Interview

First Lady der Klarinette: Sabine Meyer wollte «nur Musik machen» – und wurde zu einem Phänomen der Klassikwelt

Wollte «nur Musik machen»: Klarinettenstar Sabine Meyer.

Wollte «nur Musik machen»: Klarinettenstar Sabine Meyer.

Vor ihren Schweizer Konzerten erzählt die Solistin, warum sie weniger CDs einspielt und wie Kinder ohne Druck ein Instrument lernen.

Sabine Meyer (60) ist ein Phänomen der Klassikwelt. Sie hat die Klarinette als Soloinstrument etabliert und neben zwei Kindern, Pferden und einem Hund jahrelang ihre kranke Mutter gepflegt. Ohne ihren Mann wäre das niemals gegangen, sagt sie. Auch während unseres Telefongesprächs ist er im Hintergrund und schliesst wegen der Zugluft Türen und Fenster, als seine Frau hustet.

Sie haben die Klarinette von der Randerscheinung zum Soloinstrument gemacht. Haben Sie mit 66 cm Holz die Welt verändert?

Sabine Meyer: Es ist schön, wenn das so ist. Ich merke auch, dass viel mehr Mädchen Klarinette spielen, ob bei uns oder in Japan oder Korea. Es sind mittlerweile mehr Mädchen als Jungs. Das ist erstaunlich. Aber ist vielleicht ist es nicht nur mein Verdienst.

Wirklich nicht? Für Sologeige und Klavier gab es frühe Vorbilder wie Stefi Geyer oder Clara Haskil. Bei der Klarinette waren Sie die Erste.

Wissen Sie, dass ich nie Solistin werden wollte? Ich wollte auch nicht bewundert und geliebt werden, sondern einfach Musik machen. Da war die Klarinette naheliegend: Mein Bruder hat sie gespielt, mein Vater auch – und sogar der Grossvater.

Der bekannte Klarinettist Andreas Ottensamer stammt ebenfalls aus einer Familie, wo Bruder und Vater Klarinette spielen... was hat es mit diesem familiären Klarinettengen auf sich?

Es trägt bestimmt dazu bei, dass man gross wird mit einer Selbstverständlichkeit. Angefangen habe ich aber mit Klavier, Geige und der Orgel in der Kirche. Weil man die Klarinette als kleines Kind noch nicht halten kann. Ich war erst mit acht Jahren so weit.

Sie haben dann noch jahrelang alle Instrumente nebeneinander gespielt.

Ich bin bis heute dankbar, dass ich meine Studenten mal schnell am Klavier begleiten kann. Und wenn Geiger über Fingersätze und Bogenstriche diskutieren, sitze ich nicht nur daneben. Es ist einfach schön, dass man nicht so einseitig begabt war. Überhaupt haben es meine Eltern geschafft, uns das Musikmachen druckfrei zu vermitteln. Ich habe selber zwei Kinder und weiss, wie schwer das ist mit dem Üben. Zu vermitteln, dass Musik zu machen etwas Schönes ist, aber dass man natürlich üben muss. Nur eben ohne negativen Zwang und Ehrgeiz dahinter.

Das Problem kennen auch viele Schweizer Familien... haben Sie ein persönliches Geheimrezept?

Man muss Kinder fördern statt übermässig fordern. Es geht darum, herauszufinden, was das Kind braucht. Natürlich geht’s nicht ohne Üben. Aber es gibt Stücke, die echt Spass machen. Man kann mal bei einem volkstümlichen Stück sagen: Komm, guck mal! Oder dafür sorgen, dass das Kind schon früh mit anderen zusammenspielt und man so den Druck rausnimmt.

Sie waren Soloklarinettistin des Lucerne Festival Orchestra (LFO). Nach Abbados Tod haben Sie das Orchester verlassen.

Im Orchester gibt es die schönste Klarinettenliteratur. Und es war ein grosses Geschenk, dass wir mit so einem wunderbaren Dirigenten und so tollen Musikern spielen durften. Doch zum anderen ging der ganze Sommer dafür drauf. Mein Mann und ich haben eine Professur hier in Lübeck. Und als Abbado nicht mehr da war, haben wir gesagt: Den Sommer braucht man für sich, wenn man das ganze Jahr viel spielt und unterrichtet.

Stichwort Zeitmanagement: Sie haben eine beispiellose Karriere und zwei Kinder – wie ging das zusammen?

