Punk

Campino über Flüchtlingshetze: «Da muss die Gesellschaft dagegenhalten»

Seine Musik ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Von hier aus wendet sich Campino nun also weiterhin gegen rechts.

Seine Musik ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Von hier aus wendet sich Campino nun also weiterhin gegen rechts.

Der Sänger der Toten Hosen über Fremdenhass in Europa, Götter in Trikots und Striptease-Shows in einem Zürcher Sex-Kino.

Wann waren Sie zum letzten Mal wütend?

Heute noch nicht. Was für eine Art Wut meinen Sie? Alltagswut?

Nein, Wut auf die Gesellschaft.

Noch bin ich ruhig.

Nun, vor 23 Jahren waren Sie wütend. Da erschien «Sascha ... ein aufrechter Deutscher», ein Song über einen Neo-Nazi. Es war die Zeit, als in Rostock-Lichtenhagen Asylheime brannten. Heute gibt es in Deutschland wieder Übergriffe auf Asylbewerber.

Natürlich werde ich wütend, über jene, die eine Hatz beginnen und die Atmosphäre vergiften. Da kann es einem schon die Sicherungen raushauen. Aber es bringt nichts. Bei offenen Bedrohungen gegen Flüchtlinge muss die Staatsmacht mit aller Härte vorgehen. Wir als Gesellschaft müssen bei dieser Thematik rationaler sein.

«Eins der zornigsten Lieder, die wir in den letzten Jahren geschrieben haben.» Die Toten Hosen mit «Sascha... ein aufrechter Deutscher», Live am Festival «Rock gegen Rechts» in Frankfurt, 1992.

«Eins der zornigsten Lieder, die wir in den letzten Jahren geschrieben haben.» Die Toten Hosen mit «Sascha... ein aufrechter Deutscher», Live am Festival «Rock gegen Rechts» in Frankfurt, 1992.

Wieso?

Es ist ein Problem, dass über Flüchtlinge oft nur emotional debattiert wird, ohne die Fakten zu berücksichtigen. Da tragen auch die Medien dazu bei. Die Menschen sind nicht vernünftig aufgeklärt. Alle reden bei uns in Deutschland immer davon, dass wir die Dummen sind, die alle aufnehmen müssen. Aber man muss das mal in Relation zu unserem Wohlstand und unserer Grösse setzen, dann sieht das alles schon ganz anders aus.

Die Debatte geht aber anders, sie dreht sich um «echte» und «unechte» Flüchtlinge.

Wenn ich das schon höre: «Die kommen nur wegen des Geldes, die werden gar nicht richtig verfolgt». Was soll denn das heissen, wenn man seine Familie nicht mehr durchbringen kann? Wer von uns würde da nicht versuchen, zu fliehen, etwas Lebenswertes zu finden?

Überrascht Sie die neue unverhohlene Ausländerfeindlichkeit?

Ja. Sie ist eine grosse Bedrohung. Dieser Hass kann zur Mainstream-Gesinnung werden. Sprüche, die bisher tabu waren, werden plötzlich gesellschaftsfähig, ohne dass jemand aufschreit. Da muss die Gesellschaft dagegenhalten. Man muss es sich im Supermarkt nicht mit ansehen, wenn einer runtergemacht wird, nur weil er nicht von hier ist. Da kann man etwas dagegen tun.

Ab der WM 2006 sprach man vom neuen Deutschland. «Zu Gast bei Freunden». War das ein Trugschluss?

Nein. Wir müssen uns nicht auf die Schultern klopfen, aber Deutschland hat sich wirklich verändert. Dieser in manchen Situationen aufflammende Hass ist ja kein allein deutsches Phänomen, den gibt es auch in Österreich, in der Schweiz und in Italien und Spanien. Er ist ein europäisches Problem. Aber es ist korrekt, dass Sie mich auf Deutschland ansprechen. Bevor ich die Schweiz dafür kritisiere, dass sie entschieden hat, dass es keine Minarette mehr geben soll, muss ich vor meiner eigenen Türe wischen.

Wie würden Sie denn Ihr Verhältnis zu Deutschland beschreiben?

