Vor 40 Jahren brach Patti Smith in die Männerdomäne der Rockmusik ein. «Drei Akkorde verflochten mit der Kraft der Wörter.» So beschrieb sie selbst ihre Songs. Sie wand sich gegen den kommerzialisierten Rock ’n’ Roll der 70er-Jahre – und erfand wie nebenbei den Punk. Rebellisch und ausdrucksstark stand sie auch am Sonntag auf der Bühne des Burghofs in Lörrach. Ihre Energie und kämpferische Attitüde ist mit 69 Jahren ungebrochen. Dabei verzichtet sie auf jeglichen glamourösen Schnickschnack. Keine Vorband, keine opulenten Akkorde rollen den Teppich vor der «Godmother of Punk» aus: Gemeinsam mit ihren langjährigen musikalischen Weggefährten betritt Patti Smith fröhlich winkend die Bühne.

Kurz lauscht sie den repetitiven Klavierakkorden und legt sofort mit ihrer unheiligen Version von Van Morrisons Songs «Gloria» los: «Jesus died for somebody’s sins but not mine». Ihre Fundamentalkritik trägt sie mit satter, kraftvoller Stimme vor. Sie schmeisst das Kabel des Mikrofons über dessen Ständer, spukt auf den Boden, tanzt. Trotz ihrer ungebrochenen Energie wirkt Patti Smith unaufgeregt, in sich selbst ruhend. Sie fühlt sich offensichtlich wohl mit ihren Songs des Debütalbums «Horses». Nichts wirkt konserviert – im Gegenteil.

Rimbaud als Inspiration

Das Publikum ist von Beginn des Konzerts entfesselt, liegt Smith zu Füssen: Bereits das erste «Gloria» singen die Zuschauer. Nach dem Auftaktsong tobt ein Applaus, als ob es darum ginge, Smith eine weitere Zugabe zu entlocken. Dabei ist dies erst der Anfang eines grossartigen Konzertabends. Mit der Jubiläumstour kehrt Smith nach 40 Jahren künstlerischen Schaffens und privaten Schicksalsschlägen zu ihrem Erstlingswerk zurück.

Das Album «Horses» erschien am 10. November 1975 – am Todestag des Lyrikers Arthur Rimbaud. Er habe sie künstlerisch am stärksten geprägt, sagt Smith, die auch als Dichterin, Performance-Künstlerin, Malerin und Fotografin arbeitete. Zur Musik kam die US-Amerikanerin eher zufällig. Sie lud den damaligen Journalisten Lenny Kaye an eine ihrer Lesung ein, damit er sie mit seiner Gitarre begleitete. Kaye blieb bis heute an Patti Smiths Seite. Mit ans Stimmen-Festival kam auch ein weiteres Originalbandmitglied: der Schlagzeuger Jay Lee Daugherty. Daneben unterlegten Keyboarder Tony Shanahan, der seit 20 Jahren Smith begleitet, und Jack Petruzzeli (Bass und Gitarre), die mal durchdringende, mal sanfte Klänge des bahnbrechenden Albums «Horses».

Smiths Botschaft

So ungeschminkt ihre Songs daher kommen, so steht auch Patti Smith auf der Bühne. Ihre Augenbrauen sind schwarz und breit, die schulterlangen, grauen Haare trägt sie offen. Kein Make-up, kein Lippenstift: Bei Patti Smith geht es nicht um die Oberfläche, es geht um Werte und Inhalte. Ihrer Botschaft ist sie treu geblieben. «No more fucking wars» oder «The people got the power»: Was schnell verklärend wirken kann, klingt bei Patti Smith nach weitaus mehr als kämpferischem Pathos. Sie tobt in ihren Sprechgesängen, schreit, fleht, trotzt. Dabei strahlt sie Würde und Selbstbewusstsein aus. Breitbeinig steht sie in ihren Biker-Boots auf der Bühne, reckt die Faust in die Luft oder streckt die Arme bei «Birdland» aus, als ob sie die Flugluft spüren würde.

Ihrem kraftvollen Auftritt tun auch die beiden Patzer keinen Abbruch. Zwei Mal verpasst sie ihren Einsatz. Beim Song «Break It Up» so deutlich, dass sie ihn mit den Rufen «stop, stop, stop» abbricht. Bevor es weitergehe, müsse sie noch etwas regeln, sagt Smith. Als ob sie das Publikum hypnotisieren wolle, kreist sie ihre Hände: «Daran könnt ihr euch nicht mehr erinnern; das ist nie passiert. Der Song war perfekt», sagt sie und grinst. Später erklärt sie: «Das war Absicht, um zu zeigen, dass wir nicht ab Platte spielen.» Ansonsten hält sich Patti Smith mit Ausführungen zurück. Zwischen den Stücken spricht sie kaum, verlangt aber immer wieder Licht in den Publikumsreihen. Sie will die Menschen sehen: «Vielleicht finde ich ja noch einen Mann – oder eine Frau.»

Rebellin wird Hausfrau

Patti Smith hat nie das Vorhersehbare gewählt. Als Rockmusikerin experimentierte sie in ihrer Kunst, Drogen lehnte sie weitgehend ab. In einem «Spiegel»-Interview sagte sie: «Ich hatte nicht vor, mein Leben wegzuwerfen. Den Tod fand ich nicht sonderlich attraktiv.» Bereits eineinhalb Jahre nach ihrem musikalischen Durchbruch zog sich Smith von den grossen Bühnen zurück. In einem Vorort von Detroit wurde die Ikone Hausfrau, bekam zwei Kinder. Die Rebellin verschwand zwischen Windeln. Ihre familiäre Idylle fand mit dem Tod ihres Mannes ein jähes Ende. Kurz darauf verstarb ihr Bruder. Da hatte sie bereits ihren früheren Lebensgefährten und engsten Vertrauter, Robert Mapplethorpe, sowie ihren Pianisten Richard Sohl verloren.

Ihnen – und zahlreichen weiteren verstorbenen Musikerfreunden – hat sie in Lörrach den Song «Elegie» gewidmet. Mit geschlossenen Augen und verschränkten Händen vor der Brust singt sie den Song eindringlich, den sie ursprünglich für ihr Idol Jim Morrison schrieb. Es ist eine jener ruhigen, tiefgründigen Seiten, die auch zu Patti Smiths Werk gehören.

Am Ende verlässt die 69-Jährige die Bühne aber wieder kämpferisch und laut: Zum Song «My Generation» schrammt sie die Saiten ihrer E-Gitarre, reisst sie einzeln heraus und küsst das Instrument. Sie ruft: «Das ist die Waffe meiner Generation.»