Als die Kinder klein waren, habe ich weniger gemacht, ganz klar. Nie längere Reisen als zehn Tage. Auch wenn es weite Reise waren, wollte ich nach Hause zu den Kindern. Und ich habe einen Mann, der ebenfalls sehr zurückgeschraubt hat. Aber natürlich muss man am selben Strang ziehen. Und man muss weniger machen in dieser Zeit; nicht einfach Konzerte annehmen. Wir lebten damals zudem in einem grossen Haus mit Pferden, einem Hund und Garten. Und da hatten wir selbstverständlich eine Hauswirtschafterin. Die Rita, die war immer da, 12 Jahre lang.

Als Ihre Mutter erkrankte, sind Sie zweimal pro Monat mehrere Tage zu ihr gefahren und haben sie gepflegt.

Das war ein Herzensbedürfnis. Obwohl Lübeck–Crailsheim 500 Kilometer sind. Meine Mutter wurde von Pflegerinnen versorgt, war immer zu Hause. Es war also nicht das schlechte Gewissen, sondern ein echtes Bedürfnis, dass man sagt: Es ist unsere Aufgabe, sich um unsere Eltern zu kümmern.

Woher nahmen Sie diese Energie?

Wir sind gerade Grosseltern geworden und erleben, welche Energie der Mensch hat, wenn die Kinder klein sind und nachts herumgetragen werden müssen. Das ist erstaunlich. Das steckt man nachher auch wieder weg, wenn es vorbei ist.

War es nicht ein enormer Spagat?

Mein Mann hat das auch oft gesagt. Aber ich hab’s einfach gerne gemacht.

In Aarau spielen Sie das Klarinettenquintett von Mozart. Das Repertoire für Klarinette ist nicht riesig. Wie oft haben Sie dieses Quintett gespielt?

Oh, welch Frage! Ich führe keine Strichliste, aber es waren schon einige Male... Wir Klarinettisten haben nicht so viel Repertoire, klar. Aber dafür ist, was wir haben, einfach unglaublich! Werke, die Brahms oder Reger am Ende ihres Lebens geschrieben haben. Da kommt keine Routine auf! Es ist jedes Mal eine Bergbesteigung. Und jedes Mal musst Du es neu entstehen lassen. Gerade das Armida Quartett hat eine besondere Lebendigkeit. Man mag sich gern, man wirft sich die Bälle zu. Es ist jedes Mal total aufregend.

Sie suchen in der Musik nach Schönheit, jüngere Musiker oft nach den Extremen. Ist das nicht Ihre Welt?

Man muss immer spannend sein. Aber dass ich Mozart à la Klezmer spiele? Das macht es nicht spannender. Die Musik soll geschmackvoll und schön sein, ohne dass es langweilig ist. Natürlich muss man sich abgrenzen von den anderen, damit die Leute begeistert sind. Wir haben mit unserem Trio di Clarone oft neue Programme gemacht. Aber sie haben für das Publikum einen Sinn ergeben. Man kann nicht von der anderen Seite denken: Ich mach jetzt mal was Ungewöhnliches.

Früher haben Sie bis zu zwei CDs pro Jahr veröffentlicht. Jetzt seit vier Jahren keine mehr.

Der CD-Markt hat sich verändert. Damals bei EMI hat man die CDs zusammen besprochen, sie wurden finanziert und veröffentlicht. Heute muss man alles selber produzieren, die Labels haben kein Interesse mehr. Man muss ihnen fertige Bänder liefern. Aber die wichtigen Stücke habe ich alle aufgenommen. Warum sollte ich jetzt nochmals das Mozartkonzert aufnehmen, nur um eine CD aufzunehmen?

Hat es auch die klassische Musik zusehends schwieriger?

Ich erlebe das überhaupt nicht so. Wir haben viele Konzerte, spielen nie vor leeren Sälen. Zum Beispiel das Schleswig-Holstein-Festival hat jedes Jahr Hunderttausende Zuschauer. Weil es spannende Programme sind und ungewöhnliche Spielorte: Scheunen oder Industriehallen. Auch jüngere Leute denken sich: Klar, da gehe ich mal hin. Und gerade für Kinder gibt es viele tolle Projekte! Auch in Zürich. Kinder wollen gern ins Konzert, da aber nicht ihre Eltern und Lehrer sehen. Sie wollen auch das Tonhalle-Orchester, auch Mahler. Man muss die Leute nur am richtigen Zipfel packen, und dann funktioniert es auch.

Tipps:
Rheinfelden, Bahnhofsaal
Mi., 5. Februar, 20 Uhr klassiksterne-­rheinfelden.ch

Aarau, Kultur- & Kongresshaus Aarau
Do., 6. Februar, 19.30 Uhr klassiksterne-aarau.ch

Musikinsel Rheinau, 10.–20. Juli, Masterclass

Autorin

Anna Kardos

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