Alte Musik
Getrieben von der Suche nach Neuem

Daniela Dolcis Ensemble Musica Fiorita ist 25 Jahre alt – es gehört zu den wichtigen und ältesten in Basel. «Ich liebe es, in Bibliotheken nach vergessenen, verschollenen Werken zu suchen», so Dolci.

Christian Fluri
Drucken
Teilen
Daniela Dolci leitet das Ensemble Musica Fiorita, hier bei einem Auftritt in der Peterskirche in Basel.

Daniela Dolci leitet das Ensemble Musica Fiorita, hier bei einem Auftritt in der Peterskirche in Basel.

Susanna Drescher

Musica Fiorita beschenkt uns seit 25 Jahren mit neuer Musik. Die Werke, die das von Daniela Dolci gegründete und geleitete Basler Ensemble für Alte Musik zur Aufführung bringt, stammen zwar aus dem 17. und 18. Jahrhundert, dem Barock. Neu ist diese Musik für uns, weil sie und ihre Schöpfer meist vergessen sind. Oder, weil die Cembalistin und Organistin Daniela Dolci und ihr Ensemble aufgrund des Quellenstudiums mit ungewohntem musikalischem Zugriff an sie herangehen.

Daniela Dolci: Cembalistin, Organistin, Leiterin Musica Fiorita.

Daniela Dolci: Cembalistin, Organistin, Leiterin Musica Fiorita.

Zur Verfügung gestellt

Daniela Dolci hat wichtige Barockkomponistinnen wiederentdeckt – wie die Venezianerin Barbara Strozzi (1619–1677), die Römerin Camilla de Rossi (1670–1710) oder die Französin Elisabeth Jacquet de la Guerre (1665–1729). Ebenso hat sie mit ihrem Ensemble die musikalischen Schätze des Aargauer Komponisten Johann Melchior Gletle (1626–1683) gehoben. Mit «dieser schönen Musik» erscheint im Dezember zum Abschluss des Jubiläumsjahrs eine
4-CD-Box.

Bereits erschienen ist die CD mit dem «Vespro della Beata Vergine» des Mailänders Giovanni Paolo Cima. Die Vesper stammt aus dem Jahr 1610, dem gleichen von Claudio Monteverdis berühmter Marienvesper (siehe Kontext).

Im Oktober folgt die Einspielung von Georg Friedrich Händels Oratorium «The Messiah» – ein Barock-Evergreen, der bei Musica Fiorita anders als gewohnt klingen wird. Daniela Dolci erwähnt, dass sich selbst unter Barock-Spezialisten Konventionen durchgesetzt haben, die im pompösen Klangcharakter dem 19. Jahrhundert entstammen.

Jedes Projekt gebiert weitere

«Jede Entdeckung, die ich mache, führt zu weiteren», erläutert Daniela Dolci in unserem Gespräch. Jedes musikalische Projekt gebiert weitere. So reihen sich die musikalischen Produktionen von Musica Fiorita wie eine verschlungene Kette aneinander.

Berührend und transzendent im Klang

Im selben Jahr erschien in Venedig Claudio Monteverdis «Vespro della Beata Vergine» und in Mailand Giovanni Paolo Cimas «Vespro della Beata Virigne». Zwei wunderbare, ganz unterschiedliche Werke, vergleichbar aber in der Verknüpfung der Polyfonie mit der neuen Monodie. Sie dringen – in der Tradition verankert – ins kompositorische Neuland vor. Monteverdis Marienvesper ist weltberühmt. Unbekannt hingegen ist Cimas Vesper, die 1610 als «Concerti Eccleastici» herausgegeben wurde. Es ist eine Musik von eigenem Zauber, die Daniela Dolci und ihr Ensemble Musica Fiorita wiederentdeckt haben.

Cimas Musik ist von berührender Innigkeit und Transzendenz. Diese hörbar zu machen gelingt Musica Fiorita mit dem exzellenten Sängerquintett und dem Ensemble Cantilena Antiqua (Gregorianischer Gesang) eindringlich, sie schaffen eine bewegende sakrale Atmosphäre. Der Raumklang der Kirche Heilig Kreuz in Binningen tut das Seine dazu. Das geistliche Werk wechselt zwischen gregorianischem Gesang und einstimmigen bis vierstimmigen Teilen. Doron Schleifer singt einen wunderschönen Sopran. Auch Altist Daniel Cabena, die Tenöre Dan Dunkelblum und Dino Lüthi sowie Bass Raitis Grigalis gestalten mit reinem, fein verziertem Gesang. Das auf dem Generalbass aufbauende Spiel von Musica Fiorita ist im Farbenreichtum fein austariert und geschmeidig. Bork-Frithjof Smiths wendiges Spiel auf dem Zink ist von warmem, weichem Klang, Violinistin Plamena Nikitassova spielt mit tiefem Gefühl, kreiert plastische Verzierungen. Nochmals auf CD herausgegeben haben Daniela Dolci und Musica Fiorita die instrumentale Kammermusik von Elisabeth Jacquet de la Guerre: eine schöne zweite Ausgabe der edlen Musik der Französin.

