Facettenreich
Gare du Nord - Bahnhof für neue Musik

Im Gare du Nord in Basel startet im Oktober mit dem neuem Musiktheater «Lysistrata». Die doppelte Kammeroper ist eine Koproduktion mit Kulturas biedriba Spektrs in Riga.

christian Fluri
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Mit «Lysistrata» – einer Kammeroper von Kaspar Ewald und Jekabs Nimanis – eröffnet die Gare du Nord die Saison 2014/15. Martinš Vilcens_Society Make Art

Mit «Lysistrata» – einer Kammeroper von Kaspar Ewald und Jekabs Nimanis – eröffnet die Gare du Nord die Saison 2014/15. Martinš Vilcens_Society Make Art

Wie und wohin entwickelt sich neues kammermusikalisches Theater? Wie kann man neue Kammermusik gerade auch an ein jüngeres Publikum vermitteln? Welchen musikalischen Weg beschreiten die Komponisten heute – jüngere wie ältere?
Solche Fragen stellen sich Desirée Meiser, die künstlerische Leiterin und Gründerin der Gare du Nord, und ihr Team. Das Erkunden neuer Musik- und Musiktheaterformen im Kammer-Bereich, die Vernetzung mit Komponisten und Komponistinnen und Interpreten Neuer Musik in Basel und darüber hinaus sind Antrieb des Bahnhofs für Neue Musik am Badischen Bahnhof in Basel. Die Gare du Nord sonnt sich auch in der 13. Saison nicht im künstlerischen Erfolg, und gerade dies ist das beste Rezept für weiteren Erfolg.

Neues Musiktheater ist ein wichtiger Teil des Programms auch für die Saison 2014/15. Desirée Meiser möchte in den kommenden Jahren die Ausrichtung auf die Entwicklung und Erforschung von musiktheatralischen Formen noch weiter ausbauen – neben dem Konzertbetrieb, wie sie im Gespräch äussert.

Koproduktion mit Riga

Die Gare du Nord eröffnet die Saison am 23. Oktober mit «Lysistrata» nach Aristophanes mit Musik von Kaspar Ewald und Jekabs Nimanis. Die doppelte Kammeroper ist eine Koproduktion von Gare du Nord und Kulturas biedriba Spektrs in Riga – der Kulturhauptstadt 2014. Die Zusammenarbeit hat eine dreijährige Geschichte. 2011 sei Antra Drege, die Leiterin des renommierten lettischen Vokalensembles «Putni» in die Schweiz gekommen, um die Szene zu erkunden, erzählt Desirée Meiser. Und sie war begeistert von der Institution Gare du Nord, die sich – wie «Putni» – der zeitgenössischen Musik verschreibt. Aufbauend auf diesem Kontakt entwickelte sich das «Lysistrata»-Projekt, das Theater nach Aristophanes über die Athener Frauen, die mit ihrer sexuellen Verweigerung ihre Männer zum Frieden zwingen wollen. Antra Drege interessierte auch, dass in dieser Kooperation zwei Länder mit unterschiedlicher Geschichte aufeinander treffen: die Schweiz, die sie als «Friedensinsel» bezeichnet, und Lettland mit seiner langjährigen Okkupations- und Kriegsgeschichte. Zudem haben Kriegssituation und Kriegsgefahr in Osteuropa neue bittere Aktualität erhalten.

Der aus dem Baselbiet stammende Komponist Kaspar Ewald, der Leiter des Genre übergreifenden Ensembles «Exorbitantes Kabinett», komponierte als Schweizer den satirischen Teil des «Lysistrata»-Projekts. Den dramatischen Teil schrieb der lettische Komponist Jekabs Nimanis – auf ein Libretto von Inese Zandere. Seine Auseinandersetzung mit Aristophanes baut gerade auf der Leidensgeschichte Lettlands. Er habe es dem Vokalensemble Putni gleichsam auf den Leib geschrieben, baue dabei auf aktuelle und traditionelle lettische Volksmusik.

Lysistrata wird in beiden Teilen von der Schweizer Sopranistin Jeannine Hirzel verkörpert. Ein lettisches Instrumental-ensemble begleitet die Solisten und «Putni». Das Vokalensemble gibt zudem ein Konzert unter dem Titel «Nordic Impressions» mit mehreren Uraufführungen.

Einen weiteren Abend, an dem Musik, Theater und Literatur neue Verbindungen eingehen ist «Oto und Wort». Im Zentrum steht Robert Walsers eher unbekannte Erzählung «Der Teich» – inszeniert von Raphael Urweider. Gespielt werden Stücke der japanischen Komponistin Ezko Kikouchi nach Texten von Simone Weil, Paul Celan und Robert Walser. Der Bass Michael Leibundgut gestaltet einen Abend mit Karlheinz Stockhausens «Striving for Light», Helena Winkelmann und Meret Matter bringen ihre neue «Wöfli-Oper» auf die Bühne.

Neue und bekannte Reihen

Ensemble der Saison 2014/15 ist das unterschiedliche musikalische Genres verbindende «Ensemble Nikel». Die Besetzung mit E-Gitarre, Saxofon, Schlagzeug und Klavier erinnert an ein Jazzquartett und ist in der Neuen Musik ungewohnt.

Das Ensemble Phoenix gibt in ihrer «Homebase», wie es Leiter Jürg Henneberger formuliert, vier Konzerte. Die Internationale Gesellschaft für Neue Musik Basel (IGNM) veranstaltet vier Abende in der Gare du Nord. Weiterhin bildet die Gare du Nord das Zuhause für die Reihen des 20 Jahre alt gewordenen Ensembles «Camerata Variabile» und des «Mondrian Ensembles» – beide verknüpfen Klassik mit Neuer Musik. Weiter geht auch die Kooperation mit der Hochschule für Musik Basel: mit elektronischer Musik in «Nachtstrom» und den Dialog-Konzerten. Neu ist die Reihe «Promenaden», eine Kooperation der Gare du Nord mit dem Sinfonieorchester Basel. Die Reihe mit Kammerensembles des Orchesters soll über die Saison hinaus Bestand haben.

Das Konzertgefäss für ganz junge Musikinteressierte, «Gare des Enfants», wird selbstverständlich weiter geführt. Aber es gibt ein Alterssegment, «das wir vernachlässigt haben», erklärt Desirée Meiser: die Jugendlichen ab 16 Jahren. Für sie ist das neue Gefäss «Mitten drin» erfunden worden. Im direkten Kontakt mit Musikerinnen, Musikern, Komponisten können Schülerinnen und Schüler musikalische Eindrücke sammeln. Auch über den Musikerberuf können sie sich orientieren. So schafft die Gare du Nord immer wieder neue Gefässe, um das Konzertpublikum der Zukunft für das Neue zu begeistern.