Solothurn Classics

Carreras zeigt sich in Solothurn als treuer Hüter der Vergangenheit

José Carreras steht neben dem Flügel wie eine steinerne Säule – und merkt, dass auch seine Stimme bald zu Stein wird

José Carreras steht neben dem Flügel wie eine steinerne Säule – und merkt, dass auch seine Stimme bald zu Stein wird

Jahrhunderttenor José Carreras beschwört an den Solothurn Classics seine gloriose Vergangenheit. Die Konzert-Kritik.

«Kennen Sie eine lustige Musik?», soll Franz Schubert sein Gegenüber einst gefragt und gleich selbst leise mit «Ich nicht» geantwortet haben. Keiner, der am Mittwoch die Eröffnung der Solothurn Classics in der Rythalle erlebte, hätte ihm widersprochen.

Star-Tenor entzückt Solothurn

Star-Tenor entzückt Solothurn

Da gab der eine oder andere schmuckvoll frisierte Gast Fröhlichkeit vor, und merkte nicht, dass es bloss Melancholie war. Ein Saal taumelte zusammen mit einem der grössten Tenöre des 20. Jahrhunderts hinab in die Vergangenheit: vorbei an glücklichen Tagen, als das Solothurner Classic Openair noch weitum glänzte, als Ende Juni Tage voller Opernlust diese bezaubernde Stadt beherrschten, vorbei an den 1970ern-Jahren, als der Held des Abends seine ruhmreiche Karriere startete.

Ach, Vergangenheit, ach José Carreras … 1991 trumpfte Classic-Openair-Gründer Dino Arici mit der Verpflichtung des Katalanen auf. Damals schmetterte Carreras auf der Solothurner Schanz zur Zugabe «Granada» im Fortissimo in den Nachhimmel. Am Mittwoch füllte er mit seiner Stimme nicht mal mehr die akustisch so offene Rythalle. Der Grundcharakter seines Tenors aber ist unverändert – immerhin unverändert von jener Stimme, mit der Carreras nach seiner Leukämie-Erkrankung weltweit nochmals zwei Jahrzehnte auf den Bühnen der Welt kraftvoll auftrumpfte. Das Stilbewusstsein, die Gestaltungskraft und der Charme sind nach wie vor bewundernswert.

Bewunderung oder Wehmut?

Und doch bleibt die Frage, obs nur Wehmut ist, wenn wir da auf der Bühne der Solothurner Rythalle einen Weltstar bewundern, wie er sich durch ein Dutzend Lieder diverser italienischer Komponisten schlängelt. Einen Tenor, der einst der Liebling von Jahrhundert-Dirigent Herbert von Karajan war, der sich ab 1990 gar an Eröffnungskonzerten dreier Fussball-Weltmeisterschaften in die Herzen der Massen sang.

Die Dunkelheit seiner Stimme, die diesen Lyriker früh dazu verleitete, dramatische Rollen zu singen, bezaubert nicht mehr wie noch vor wenigen Jahren. Dieses Timbre ist nun fast nur mehr harte Schablone, das Schillern ist fast verblasst – und geheimnislos. Bisweilen buchstabiert Carreras seine Lieder, erzählt mehr, als er denn singt, meidet es, einen Ton auch nur etwas länger als ein Momentchen auszuhalten. Er macht aber auch hier seiner Vergangenheit eine Referenz, wurde er doch als «Tenor der gesungenen Worte» bewundert. Diese Kunst hilft ihm nun weiterhin, jedes Liedchen mit grossem Ausdruck anzureichern.

Er weiss genau, was nicht geht

Er weiss, was noch geht – und, traurigerweise, wie unendlich viel nicht mehr. Nur im letzten Lied des ersten Teiles, in Puccinis «Solo amore», wagt er, für einmal aus der Mittellage auszubrechen, setzt einen Spitzenton. Einen zu viel. Mit der Dynamik ging Carreras schon ab 1990 sparsam um, nun aber gibt es sie fast nicht mehr.

Vor drei Jahren bei seinem Abschied aus Zürich, da war er noch angriffig – sang bisweilen mit faszinierend offenem Visier. Am Mittwoch in Solothurn hielt sich Carreras verschanzt, sparte Kraft, wo es ging – und schenkte dann, aus dem Nichts, doch wieder Schönheiten. Dann nämlich blinzeln aus dem Visier seine wachen Augen, dann glänzt diese dunkle Bronze wieder ganz kurz wie Gold.

Der 69-Jährige zehrt nicht am Kapital, er hat es aufgebraucht. Was jetzt noch da ist, macht dennoch wehmütig. Er steht neben dem Flügel wie eine steinerne Säule – und merkt, dass auch seine Stimme bald zu Stein wird, dass er nur mehr ein Monument sein wird, eine stumme Legende. Ein treuer Hüter seiner Vergangenheit. Allein der Glaube an die einstige Grösse verleiht ihm heute noch Kraft.

In «Core’ngrato» («Catari»), einem Sehnen nach der Geliebten, scheinen die Töne noch einmal zu fliegen. In «Non ti scordar di me» da werden sie dafür ganz schwer, erneut funkelt aber das Metall, doch die Worte «Vergesse mich nie» scheinen nicht nur den Sänger zu erdrücken. «Vergesse nie das bezauberndste Märchen / Das je geschrieben wurde / Ein freudiges Ende war vorhergesehen und erwünscht» singt er, und wem es da die Kehle zuschnürte, der wischte bei den Folgeversen bald eine Träne aus dem Auge: «Vielleicht war es auch ein bisschen meine Schuld zu glauben / Es wäre für die Ewigkeit. / Manchmal wird alles ein bisschen verbraucht / Und ohne Ankündigung verschwindet es dann.»

Zum Schluss des Abends huscht ein melancholisches Lächeln über sein Gesicht. Die Scherzchen der dazugestellten Sopranistin prallen an dem hageren Mann ab – werden von seinem weissen Taschentuch aufgesogen und weggetupft. Der Vorhang zur Vergangenheit fällt. Adiós, príncipe de los tenores.

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