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«Ich bin schmerzhaft ehrlich» – Pink ist auf ihrem neuen Album fast schon altersleise

Die perfekte Pop-Handwerkerin: Alecia Moore alias Pink. Sølve Sundsbø

Die perfekte Pop-Handwerkerin: Alecia Moore alias Pink. Sølve Sundsbø

So sanftmütig und zuversichtlich wie auf ihrem neuen Album «Hurts 2B Human» klang Pink noch nie.

«Maybe I’m just scared to be happy», singt Pink im Refrain von «Happy»: «Vielleicht habe ich einfach nur Angst vorm Glücklichsein». Und jedes Mal, wenn sie es versuche, stehe sie sich wieder selbst im Weg. «Mein Kopf wirbelt mein Herz immer wieder durcheinander, da kann ich machen, was ich will», sagt Pink. Die Musik dazu ist wunderbar unaufdringlich, einfach eine akustische Gitarre, kein Lärm, kein Zinnober, im Mittelpunkt Pinks Stimme und ihre intimen Bekenntnisse.

Man dürfte in diesen Zeiten der auch musikalisch oft oberflächlichen Bedürfnisbefriedigung nicht viele aktuelle Alben finden, die einen so nah ranlassen an den Menschen hinter der Musik wie Pinks achtes Studiowerk «Hurts 2B Human».

Offen zu sein, bis es bisweilen wehtut, war freilich immer schon ihr Quasi-Alleinstellungsmerkmal unter den grossen Popweltstars der letzten Jahrzehnte. Man erinnere sich etwa an Pinks sehr persönliches Album «M!ssundaztood» aus dem Jahr 2001, auf dem sie kaum etwas ausliess von zerrütteten Familienverhältnissen, dem Verlassen des Elternhauses bis zu frühem Drogenkonsum und dem Abhängen mit fragwürdigen Gestalten als junger Teenager.

«Ich verkaufe keinen Sex»

Später dann nahm das Mädchen, das im Gegensatz zu heutigen Jungstars wie Billie Eilish oder Shawn Mendes aus keinem privilegierten Elternhaus stammt, die Kurve und kämpfte sich nach vorn. «Ich verkaufe keinen Sex», sagte sie jüngst gegenüber «Variety». «Ich verkaufe kein Parfüm. Ich bin sicher nicht die Hübscheste. Aber ich habe genug Talent für diesen Job, ich trainiere hart und ich bin überzeugt, dass ich eine hervorragende Pop-Handwerkerin bin. Ich gebe immer Vollgas.»

Und noch eine Eigenschaft macht sie besonders: «Ich bin schmerzhaft ehrlich», so Pink, die als Alecia Moore zur Welt kam. «Ich kann gar nicht anders. Ich bin miserabel darin, jemandem etwas vorzuspielen. Und ich bin tatsächlich eine notorische Zweiflerin.» Mit dieser Haltung, so ihre Überzeugung, stehe sie freilich nicht allein. «Ich kenne wirklich niemanden, der sich seiner selbst oder auch seiner Beziehung zu hundert Prozent sicher ist. Es gibt Phasen, die sind verflucht hart. Phasen, in denen du alles hinterfragst.»

Pink ist – mit zwei kurzen Unterbrechungen – seit 18 Jahren mit dem Motocross-Fahrer Carey Hart zusammen, 2006 haben die beiden geheiratet, das Paar hat zwei Kinder: Tochter Willow (7) und Sohn Jameson (2).

So unverkrampft und mitteilsam sie sich in ihren Songs gibt, so locker präsentiert sie auch sich und ihre Liebsten in den sozialen Medien. Wer Pink folgt, bekommt den Eindruck einer eigentlich ganz normalen, viel reisenden Familie. Bloss, dass Mommy einen Job hat, bei dem sie abends dann vor Zehntausenden von Leuten an Seilen durch die Gegend saust und Welthits singt.

Erwachsenere Töne

Der aufrichtige, ernsthafte, ja erwachsene Ton (Pink wird im September 40) prägt indes nicht nur den Song «Happy», sondern praktisch das gesamte Album. Kein Vergleich mit dem erst vor anderthalb Jahren erschienenen «Beautiful Trauma», das inhaltlich stark von der volatilen Liebe zu Carey geprägt ist. Auf «Beautiful Trauma» hadert und schimpft Pink deutlich mehr als auf «Hurts 2B Human», auch musikalisch ist der Vorgänger wüster.

«Kämpfe und Auseinandersetzungen», weiss Pink, «sind ein entscheidender Bestandteil des Lebens. Ich war nie gut darin, in so einem sanften, harmonischen Flow durchs Leben zu schweben.» Doch nun scheint sie den Versuch zu starten. Zum Beispiel im Titelsong, einem Duett mit Khalid. Zu ruhigem Beginn und mit sich langsam steigernder Intensität beschreibt Pink das Szenario einer Zweisamkeit, die nicht frei von Fehlern ist, aber in entscheidenden Momenten halt nicht zerbricht – sondern hält.

Auch in «Walk Me Home», der ersten Single, geht es um Geborgenheit, um das Gefühl, sich auf den anderen verlassen zu können. Das ist vielleicht bieder und nicht besonders Rock ’n’ Roll, aber es ist nun mal die Realität. «Auch ich bin ruhiger geworden», sagt Pink, «etwas.»

Wie Lady Gaga und Cooper

Und so räumt sie im abermals entspannt-unaufgepeppten «My Attic» die Leichen im Keller («sober plans and one-night stands») auf, und das melancholische «90 Days» geht richtig an die Nieren, so schön ist dieses Lied. Ja, und «Love Me Anyway», das Pink gemeinsam mit Country-Kerl Chris Stapleton singt, legt Vergleiche zu Lady Gagas und Bradley Coopers Filmsong «Shallow» aufs sprichwörtliche Silbertablett.

Die grosse Politik bleibt bei Pinks introspektiven Offenbarungen aussen vor, nur im pulsierenden «Can We Pretend» singt sie die hübsch-fiese Zeile «Can we pretend that we both like the president», während das erbauungshymnische «Courage» auch als Ermunterung an all die jungen Menschen verstanden werden könnte, die sich gerade nichts mehr gefallen lassen.

«Die Nachrichten, die ganze Welt, das überfordert mich manchmal», sagt Pink. «Oft will ich mich nur noch in irgendeiner Ecke verstecken, weil ich das alles nicht mehr hören und ertragen kann.» Auch keine Dauerlösung. «Nein. Und deshalb begeistern mich die jungen Menschen, die auf Demos marschieren. Das gab es zu meiner Zeit nicht. Die jungen Leute wollen mitreden und an den Entscheidungen, die sie schliesslich am stärksten betreffen, beteiligt werden.»

Ein paar schnelle Nummern gibt es auf «Hurts 2B Human» übrigens auch. «Hustle» ist eine coole Verbeugung vor dem Motown-Soul, das aus der Max-Martin-Hitbäckerei stammende «(Hey Why) Miss You Sometime» kann auch auf Hip-Hop-Partys laufen. «Ich wollte nie in einer Schublade stecken. Denn dort bist du gefangen. Mir war es immer wichtig, als Künstlerin Risiken einzugehen, zu wachsen, die Grenzen zu verwischen.» Aber das Herz von «Hurts 2B Human» ist und bleibt die Liebe.

 

Pink «Hurts 2B Human» (RCA Records).
Live: 30.7., Letzigrund Zürich.

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