Ein Opernheld reist um die Welt und bringt bei der Stippvisite in Solothurn das Publikum zum Toben. Vittorio Grigolo ist ein Verführer. Ein Tenore erotico, der beim Singen flirtet, mit der Stimme liebkost, streichelt und berührt. Einer, der dem Publikum vermittelt, dass er es liebt und in nichts so gerne badet wie im Applaus.

Vittorio Grigolo ist der bisher jüngste Tenor, der an Scala di Milano debütierte. Er war damals erst 23-jährig. Als eigentlicher Shootingstar füllt er auch in New York, Berlin, München, Wien, Zürich, London und Rom sowohl Opernhäuser als auch Konzerthallen. Eine Sternstunde, den 1977 in Arezzo geborenen Überflieger zum Abschluss der Solothurn Classics in der (halb vollen, aber für diesjährige Begriffe gut besetzten) Reithalle zu erleben. Gesegnet mit einer «Bella Figura», Charme und Italianità, sowie einer sinnlichen Prachtsstimme voller Dolcezza, bietet Grigolo nämlich alles, was einen romantischen Opernhelden ausmacht. Zum Reüssieren benötigte der Senkrechtstarter keine populären Tenorschlager – Vittoria Grigolo brillierte mit einem Liedprogramm, in das er nur zwei Arien einstreute.

Gefühl und Ausdruck

«Ein musikalisches Drama muss die Menschen weinen, schaudern, sterben lassen durch die Macht des Singens . . . das Singen muss die Menschen zu Tränen rühren» schrieb Vincenco Bellini in einem Brief. Bellinis Lieder («Dolente immagine di fille mia», «Per pietà, bell’idol mio») wurden von Vittorio Grigolo so nuancenreich gesungen, als hätten sich die Worte an ihn und nicht an Conte Pepoli gerichtet. Bei diesem Sänger weiss man eben immer, ob er traurig, verzweifelt, verwirrt oder einfach verliebt ist, zürnt oder Sehnsucht empfindet. Grigolo lässt Gefühle zu Klang werden und weckt gerade damit Emotionen beim Publikum. So wird Rossinis «La danca» nicht einfach in atemberaubender Manier, mit Verve und Tonfülle gesungen, sondern mit einer kleinen Michael-Jackson-Performance eingeleitet.

Mit zwei Arien aus relativ unbekannten Opern huldigte Grigolo Donizetti und Verdi und damit zwei Eckpfeilern seines Repertoires. «Il Duca d’Alba» wurde als Fragment hinterlassen und trotz Bearbeitung und Donizetti-Renaissance kaum aufgeführt. Eine einzige Tenor-Melodie setzte sich durch: «Angelo casto e bel». Weder dabei noch bei der Arie aus «Il Corsaron», einem Frühwerk Verdis, musste sich Vittorio Grigolo tenoraler Kraftmeierei bemühen, sondern sang mühelos in den höchsten Lagen. Neben Fortissimo dominierten vielmehr die leisen und zarten Töne.

Legatokunst und Spitzentöne

Im farbenreichen Mezza voce entwickelt Grigolo die wirkungsvollsten Schattierungen und Nuancen. Effektvolle Spitzentöne kommen mit selbstverständlicher Leichtigkeit. So stilvoll der Sänger Grigolo, so ungestüm tritt der Bühnencharmeur auf. Bei den neapolitanischen Romanzen von Tosti kam er dermassen in Fahrt, dass er sich nicht nur der Jacke entledigte, sondern auch den Kummerbunt von der Taille riss.

Zum Glück war «L’ultima canzone» noch lange nicht das letzte Lied, für welches er sich den Applaus redlich mit seinem Pianisten Vincenzo Scalera teilte. Dieser zeichnete sich am Flügel durch technisch souveränes Spiel und Flexibilität aus und vor allem, in dem er quasi mit dem Sänger atmete. Er gönnte ihm Raum und liess gerade dadurch die Stimmungen umso intensiver werden. Grigolo nutzte die Freiräume ohne Abstriche, nahm die Stimme zeitweise bis zum Pianissimo zurück, schaffte mit Portamenti eine eindringliche Interpretation, die unter die Haut ging. Dadurch, dass er einige Lieder mit langen, hohen Tönen im Forte abschloss, erntete er einen «Bravo»-Sturm. Dieser steigerte sich noch, als er mit zwei Liedern auftrumpfte, die auch Vorbild Pavarotti oft und gerne auf dem Podium intonierte: «Musica proibita» und «Mattinata» von Leoncavallo.

Stehende Ovationen

Angeheizt durch die vibrierende Stimmung nahm er den Beifall zwischendurch auf den Knien entgegen. Stehende Ovationen erzwangen zwei Zugaben, von denen «Una furtiva lagrima» mit butterweichen Phrasierungen, dynamischem Ausgestalten und sinnlichem Höhenglanz direkt ins Belcanto-Firmament führte. In der Reithalle wurde Nemorinos Liebesromanze zum musikalischen Aphrodisiakum. Damit schenkte der Auftritt von Vittorio Grigolo alles, was einen grossen Festivalabend ausmacht: Stimme, Glanz und Charisma.