung, Hoffnung und Freude.

Es gehe häufig um den «piacere del momento» – um das Vergnügen des Augenblicks. «Die Lieder entstanden aus einer Arbeiterkultur heraus, welche die Schwierigkeiten des Lebens kennt und die raren Momente des Glücks dafür mit doppelter Leidenschaft geniessen kann», erklärt die Sängerin. Dieses Gefühl des Hier und Jetzt ist es wohl, was einen Konzert-Abend mit Lucilla Galeazzi so einmalig macht.

Festa Italiana Alter Gemeindesaal Lenzburg, Samstag, 27. Juni, 20 Uhr.