Joe Cocker
Des Rauhbeins letzter Schrei

Der britische Rocksänger starb in der Nacht auf Montag im Alter von 70 Jahren. Er war ein Ausnahmekünstler, einer, der die Bezeichnung «Musik-Legende» verdient hatte. Eine Würdigung.

Stefan Künzli
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«Wenn ich nicht zu singen begonnen hätte, wäre ich sicher kriminell geworden», sagte Joe Cocker einst über sich selber.

«Wenn ich nicht zu singen begonnen hätte, wäre ich sicher kriminell geworden», sagte Joe Cocker einst über sich selber.

Keystone

Von Montreux bis «Benissimo»

oe Cocker beglückte auch mehrmals seine Schweizer Fans mit Live-Auftritten.

– Im August 2013 gab er sein letztes Schweizer Konzert als Höhepunkt des Summerdays-Festival in Arbon am Ufer des Bodensees.

– Im April 2013 trat er am Montreux Jazz Festival auf, der ersten Ausgabe unter dem neuen Festivaldirektor Mathieu Jaton. Er war dort neben anderen Headlinern wie Prince, Sting oder Leonard Cohen zu sehen und zu hören.

– 2012 war Cocker Gast in der letzten Ausgabe der von Beni Thurnheer moderierten TV-Sendung «Benissimo», wo er zusammen mit Amy MacDonald und Robbie Williams auftrat.

– 2011 in Zürich hatte Cocker grosses Wetterpech: An seinem ausverkauften Konzert am Live at Sunset musste er sämtliche alten Hits und neuen Songs bei Dauerregen spielen.

– Im Sommer 2011 trat Cocker am Moon and Stars in Locarno auf.

Dieser Schrei hat den gelernten Gasinstallateur aus Sheffield populär gemacht, damals im Jahre 1969 in den wilden Tagen von Woodstock. Die meisten hätten bei diesem Schrei ihre Stimme verloren. Nicht so Joe Cocker. 45 Jahre lang war dieser Schrei das Markenzeichen, der absolute Höhepunkt jedes Konzertes des Briten. Cocker musste Stimmbänder aus Stahl gehabt haben. Sheffield-Stahl!

Es begann in Woodstock

Joe Cockers Markenzeichen war seine rauchige Stimme, mit der er zahlreiche Welthits sang. Darunter sind auch eine Vielzahl bekannter Coversong. Eine Auswahl:
– With A Little Help From My Friends: Mit dem Beatles Remake hatte er am Woodstock-Festival 1969 seinen Durchbruch.
– Your Are So Beautiful (1975)
– Up Where We Belong (1982)
– You Can Leave Your Hat On (1986)
– Unchain My Heart (1987)
– When The Night Comes (1989)
– Summer In The City (1994)
– What Becomes Of The Broken Hearted (1998)

Alkohol- und Drogenexzesse

Aber nicht nur seine Stimmbänder mussten einiges aushalten. Vor seinem Durchbruch tingelte er jahrelang durch die übelsten Arbeiter-Spelunken, sang für eine miese Gage und fünf Liter Bier. «Wenn ich nicht zu singen begonnen hätte, wäre ich sicher kriminell geworden», sagte er einmal, und Alexis Korner, der damals wichtigste Förderer der britischen Bluesszene, nannte ihn «den Sänger der Unterprivilegierten».

Joe Cocker wurde 70 Jahre alt
6 Bilder
Joe Cocker im Alter von 70 Jahren gestorben
1969 am legendären Woodstock-Festival
Cocker trat häufig in der Schweiz auf: Hier am Snowpen Air auf der Kleinen Scheidegg
Im vergangenen Jahr spielte er noch am Jazzfestival Montreux
Der Sänger in der letzten Benissimo-Sendung

Joe Cocker wurde 70 Jahre alt

Keystone

Nach Woodstock wurde es nicht viel besser. Er war zwar berühmt und verdiente viel Geld, als Kind der Hippiejahre prägten aber Alkoholexzesse und Unmengen von Drogen sein Leben in den 70er-Jahren. Nach seinem Durchbruch folgte er dem Selbstzerstörungswahn der Hippies und Rock-Rebellen und stand eine Zeit lang ganz zuoberst auf den Todeslisten.

