Klassik
Daniel Hope: «Eine Welt ohne Klassik wäre tödlich»

Der Aktivismus des leidenschaftlichen deutschen Geigers Daniel Hope ist enorm. Zurzeit tourt er durch die Schweiz - und macht Werbung für klassische Musik.

Von Christian Berzins
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Stargeiger Daniel Hope kommt nach Rheinfelden. H. Hoffmann/DG

Stargeiger Daniel Hope kommt nach Rheinfelden. H. Hoffmann/DG

Obwohl er mit Liedermacher Reinhard Mey und der Rockband The Police musizierte, 100 klassische Konzerte pro Jahr gibt, 3 Bücher geschrieben und mehr als 20 CDs eingespielt hat, ja, auch mal geigend im Deutschen Bundestag oder als Talkmaster im Fernsehen auftritt: Der Hauptteil des ruhmgetränkten Lebens von Daniel Hope besteht aus Üben. Und da der 36-Jährige pausenlos in der Welt rumreist, bleibt ihm dafür nur sein Hotelzimmer. Aber da der südafrikanisch-britische Geiger nicht nur mit Klassikfreunden im Nebenzimmer rechnen kann, verzieht er sich dafür ins Badezimmer. Und schliesst die Türe fest zu.

Am Dienstag sitzt er um 12 Uhr allerdings in der Lobby des Zürcher «Hyatt». In seinen Jeans und im Pulli gibt er einen optischen Kontrapunkt zu den Geschäftsmännern rundum. Einen Moment noch bittet er um Geduld, mit seinem Manager muss er zwei Termine ordnen.

Terminsorgen scheinen sein einziges Problem zu sein. Er zeigt auf einen Ordner und lacht: «Mein Leben auf drei Jahre vorausgeplant!» Einst, da kam noch eine Sorge hinzu: Man schaute mit Skepsis auf Hopes Universalität. «Wenn einer ausserhalb des bekannten Bildes tanzt, fragen sich viele: Warum macht er das?»

Solcherlei Sticheleien nimmt er heute gelassen. Denn er weiss, warum er das alles tut. Eine Sucht an der Musik treibt ihn an: «Ich bin ein leidenschaftlich ehrlicher Musiker. Ich tue es, weil ich die klassische Musik liebe. Eine Welt ohne Klassik wäre tödlich für mich.»

Alles nur Show?

Damit die anderen Menschen ebenso fühlen, spielt er sowohl Barockes wie Modernes. Oder Hochromantisches wie zurzeit auf der Migros-Classics-Tournee, die am Dienstag in der Zürcher Tonhalle startete. Da zauberte er mit einem Prachtton Max Bruchs Violinkonzert in den Saal, als müsste er alle schlafenden Geigen-Dinosaurier wecken. Prächtig, dass ein Geiger so persönlich, so eigen, ja eigensinnig aufspielt.

Zu seiner Liebe, den grossen Geigern, steht Hope. Yehudi Menuhin war sein künstlerischer Grossvater, seine aktuelle CD ehrt Legende Joseph Joachim, Pinkas Zuckermanns Kunst begeisterte ihn schon mit fünf.

Diese Geiger waren Magier, und sie kannten auch die Show. Dass der heutige Perfektionshang Schuld daran sei, dass diese Elemente verschwunden seien, glaubt Hope nicht. «Ich sehe viele junge Geiger, die nur auf die Show aus sind: Wer kann sich am besten bewegen oder wer kann die Haare am besten nach hinten werfen?» Es sind allseits bekannte äusserliche Merkmale. Viel tragischer sei es, wenn er einen Meisterkurs gebe und merke, wie wenig sich junge Musiker für die Vergangenheit interessierten. Sprachlos werde er, wenn ihm jemand sage, so genial sei Jascha Heifetz auch nicht gewesen. Hope billigt zu, dass man Mozart heute anders spielen könne, allerdings nur dann, wenn man wisse, wie einst gespielt wurde. «Diese Legenden – Oistrach, Kreisler, Milstein, Thibaud – waren überaus individuelle Künstler, die einen anderen Ausdruck suchten. Heute hingegen spielt man so schnell und so laut und so perfekt wie möglich.» In der Jury des Reine-Elisabeth-Wettbewerbes in Brüssel sitzend, hörte er 24 Top-Talente. «Technik, Geschwindigkeit, Lautstärke – verblüffend! Aber die wenigsten dieser Interpretationen berührten mich.»

Er lächelt auf die Behauptung, dass die aktuelle Flut an Geigerinnen schuld sei, dass der Geigen-Magier aussterbe. «Ob es das Weibliche ist, weiss ich nicht, aber sicher ist es das Jugendliche. Das heisst nicht, dass diese Menschen nicht fulminante Geigerinnen wären. Doch durch den Jugendwahn geht viel verloren.»

Hört er, dass eine junge Kollegin kaum Zeit für die Kammermusik finde, da sie von Solistenkonzert zu Solistenkonzert eile, schüttelt er den Kopf: «Entsetzlich. Man hat immer Zeit für Kammermusik! Keiner muss eine Tournee mit 50 Konzerten machen, aber jeder kann sich abends mit Freunden hinsetzen und ein Streichquartett spielen.» Er selbst spielte sechs Jahre im legendären Beaux Arts Trio: «Das Kammermusikwissen braucht man, um mit den grossen Orchester zu harmonieren.»

Wie viel geht noch?

Sein Aktivismus ist enorm, bezeichnenderweise gefällt ihm die Frage «Wie viel geht noch?» bestens. «Lass mal gucken, was ich hier finde!», fragt sich der Hobby-Historiker immer wieder. Nach der CD-Hommage an Joseph Joachim will er sich der Musik der 1930er-Jahre widmen. «Diese Zeit ist faszinierend und erschreckend.» Doch vorerst triumphiert er mit Bruchs Violinkonzert von 1867 – in den Konzertsälen und in den Badezimmern der Hotels.

Konzerte Do, 28. April, Basel, Stadtcasino; Fr, 29. April, Genf. CD The romantic violinist, Hommage an Joachim, DG 2011.

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