Meine Biografie hat immer schon ein ambivalentes Verhältnis zu Deutschland in sich getragen. Meine Mutter war Engländerin, mein Vater Deutscher. Die haben sich gleich nach dem Krieg kennen gelernt. Das war nicht einfach. Man hat das in der Verwandtschaft immer gespürt. Ich fühlte mich als Jugendlicher immer mehr als Engländer. Ich bin nicht umsonst seit je Liverpool-Fan und auch nicht per Zufall früh in die Punk-Szene geraten. Das alles hab ich in England angetroffen. Andererseits wird man älter und die England-Affinität hab ich mit der Zeit verloren, weil ich begriffen habe, dass es nicht um Länder geht. Es geht um Europa.

Wie meinen Sie das?

Wir sollten uns alle bewusst sein, dass wir in einer völlig abnormalen Zeit leben. Noch nie gab es in Mitteleuropa so lange Frieden. Wenn Sie mich also unter diesem Aspekt fragen, ob ich froh bin, aus Deutschland zu sein, dann sag ich gerne Ja. Ich bin verdammt noch mal friedlich aufgewachsen.

Nur beginnt innerhalb von Europa die Deutschfeindlichkeit zu wachsen.

Das ist doch Unsinn. Der mit den besseren Noten wird immer ein wenig angemacht, das ist auch in der Schule so. Das sollte man nicht persönlich sehen. Deutschland wird doch auch in vielen Bereichen als Zugmaschine respektiert. Ich bin noch nicht mal sicher, ob das verdient ist.

Sie singen auf dem neusten Album: «Wir haben keine Zeit mehr für Politik und Religion, wenn wir an Götter glauben, dann tragen Sie Trikots». Wen meinen Sie mit «wir»?

Die Gesellschaft. Es ist ja heute wichtiger, wer am Samstag in der Bundesliga gewinnt, als was sich in der Politik abspielt. Fussball ist das Letzte, an das alle glauben.

Sie sind Fortuna-Düsseldorf- und FC-Liverpool-Fan. Sie glauben ja auch daran!

Ja, ich glaube an den Fussball, jedenfalls eher als an unsere Politiker (lacht). Manche Leute sagen, es sei armselig, dass man sich mit seinem Verein so sehr identifizieren und in etwas hineinsteigern kann. Dass man bei einem Sieg Glücksgefühle empfindet, obwohl man gar nicht auf dem Platz steht. Ich finde das sensationell. Aber das muss jeder für sich entscheiden.

Die Jugend war nicht immer politikverdrossen. In den Achtzigerjahren war Punk Protest. Könnte so eine Bewegung heute noch entstehen?

Die Rebellion der Strasse kann immer noch passieren. Gerade durch das Internet. Ich will das aber nicht romantisieren. Das kann für eine gute Sache sein, aber auch genau so für eine hässliche. Stichwort «Ausländerfeindlichkeit». Aber ob es eine solch breite Bewegung, wie die Punk-Bewegung es war, wieder geben kann, bezweifle ich.

Wieso?

Jugendbewegungen wie die Hippies oder die Rock ’n’ Roller, das waren Anti-Establishment-Bewegungen, die viel Zeit zum Wachsen hatten. Es konnte sich eine Philosophie entwickeln. Heute geht das nicht mehr, weil das Tempo so hoch ist. Aber dafür gibt es eine grössere Vielfalt von Bewegungen, die nebeneinander her existieren.

Apropos Anti-Establishment: Das waren Sie auch einmal. Jetzt sind die Toten Hosen absolut Mainstream. Wie fühlt sich das an?

Es ist nicht einfach, von einer Hausbesetzer-Band, wie wir es waren, zu einer Gruppe zu werden, die alle möglichen Leute jeder Gesellschaftsschicht sehen wollen. Damit mussten wir erst mal umgehen. Das war ein schwieriger Prozess. Wir haben uns lange darin verkrampft, die Jungs von früher sein zu wollen. Aber das geht einfach nicht. Du kannst nichts dagegen tun, wenn dich andere nicht mehr als das sehen, was du im Kern immer noch bist.