Giovanni Paolo Cima Vespro della Beata Virgine, Daniela Dolci (Orgel, Leitung) und Musica Fiorita, Panclassics 2015
Elisabeth Jacquet de la Guerre Chamber Music, Daniela Dolci (Cembalo, Orgel, Leitung), Musica Fiorita, Panclassics 2015.

Der Schola-Geist ist wichtig: nicht nur die Forscherleidenschaft, das akribische Studium der Quellen und die Umsetzung der Erkenntnisse in die Praxis. Dazu gehört auch der musikalische Aufbau aus einem kräftigen, farbenreichen Basso Continuo. Das Generalbassstudium gehört mit zu den Perlen, die Basel bietet. Ebenso die Kunst der stilgerechten Improvisation.

Daniela Dolci und Musica Fiorita wirken zudem als Botschafter für die Alte Musik aus Basel: Nach dem Mauerfall brachte das Ensemble das Wissen um barocke Aufführungspraxen nach Osteuropa. Es folgten Südamerika und Indien. Bolivien ist heute ein Zentrum der Alten Musik. Und viele Studenten aus Südamerika kommen heute nach Basel an die Schola. «Im Jubiläumsjahr verzichtet das Ensemble auf Reisen, denn die Projekte hier sind teils sehr teuer. Anders 2016: In Santiago de Chile wird Musica Fiorita eine wieder entdeckte Oper von Johann Adolph Hasse aufführen. Die Produktion wird der Vorlauf zur Eröffnung des neu renovierten Opernhauses in Bayreuth. Es ist eine besondere Ehre für Daniela Dolci, dass sie das traditionsreiche Haus mit ihrem Ensemble einweihen kann – und zeigt, wie gefragt Musica Fiorita ist.

Die neapolitanische Buffa-Oper

Zuvor folgen noch spannende Produktionen hier in Basel: Eine Passion der Forschungsarbeit der Italienerin Daniela Dolci ist die Kunst des Intermezzos. In Neapel und Venedig wurde im Barock das Publikum zwischen den Akten der tragischen Opera Seria mit komödiantischen Intermezzi aufgeheitert. Daraus bildete sich mit den Jahrzehnten die eigene Gattung der Opera buffa. Die 1786 uraufgeführte einaktige Farse per musica «L’Impresario in Angustie» des Neapoletaners Domenico Cimarosa bedeutet für die Cembalistin einen Höhepunkt ihrer langjährigen Auseinandersetzung mit Intermezzi. Musica Fiorita bringt die Farse über den intriganten barocken Opernbetrieb an den Festtagen für Alte Musik Basel, am 24. August in der Martinskirche zur Aufführung – mit neapolitanischen Sängerinnen und Sängern. Denn gesungen wird in neapolitanischem Dialekt.

Von Neapel geht die musikalische Reise Anfang Oktober an den Hof der Habsburger – führt von der prallen Operngeschichte zur geistlichen Musik des frühen
17. Jahrhundert mit vier Chören. Als Komponist einer prachtvollen mehrchörigen Musik steht Johann Stadlmayr im Zentrum – auch einer der grossen Vergessenen. Musica Fiorita wird dafür um den festen Basso-Continuo-Kern fast zum Orchester – mit zwei Zinkenisten, zwei Naturtrompetern und vier Posaunisten – um nur die Bläser zu nennen. Ein teures Projekt, das sich das Ensemble zum Jubiläum schenkt.

Vom Hof des 17. gehts wieder ins
18. Jahrhundert in den frühen bürgerlichen Salon – mit Kammermusik von Johann Gottlieb Janitsch, Georg Friedrich Telemann und Christoph Graupner. Zwei weitere Konzertprojekte folgen im Dezember. Mit den Basler Madrigalisten werden in der Basler Predigerkirche Giacomo Antonio Pertis Motetten für den Fürsten der Toscana aufgeführt, und in Muttenz mit dem Vokalensemble «Thélème» geistliche Musik Marc-Antoine Charpentiers.

Neue Ideen, neue Projekte

Für all diese anspruchsvollen Projekte muss Daniela Dolci immer neu auf eine zeitraubende, zermürbende Geldsuche. Sie hofft auf das neue Orchesterkonzept des baselstädtischen Präsidialdepartements. So weiss sie noch nicht genau, wie es künftig weitergeht. Ihr Kopf jedenfalls ist voller Ideen und Projekte, mit denen sie uns weiterhin überraschen und erfreuen will.

Aktuelle Nachrichten