Konzert

«Ihr könnt alles auf die Bühne werfen, bloss keinen Fisch!»

Ein «Rock ’n’ Roll Star»: Liam Gallagher auf dem Lörracher Marktplatz.

Ein «Rock ’n’ Roll Star»: Liam Gallagher auf dem Lörracher Marktplatz.

Liam Gallagher musste seinen Auftritt am Stimmen-Festival in Lörrach abrupt unterbrechen — allerdings war der britische Sänger für einmal nicht selber schuld.

Er ist immer für eine Überraschung gut: Als Frontmann von Oasis hat Liam Gallagher für unzählige Konzertanekdoten gesorgt. Unvergesslich hierzulande, wie die Band einst das gesamte Publikum des Paléo-Festivals vor den Kopf stiess, als sie ihr Konzert nach wenigen Minuten beendete. Angeblich, weil Gallagher von PET-Flaschen und Münzen getroffen worden war. Das sah man im Publikum allerdings anders und vermutete eine billige Ausrede. Die 35 000 angereisten Besucher pfiffen minutenlang und waren beträchtlich sauer.
Ein andermal, in Zürich, stoppte der Leadsänger jedes Mal, wenn das Publikum aus voller Kehle einen der Klassiker mitsang. Er verbat sich diese Form der Teilnahme.

Stille nach Stromausfall

Ein unberechenbarer Kerl also, dieser Liam Gallagher, berüchtigt für seine Launen und auch für seine Auseinandersetzungen mit Bruder Noel Gallagher. Seit neun Jahren ist ihre Band Oasis Geschichte, beide gehen musikalisch getrennte Wege.

Am Mittwoch führte Liam Gallaghers Tour nach Lörrach (D), ans grenzüberschreitende Stimmen-Festival. Und auch da wars nach 12 Minuten plötzlich still. Für einmal war es aber nicht Gallagher selber, der für einen Abbruch sorgte, sondern die Technik. Mitten im dritten Song gingen die Lichter aus. Kurzschluss. Die Musiker verliessen wortlos die Bühne. Ein Stromausfall. Der erste in der Geschichte dieses Festivals, wie «Stimmen»-Sprecher Jan Obri auf Rückfrage sagte. Und das ausgerechnet bei einem so launischen Musiker. Ob Liam Gallagher durch diesen Vorfall gleich ganz den Stecker ziehen und im Trotz abreisen würde?

Minuten verstrichen ohne Informationen. Die Fans überbrückten die Zeit mit Gesängen, stimmten «Football’s Coming Home» an, im Wissen, dass dies dem Fussballfan hinter der Bühne gefallen würde. Und sie sangen auch «Don’t look back in Anger», einen der grossen Oasis-Heuler, als wollten sie den Sänger besänftigen und über diesen misslichen Konzertunterbruch hinwegtrösten.

Nach einer Viertelstunde kehrte Gallagher zurück und setzte mit seiner fünfköpfigen Begleitband das Konzert fort. Solide spielten sie sich durch Lieder seines gelungenen Albums «As You Were», mit dem er im vergangenen Herbst seinen späten, aber überzeugenden Einstand als Solomusiker gegeben hat.

Auch wenn er in Interviews betonte, dass er kein Künstler, sondern nur Sänger sei, kann man ihm angehörs seiner eigenen Lieder nicht absprechen, als Songwriter Talent zu haben. Das offenbarte sich auch auf der Bühne: Solo-Nummern wie «For What It’s Worth» reihten sich stimmig ins Konzert-Repertoire ein, ein Repertoire, das allerdings klar von Oasis-Songs geprägt war.

Und diese hatte sich das Publikum auch erhofft, die einprägsamen Klassiker, mit denen die Mancunians in den 90er-Jahren den Britpop prägten: Vom treibenden Garagenrock in «Bring It on Down» und «Cigarettes & Alcohol» bis zum schwelgerischen Überhit «Wonderwall» und dem balladesken «Live Forever». Dieses bildete nach 65 Minuten einen überraschenden, weil etwas verfrühten Abschluss eines Konzerts, das nicht brillant abgemischt war, ansonsten aber Freude bereitete.

So viel Freude, dass man Liam Gallagher den Abgang nach rund einer Stunde auch nicht übel nahm. Der 45-jährige Mann aus Manchester wirkte weitaus weniger schnoddrig als in der Vergangenheit. Er sagte «Thank you» statt «Fuck you» und nahm gar den Vorfall beim vorherigen Konzert in Spanien, als ein toter Fisch auf die Bühne flog, mit Humor: «Ich hoffe, keiner von euch hat heute einen Fisch dabei. Ihr könnt alles auf die Bühne werfen, bloss keinen Fisch.»

Kommt nun die Oasis-Reunion?

Liam Gallagher wirkte in Lörrach entspannt, dankbar, ja, er schenkte gar seine Maracas einem kleinen Jungen im Publikum. So rührend, so herzlich – ist das grosse Enfant terrible geläutert? Oder einfach harmoniesüchtig? Vor wenigen Tagen kickte er auf Twitter seinen Bruder an und fragte ihn: Wärs nicht an der Zeit für eine Oasis-Reunion?
Sein älterer Bruder Noel, derzeit mit dem eigenen Projekt High Flying Birds unterwegs, reagierte bislang nicht. Aber was nicht ist, kann bei Oasis («Definitely maybe») ja noch werden.

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