Wo sind Sie denn noch Anti-Establishment?

Diese Frage stellt sich für uns nicht. Unsere Geschichte spricht für sich selbst. Wir haben nicht alles über Bord geschmissen. Zum Beispiel sollten wir schon für Rasierwasser, Limonaden, Bier und politische Parteien singen. Aber wir haben unsere Musik nie für Werbung zur Verfügung gestellt, obwohl da Summen in Millionenhöhe im Raum waren. Wir hielten auch immer die Eintrittspreise moderat. Das hängt alles damit zusammen, woher wir kommen. Aber irgendwann kann man trotzdem nicht mehr als Anti-Establishment-Vorreiter dienen. Man braucht eine Portion Naivität, um Zwanzigjährigen zu sagen: Ihr könnt mich alle mal. Das würde man heute auch den Rolling Stones und AC/DC nicht mehr abnehmen. Und uns ebenfalls nicht. Aber wir haben nie mit der Vergangenheit gebrochen.

Aber Sie werden als Mainstream wahrgenommen, über den man sich gerne lustig macht. Der Late-Night-Moderator Jan Böhmermann hat Ihren musikalischen Beitrag zum weltweiten Afrika-Benefiz-Projekt «Live-Aid» durch den Kakao gezogen. Trifft Sie das?

Das Einzige was mich in dem Moment – und da sind wir beim Stichwort – verärgert hat, ist, dass durch diese arme Wurst viele Spenden nicht eingegangen sind, weil er dafür gesorgt hat, dass in einem unglücklichen Moment die Leute über diese Aktion irritiert waren. Er kann sich also dafür auf die Schultern klopfen, dass er ein paar 100 000 Euro Spenden mit verhindert hat. Wofür? Für ein paar Lacher.

Was ist eigentlich Ihre erste Erinnerung an die Schweiz?

Das war noch mit der Vorgängerband von den Hosen, die hiess «ZK». Da haben wir Anfang der Achtzigerjahre im Kino Walche gespielt, zusammen mit Liliput, Ex-«Kleenex», dieser berühmten Zürcher Mädchen-Punkband.

Und wie war das?

Wie Peterchens Mondfahrt. Wir waren nur eine mittelmässige Band, aber wir durften von Düsseldorf in eine andere Stadt fahren und spielen. Das war krass. Es war die Zeit von «Züri brännt» und der Roten Fabrik. Heutzutage kannst du dich durch das Internet darüber informieren, wie die Rock-Bewegung in Mombasa gerade tickt. Aber damals war es etwas Fantastisches, herauszufinden, dass die Punks in einer anderen Stadt genau so drauf waren wie wir. Ausserdem war das Kino Walche klasse.

Wieso?

Weil es da zwischendurch Striptease-Shows gab. Das war Punk-Romantik. Ganz grosse Klasse. Schmuddelig, rotzig und gesellschaftlich nicht korrekt. Mit anderen Worten: genau richtig für uns. Aber ich verbinde mit Zürich auch weniger schöne Bilder ...

Welche?

Ich erinnere mich an die damalige offene Drogenszene in Zürich. So etwas hatte ich vorher in diesem Ausmass nicht gesehen, selbst in Berlin und Frankfurt nicht. Das hat reingeknallt. Wir waren geschockt. Da war kurz Ruhe im Tour-Bus, was nicht oft geschah.

Weil ihr das so in der Schweiz nicht erwartet habt?

Wir hatten im engeren Band-Umfeld Probleme mit Drogen. Deshalb ist uns auch der Mund runtergeklappt, als wir diese Szene sahen. Unser Roadie «Bollock» verschwand jeweils einige Stunden, wenn wir in Zürich einfuhren, und wenn er wieder kam, war er nicht mehr derselbe. Er starb später an den Folgen seines Drogenkonsums.

Am Samstag im Letzigrund werden Sie ein anderes Zürich antreffen.

Ja. Wir freuen uns und sind bereit.

Die Toten Hosen spielen am Samstag, 15. August, im Zürcher Letzigrund Stadion. Das Konzert ist ausverkauft.

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