Mit dem skrupellosen Musikbusiness fand sich der begnadete Sänger nicht zurecht. Er war nie so extrovertiert wie ein Mick Jagger, kein Selbstdarsteller, eher kontaktarm, zurückhaltend und wirkte geistig eher unbeweglich.

Kein Wunder wurde er von skrupellosen Managern und Dealern schamlos ausgenutzt. Er liess Verträge platzen, wurde wegen Drogendelikten und Körperverletzungen verhaftet, musste horrende Ablösesummen begleichen und verschleuderte sein Geld in rauen Mengen. Dabei musste er permanent touren, um seine Rechnungen bezahlen zu können.

Psychische Probleme und Nervenzusammenbrüche kamen dazu und machten seine Konzerte zu Hochrisikoveranstaltungen. Niemand hätte damals darauf gewettet, dass dieser personifizierte Rock-Exzess 70 Jahre alt würde. Jetzt ist er im US-Staat Colorado, wo er auf einer Ranch lebte, an Lungenkrebs gestorben.

«Drogen gab es überall, und ich stürzte mich darauf. Und wenn du erst mal in dieser Abwärtsspirale bist, dann ist es schwierig, da wieder rauszukommen. Ich brauchte Jahre, das zu schaffen», sagte er Jahre danach. Die Wende kam mit seiner Frau Pam, die ihm weg von der schiefen Bahn half.

«Sie machte mir klar, dass die Leute mich immer noch singen hören wollten», sagte er. Das Comeback in den frühen 80ern war fulminant und er reihte mit Songs wie «You Can Leave Your Hat On», «When the Night Comes», «N’Oubliez jamais», «Unchain My Heart» und dem Duett «Up Where We Belong» mit Jennifer Warnes Hit an Hit.

In seichten Pop-Gefilden

Joe Cocker hatte wieder Tritt gefasst und versöhnte sich mit der Musikindustrie. Einige Kritiker warfen ihm aber vor, dass er sich in allzu seichten Pop-Gefilden bewegen würde. Nicht ganz zu Unrecht, denn seine Musik war längst nicht mehr so ekstatisch wie damals. Er verstand es aber mit seiner unnachahmlichen, röhrenden Reibeisenstimme, selbst die triefendste, schmalzigste Schnulzen-Ballade in eine wahre Pop-Perle zu verwandeln. Und auf der Bühne, auch an unzähligen Konzerten in der Schweiz, schaffte er es immer wieder, diesen Geist von damals heraufzubeschwören.

Er blieb bis zuletzt erfolgreich. Sein letztes Studioalbum «Fire It Up» von 2012 erreichte Platz 5 in den Schweizer Charts und für das kommende Jahr hatte er ein neues Album angekündigt, das ihn zurück zu seinen Wurzeln bringen sollte. Sein Vermächtnis. Sein letzter Schrei.

Joe Cocker war einer der grössten Interpreten der Pop- und Rockgeschichte. Er machte die Songs zu seinen eigenen und setzte ihnen mit seiner bluesgetränkten Stimme, die tief aus dem Innern kam, seinen unvergleichlichen Stempel auf.

Die «New York Times» hatte ihn zum besten männlichen Rocksänger erkoren und das «Rolling Stone» schrieb: «Er war der lebende Beweis, dass man aus Sheffield kommen und trotzdem wie ein Schwarzer aus Mississippi singen kann.»

Das schönste Kompliment kam aber von Udo Jürgens, der wie Cocker in diesen Tagen verstorben ist: «Er konnte einmal Baby schreien und ich konnte einpacken.»