Interview

Herbert Grönemeyer: «Heute macht mir Musik wieder Freude»

Herbert Grönemeyer singt sein Lied Schiffsverkehr

Herbert Grönemeyer singt sein Lied Schiffsverkehr

Herbert Grönemeyer (54) ist nächste Woche für zwei Konzerte in der Schweiz. Im Interview mit der az erklärt der Musiker, wie er das schwierige Thema der Alzheimer-Erkrankung seiner Mutter in einem Song niedergeschrieben hat.

Herbert Grönemeyer, sind Sie abergläubisch?

Herbert Grönemeyer:Abergläubisch? Das hält sich in Grenzen. Ich habe eine gute Astrologin, mit der ich ab und zu plaudere, die mir aber nichts voraussagt.

Ist 13 eine Glückszahl?

Ach so... Guter Punkt, 13. Album! (lacht) Ich habe noch nie mit der 13 oder an einem Freitag, 13., Probleme gehabt. Ausserdem steht in der chinesischen Numerologie 1 für Pioniergeist und 3 für Glück. Es ist also eine gute Zahl.

Der CD nach scheint es Ihnen ziemlich gut zu gehen...

Natürlich beschäftigen mich gewisse Gedanken und Erinnerungen. Ich schlage mich auch wie jeder Mensch mit dem Alltag herum, aber ich habe das Gefühl, dass ich – nach Jahrzehnten beinahe – an einem Punkt bin, wo mir die Musik wieder Freude macht wie in den 80er-Jahren. Sie geht leicht von der Hand und ist nicht so verkopft.

Können Sie ohne Musik sein?

Nein, ich setze mich fast täglich ans Klavier und klimpere herum. Während ich Bekanntes vor mich hin spiele, entstehen plötzlich neue Motive oder Akkordfolgen. Die nehme ich dann gleich, fummle daran herum und singe etwas drauf.

Wie lange haben Sie gebraucht, um so unter die Haut gehend über die Alzheimerkrankheit Ihrer Mutter schreiben zu können, wie es Ihnen in «Deine Zeit» gelungen ist?

Das war sehr, sehr schwierig. Ich ging mit grosser Vorsicht ran und tauschte mich mit einem Co-Autor aus. Meine Mutter ist glücklicherweise guter Dinge, was bei dieser Krankheit nicht oft der Fall ist. Sie wirkt fast heiter, was sie in ihrem früheren Leben nicht unbedingt war, und sehr würdig. Für den Aussenstehenden ist es sehr schwierig, wenn jemand anfängt, sich gedanklich in eine andere Welt zu flüchten, in der er nicht mehr an diesen Menschen rankommt. Du machst dir immer Gedanken: Wie kann ich ihn holen?

Welche Erfahrung machen Sie?

Es geht fast nur über Emotionen. Es ist verrückt, wie stark sie darauf reagiert. Gleichzeitig merkt man aber, dass die Gespräche, die man führen will oder möchte, nicht möglich sind, obwohl die Krankheit bei ihr noch gar nicht weit fortgeschritten ist. Ich habe jedoch gelernt, nicht alles so tragisch zu nehmen, da sich andere Menschen in diesem Alter ebenfalls in ihre eigene Welt zurückziehen – nur auf eine andere Art.

Konnten Sie das Lied Ihrer Mutter vorspielen?

Nein, aber ich werde es noch tun. Ich denke, sie wird es als schönes Lied empfinden, aber den Inhalt nicht wahrnehmen. Sie ist jedoch nie gross auf meine Texte eingestiegen.

Wie sehen Sie das eindringliche «Auf dem Feld» nun vor dem Hintergrund des Libyen-Kriegs?

Der Ansatz, das Lied zu schreiben, war das Gefühl, dass der Kampf gegen die Taliban in Afghanistan keine gerechte Sache ist. Schliesslich sind sie von den USA dort angesiedelt worden, damit sie gegen die russischen Besatzer kämpften. Nun ist es für mich aber nicht nachvollziehbar, dass Deutschland der Opposition in Libyen die militärische Unterstützung verweigert, obwohl der Diktator sein eigenes Volk beschiesst.

Da haben Sie es viel besser. Wofür pendeln Sie zwischen London, Berlin und Zürich?

Jede Stadt hat einen anderen Charakter, versetzt dich in eine andere Stimmung. London ist extrem schnell, extrem geldbetont, sehr humorvoll, hart und nicht ganz ungefährlich, aber natürlich auch sehr inspirierend, denn der Kopf muss ununterbrochen wach bleiben. Berlin ist vielleicht die Stadt weltweit, in der am meisten Gegenwart stattfindet. Seit der Wiedervereinigung gibt es wahnsinnig viele Baustellen. Im Gegensatz zu Hamburg, Stuttgart oder München ist Berlin nicht geldbezogen, eher alternativ, sehr günstig.

Und wie empfinden Sie Zürich?

Die Landschaft mit dem grossen See in der Mitte, der kraftvoll und nicht melancholisch wirkt, ist hinreissend. Zürich ist für seine Grösse sehr vital. Du kannst alles finden, was du willst: Schnelle Köpfe, tolle Kultur und ganz besonders Gastronomie. Fraglos die entspannteste der drei Städte. Zürich wirkt klug und sehr höflich, hat auch einen guten Humor. Den haben die Deutschen weniger, aber so viel Selbstironie hätte ich auch den Schweizern nicht zugetraut...

Welche Erinnerungen hat der Fussball-Fan Grönemeyer an sein erstes Gastspiel auf dem heiligen Kunstrasen des ehemaligen Berner Wankdorfstadions?

Es war leicht verregnet, der Platz im Stade de Suisse beim Abschlusskonzert der letzten Tournee nicht leicht bespielbar, aber das Stadion ist toll. Ein wundervolles Konzert! Trotzdem hoffe ich, dass das Wetter seine Chance nutzen und nächste Woche besser sein wird!

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