Pop
Das Weihnachtsfest wird zur Party

In diesem Jahr heben sich einige Perlen vom üblichen Kitsch und Pomp ab Christmas-Pop. Begonnen hat das ganze Weihnachtspop-Business vor 70 Jahren mit Bing Crosbys «White Chrstmas»

Stefan Künzli
Drucken
Teilen

Bing Crosbys «White Christmas» hat 1942 die Ära des Weihnachts-Pop eröffnet. Seither ist die Christmas-Pop-Industrie stetig gewachsen und sorgt Jahr für Jahr für eine veritable Schwemme.

Das meiste ist beliebige Pop-Sülze, austauschbarer Pomp und Kitsch – aber sicher ein grosses und lohnendes Geschäft. Inzwischen gibt es im Genre auch eine erstaunliche stilistische Breite. Swing, Jazz- und Country-Balladen dominieren, in jüngster Zeit haben aber selbst Hip-Hop und Heavy Metal das christliche Freudenfest entdeckt.

Das Resultat ist oft absurd, im besten Fall lustig. Aber kaum je wirklich gut oder originell.

Kategorie «zu perfekt»

In diesem Jahr beglückt uns auch Mariah Carey mit ihren Versionen der Weihnachtssongs und reiht sich damit nahtlos in die Tradition der amerikanischen Interpretationen ein. Zu den opulenten Arrangements schluchzen die Geigen, und Mariah besticht – wie immer – durch ihre Virtuosität.

Mariah liefert uns die ganz grosse Portion zuckersüsse Harmonie. In die Kategorie «zu perfekt» ist auch das Weihnachtsalbum der A-cappella-Formation Take6 einzuordnen. Verblüffend die Präzision, bestechend der mehrstimmige Gesang. Doch das ist alles zu glatt, und spätestens nach dem vierten Stück beginnt die Langeweile.

Die Favoriten 2010

Mariah Carey Merry Christmas II You. Island/Universal.
Take 6 The Most Wonderful Time of the Year. Heads Up.
Annie Lennox A Christmas Cornucopia. Island/Universal.
Bo Katzman Chor Winter Nights - das Weihnachtsalbum. Sony.
Sabrina Sauder Schweizer Weihnachtslieder neu entdeckt. www.schweizerweihnachtslieder.ch.
Pink Martini Joy to the World. Naive/ Musikvertrieb.
Putumayo presents World Christmas Party. Putumayo/Disques Office.

Trotzdem ist der Jahrgang 2010 in Sachen Weichnachts-Pop von überdurchschnittlicher Qualität. Wohltuend hebt sich zum Beispiel Annie Lennox vom üblichen Mainstream-Kitsch ab. Ihr Album «A Christmas Cornucopia» enthält elf Interpretationen von traditionellen Weihnachtsliedern sowie das bewegende «Universal Child» aus eigener Feder.

Der Sound ist weihnachtlich und festlich, die Chöre jubeln, Annie singt majestätisch, und doch ist die Umsetzung erfrischend anders.

Hymnen lustvoll bearbeitet

In den weihnachtlichen Jubel-chor stimmen wir beim Weihnachtsalbum der amerikanischen Retro-Band Pink Martini ein. Die elfköpfige Band um Sängerin China Forbes hat Hits wie «White Christmas» oder «Silent Night» lustvoll neu bearbeitet. Singt englisch, aber auch japanisch, deutsch oder arabisch.

Der Respekt vor dem wichtigsten Christenfest bleibt dabei in jeder Note hörbar. «Joy to the World» ist verspielt und besinnlich. Originell und geschmackssicher. Höhepunkt ist das sparsam orchestrierte, sich steigernde «Little Drummer Boy» mit Stimme und Posaune in den Hauptrollen.

Schweizer Lieder wiederentdeckt

Auch hierzulande mischen immer wieder Musiker im einträglichen Geschäft um die Weihnachtssongs mit. Allen voran Weihnachtsspezialist Bo Katzman mit seinem Gospelchor.

Seit sechzehn Jahren versorgt der Basler das Schweizer Publikum in der Adventszeit mit weihnachtlicher Gospelmusik. Künstlerisch umstritten, aber mit zuverlässigem Erfolg. Auch in diesen Tagen steht sein aktuelles Album «Winter Nights – das Weihnachtsalbum» in der Hitparade.

Bemerkenswerter als Bo Katzman ist das Weihnachts-Album der Ostschweizer Sängerin und Flötistin Sabrina Sauder. Sie hat ein vergriffenes Liederbuch wiederentdeckt und den wunderschönen, vergessenen Weihnachtsliedern neues Leben eingehaucht.

Sauder hat damit einen wertvollen Beitrag zur Erhaltung von Schweizer Kulturgut geleistet. Bei der Umsetzung der Lieder wäre der ambitionierten Musikerin aber etwas mehr Mut zu wünschen gewesen. Sind die Arrangements doch eine Spur zu konventionell geraten.

Weihnachten umarmt die Welt

Die heisseste Weihnachts-CD in diesem Jahr hat das WorldmusicLabel Putumayo unter dem Titel «World Christmas Party» zusammengestellt. Die Sonne geht auf mit «Wish You a Merry Christmas» im Reggae-Style. Grammy-Award-Sieger Poncho Sanchez zielt in der Salsa-Version von «Have Yourself a Merry Little Christmas» auf das Tanzbein.

Charles Browns Blues-Shuffle lässt den Schweiss treiben und bei der Samba-Version von «Winter-Wonderland» sowie dem «Christmas Song» im Ska-Rhythmus fliesst er nur noch. «World Christmas Party» umarmt die Welt in christlicher Nächstenliebe und macht das Weihnachtsfest zur ultimativen Party – garantiert.

Aktuelle Nachrichten