Heute Mittwoch geht es los: Das 26. Offbeat Jazzfestival Basel öffnet seine Tore – und schon jetzt sind viele Konzerte ausverkauft. Vielleicht, weil es Urs Blindenbacher und seinem Team wieder einmal gelungen ist, wichtige Repräsentanten der weltweiten Szene nach Basel zu holen. Vielleicht aber auch, weil der Jazz wie kaum ein anderer Stil die Vielfalt unserer Welt abbildet und sie musikalisch umsetzt. Dabei geht es weniger um unbedingt originäres musikalisches Schaffen, das Erscheinungen der Gegenwart aufgreift und verarbeitet, sondern ebenso um eine Auseinandersetzung mit dem musikalischen Erbe und dessen Wurzeln. Darin findet sich das Publikum offensichtlich wieder.

Eröffnet wir das Festival heute Abend von Richard Galliano und Sylvain Luc, beides Koryphäen auf ihren Instrumenten: ersterer als Akkordeonist, letzterer als Gitarrist. Beide haben zunächst eine klassische Musikausbildung durchlaufen und fanden erst später zum Jazz. Und beide bewegen sich weiterhin in der klassischen Musik – und in vielen anderen Zwischenbereichen der akustischen Welt.

Sehnsuchtstraum aus Paris

Nun präsentieren sie mit «La vie en rose» eine Hommage an Edith Piaf, die grosse französische Chansonniere, deren Authentizität und Gebrochenheit bis heute unerreicht bleibt. Das ist zunächst einmal nichts Neues; landauf, landab stehen Sängerinnen auf der Bühne und huldigen der kleinen Grande Dame – man erinnere sich an den zweifelhaften Auftritt von Patricia Kas an der Bâloise-Session vor zwei Jahren.

Hier stehen nun aber zwei Männer auf der Bühne – die Dame fällt also weg und damit auch der Versuch, ihrer Stimme nahezukommen. Stattdessen nähern sich Galliano und Luc der Piaf rein instrumental. Sie erschaffen mit Akkordeon und Gitarre den Sehnsuchtsraum des Paris der 50er-Jahre und toben sich darin hochvirtuos und gefühlvoll aus.

Maritime Rettungsaktion

Richard Galliano bestreitet auch einen zweiten Abend am Festival, gemeinsam mit Jan Lundgren am Klavier und Paolo Fresu an der Trompete. «Mare nostrum II» heisst der Titel des Konzerts am 3. Mai, bringt also die Fortsetzung des gleichnamigen Vorgänger-Albums. «Ein lyrisches Jazz-Ensemble mit einem verwegenen Sinn für Gelassenheit» – so charakterisierte ein amerikanischer Kritiker das Trio nach dem ersten «Mare Nostrum»-Album.

Dieser Abend beinhaltet im Gegensatz zum Ersten grösstenteils Eigenkompositionen, ergänzt durch Adaptionen von Claudio Monteverdi und Eric Satie. Ein Franzose, ein Schwede und ein Sarde zeichnen damit eine musikalische Landkarte des heutigen Europa, voller Sehnsucht, Melancholie und Stärke. Von beiden Projekten wurden über 70 000 CD verkauft, ein erstaunlicher Wert für Jazz-Alben.

Ebenfalls eine Hommage und ebenfalls sehr erfolgreich ist das Grossprojekt des schwedischen Posaunisten Nils Landgren am 21. April. Zusammen mit der Basel Sinfonietta spielt er ein «Tribute to Leonard Bernstein», den grossen amerikanischen Komponisten und Arrangeur. Er hat dabei eine Form gewählt, die Bernstein mit Sicherheit mehr gerecht wird als ein Big-Band-Abend: eine Quartett-Besetzung mit Piano, Bass, Trompete und Drums, dazu Gesang und der Klangkörper eines sinfonischen Orchesters.

Mit der «Cuban-Night» kommen schliesslich die lateinamerikanischen Wurzeln zum Tragen, Dee Dee Bridgewater bringt New-Orleans-Atmosphäre nach Basel, Michael Wollny lädt ein zu einer Nachtfahrt auf dem Piano. Der junge Deutsche Pianist wird schon als neuer Keith Jarrett gehandelt, und auch er bezieht zahlreiche Einflüsse unserer Zeit in sein Schaffen mit ein.

Musik der Moderne

Bei Jazz denkt mancher noch immer an verrauchte Spunten irgendwo in einer amerikanischen Grossstadt, wo unerkannte Genies ihr musikalisches Schatzkästchen öffnen und vielleicht nie entdeckt werden. Das gibt es immer noch. Daneben ist aber eine Szene entstanden, die sich wie keine andere alle möglichen Stile unserer Gegenwart angeeignet hat.

Und genau das offenbart das Offbeat-Festivalprogramm: Jazz bedeutet heute eine Durchdringung aller Musikstile, seien es klassische Musik, Volksmusik oder Pop. Zugleich bedeutet Jazz eine Befreiung von Klischees und Konventionen, wenn Musiker alte Songs neu interpretieren, Stimmungen neu aufladen oder hinterfragen.

Zugleich wird laufend neue Jazz-Musik geschrieben, werden neue Klänge ausgelotet und Standards komponiert. Das alles passiert in einem riesigen Geflecht von Bezügen und einem erhöhten Bewusstsein für Ähnlichkeiten und Gemeinsames. Dadurch ist Jazz sowohl eine übergeordnete Ebene, die kommentiert und interpretiert, zugleich aber auch ein eigenständiges musikalisches Universum, das immer wieder Neues generiert. Und mit dem Jazzfestival kann man dieses ganz eigene Universum an zwanzig Konzerten in Basel erleben.

Offbeat Jazzfestival 20. April bis 12. Mai. Eröffnung: Mittwoch, 20. April, Volkshaus Basel, 20 Uhr, mit Richard Galliano und Sylvain Luc. Weitere Konzerte im Stadtcasino, The Bird’s Eye Jazz Club, Gare du Nord und im Jazzcampus Basel.