Solothurn Classics
Dunkle Wolken über dem Land des Lächelns

Licht und Schatten wechseln bei Franz Lehárs Operette «Land des Lächelns» an den schlecht besuchten Solothurn Classics.

Christian Berzins
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Noëmi Nadelmann beherrscht die Bühne der Solothurner Rythalle. Felix Gerber

Noëmi Nadelmann beherrscht die Bühne der Solothurner Rythalle. Felix Gerber

Felix Gerber

Für Freitag und Samstag werden die Opernkarten grosszügig an lokale Chöre verschenkt, wer heute für das kommende, wettermässig traumhafte Freiluftoper-Wochenende Karten kaufen will, dem steht mehr als die Hälfte des Kontingents zu Verfügung – notabene für Opernhits wie Verdis «Don Carlo» und «Un ballo in maschera». Kurz: Die aus dem Classic Open Air entstandenen Solothurn Classics darben. Es lässt doch tief blicken, wenn die bestverkaufte Veranstaltung das Konzert von «I Quattro» ist, der Schweizer Fassung von den weltberühmten «Il Divo»: Vier Tenöre, die sich im Klassik- und Unterhaltungs-Discounter bedienen, altbekannte Hits in Kartonschachteln verpacken, eine rote Schlaufe drum machen und das Ganze als Gold verkaufen.

Wie auch immer: Jene Solothurner, die für den Dienstagabend eine Karte gekauft hatten, erlebten eine schöne Aufführung von Franz Lehárs «Land des Lächelns». Trotz idealer Freiluftbedingungen wurde leider in der Rythalle gespielt. Ein kleiner Sprühregen um 17 Uhr hatte den Ausschlag dafür gegeben.

In der nüchternen Rythalle wirken die halbszenischen Aufführungen jeweils noch etwas altbackener als auf der Schanz. Doch der «Land des Lächelns»-Abend unterschied sich auf dem Papier von den üblichen Produktionen, da nicht auf verstaubte bulgarische Operngarderoben zurückgegriffen wurde. Hier wurde die Bieler Stadttheater-Inszenierung durch Beat Wyrsch den Rythalle-Begebenheiten angepasst.

Doch die bodenständige Rythalle schien sich die Inszenierung einzuverleiben. Da hingen die üblichen, die Szenen dekorierenden Stoffe schlapp an den Wänden, da standen zwei, drei Requisiten leblos herum, und da wurden die hübschklischierten Kostüme zur Schau getragen. So wars und so ists in Solothurn . . .

Einst fiel diese Repetition gar nicht ins Gewicht. Das Classic Open Air glich einem Land des Lächelns, des Glücks, die Auslastung lag bei 90 Prozent. Am Dienstag war die Rythalle halb leer, obwohl da doch mit Noëmi Nadelmann ein Zugpferd der Schweizer Opernszene auf der Bühne stand. Oder – man verzeihe uns den Verdacht: Zieht die in der Schweiz weltberühmte Sopranistin in Solothurn nicht mehr?

Nadelmann kann jedenfalls immer noch eine Aufführung bestimmen. Wo sie steht, bebt die Bühne vor Emotion – da wird gelacht, geweint, geküsst, dass es eine Freude ist. Solche Sängerschauspieler sind ein Glück für die Solothurner Aufführungen. Die Stimmen stehen aber immer noch im Vordergrund.

Dialogisiert Nadelmann als Lisa halb singend, halb sprechend, folgt man ihr gebannt: Die Textverständlichkeit ist enorm hoch, der Theaterfuror imposant. Aber Nadelmanns Temperament geht auch über in die Stimme. Und da ist viel Druck und Vibrato zu spüren, in den oberen Regionen wirkt ihr Sopran eng und gepresst. Und so kürzt sie denn lange Phrasen gekonnt und gerne etwas ab. Die emotionale Geste bestimmt den lyrischen Gesang.

Köstlich, dass mit Prinzessin Mi alias Christa Fleischmann ein Gegenpol auf der Bühne stand. Die junge Zürcher Sopranistin sang ihre Arie so, als gäbe es nichts Leichteres auf der Welt: Tongebung, lange Phrasen – alles mit Leichtigkeit geschenkt. Aber viel ausdrücken kann Fleischmann damit nicht: weder stimmlich noch szenisch. Der Schlitz in ihrem aufreizenden Kleidchen könnte bis zum Hals gehen, ihre erotische Ausstrahlung – und, Pardon, was ist denn Operette anderes als gesungene Erotik? – wäre halb so gross wie jene Nadelmanns in einer Nonnenkutte.

Ebenfalls ein eher zahmes Bühnentier ist Tenor Stefan Cifolelli. Doch seine Charakterisierung von Prinz Sou-Chong entsteht ganz aus der Stimme heraus. Ein lyrischer Tenor wie aus dem Bilderbuch, der noch dazu sehr gut deutsch singt. Famos, wie sich diese Stimme bei «Dein ist mein ganzes Herz» übers Orchester erhob, dann sich zartschmiegend mit ihm verband.

Das Bieler Theaterorchester unter der Leitung von Moritz Caffier war in dieser Aufführung ein so sicherer und selbst agierender Rückhalt, dass man sich wünschen würde, diese Formation an den Solothurn Classics immer zu hören. Aber wir vermuten, dass es dazu einige hunderttausend Subventionsfranken brauchen würde – Wunschdenken.

Die Solothurn Classics sind nicht mehr ein Land des Lächelns. Zuerst müssen die Leute wieder Vertrauen in dieses von Iris Kofmel geleitete Festival gewinnen. Vielleicht helfen die Gratiskarten. Das angekündigte Traumwetter könnte zusätzlich zu einem versöhnlichen Festivalfinale beitragen.

Solothurn Classics: Heute Romantic Night, 5. Juli Don Carlos, 6. Juli Un ballo in maschera, 7. Juli I Quattro.