Gospel
Bo Katzman: «Ich bin kein Missionar, ich bin Musiker»

Bo Katzman feiert das 25-jährige Bühnenjubiläum. Im Interview spricht der bekannte Gospel-Musiker und Chorleiter über seine Musik, Spiritualität und seine Zukunft.

Tirza Gautschi und Stefan Künzli
Drucken
60 Jahre und kein bisschen müde: Bo Katzman, Leadsänger des nach ihm benannten Chors. HO

60 Jahre und kein bisschen müde: Bo Katzman, Leadsänger des nach ihm benannten Chors. HO

25 Jahre «Bo Katzman Chor». Ist Ihnen zum Feiern zumute?

Bo Katzman: Dass etwas, das so bescheiden angefangen hat wie dieser Chor, so lange überleben kann, ist für mich ein kleines Wunder. Bei unserer Gründung hatten wir ja weder Ambitionen noch Ziele. Es waren einfach 150 Leute, die mit mir Lieder singen wollten.

Am Anfang haben Sie also keinen Gospel gesungen?

Nein, am Anfang waren es Lieder wie «Guantanamera» und «Country Roads», und ich habe die Sänger lediglich dirigiert. Als wir eine Tournee im Kanton Baselland organisierten, gingen wir beinahe pleite, weil sich bei den Konzerten nur 20 bis 50 Zuschauer im Saal verloren. Wir mussten etwas ändern. Da machte mein Manager Edgar Lehmann den Vorschlag: «Wieso singst du nicht mit? Du als Leadsänger mit einem Riesenchor und einer Rockband im Rücken, das hat es in der Schweiz noch nie gegeben!» Der Funken sprang! Wir hatten unser Konzept gefunden.

Heute sind Sie aber nicht mehr der einzige Gospelchor in der Schweiz.

Nein, in der Zwischenzeit sind über 400 Gospelchöre in der Schweiz entstanden. Es freut mich natürlich als Musiker, der sein Herz dem Gesang verschrieben hat, dass so viele Menschen die Freude am Singen pflegen. Andererseits haben wir bemerkt, dass diese vielen lokalen Chöre uns ein wenig Publikum abziehen.

Spüren Sie diese Konkurrenz?

Jetzt nicht mehr so. Wir haben ja eine ganz andere Art, Konzerte zu gestalten, als übliche Chöre. Wir arbeiten mit aufwendiger Lichtshow und Bühnenbildern und bieten eine regelrechte Show.

Ihre Interpretation von Gospel wird in manchen Kreisen ein wenig belächelt. Was sagen Sie dazu?

Zuerst: Gospel ist kein Musikstil, sondern ein Thema. Anfänglich wurde uns tatsächlich vorgeworfen, dass wir den schwarzhäutigen Menschen ihre Lieder und ihre Kultur stehlen würden und dass Weisshäutige sich nicht daran vergreifen dürften. Zu unseren ersten Tourneen haben wir schwarze Gospelsänger aus den USA als Special Guests eingeladen. Roy Ellis war unser erster Gast, und ich habe ihm von der Kritik erzählt. Er hat nur gelacht und gesagt: «Was soll der Unsinn? Hier geht es nicht um schwarze oder weisse Haut, hier geht es um Musik und Geschichten aus der Bibel – und die dürfen alle singen.»

Trotzdem unterscheidet sich Ihre Form des Gospels stark von der aus den USA.

Natürlich, die Intensität des Musizierens von Europäern und Afroamerikanern unterscheidet sich grundlegend. Deshalb soll man gar nicht versuchen, die andere Art nachzuahmen. Darum arrangiere ich die Lieder so, dass sie auch mit den Herzen von hiesigen Menschen empfunden werden können und glaubwürdig klingen.

Sie haben einen Hang zur Spiritualität. Sind Sie religiös?

Diese Frage bedeutet ja eigentlich: Gehören Sie einer Kirche an und befolgen Sie deren Regeln? Das ist eine sehr komplexe Frage. Ich unterscheide zwischen Religion, Spiritualität und Glauben. Das sind für mich drei ganz unterschiedliche Kapitel. Wenn man mich also fragt, ob ich religiös bin, dann muss ich zurückfragen: Welche Art Religiosität meinen Sie?

Und wie beantworten Sie die Frage?

Ich bin streng katholisch erzogen worden. Ich war sogar Ministrant und später Lektor. Ich habe mich also von klein auf mit der Institution Kirche identifiziert und weiss Bescheid, wie sie funktioniert. Nach einem Motorradunfall mit 21 Jahren hatte ich ein Nahtoderlebnis, in welchem ich ins Jenseits blicken konnte. Seither weiss ich, was uns nach diesem Leben erwartet und dass unsere Existenz nicht mit diesem Leben endet. Das ist also keine Glaubensfrage mehr für mich. Ich weiss es. Religiös bin ich in einem anderen Sinn geworden als in dem institutionell kirchlichen.

Sind Sie nicht mehr in der Kirche?

Die Kirchen haben die wichtige Aufgabe, die Brücke zwischen dem Irdischen und dem Spirituellen zu bauen, deshalb bleibe ich dabei. Jedoch transportieren sie ihre Botschaft missverständlich. Ich höre immer «Gott will» oder «Gott befiehlt». Was ich von meinem Blick in die jenseitige Welt mitgenommen habe, ist die Gewissheit: Gott will und befiehlt nichts. Der Wille Gottes ist nichts anderes, als dass Liebe praktiziert wird. Im Prinzip gibt es nur eine Sünde: Die Lieblosigkeit.

Freikirchen suchen nach neuen Wegen, den Glauben zu vermitteln. Teilweise mit Unterstützung der Musik. Was halten Sie davon?

Klar, das interessiert mich sehr. Aber ich empfinde das ein wenig als Facelifting, ein vordergründiges Spektakel. Ich bin schon gefragt worden, ob man mehr Gospel in der Kirche spielen soll, damit mehr Leute kommen. Aber es geht nicht um mehr Leute, auch nicht um Musik in der Kirche. Es geht darum, wie man das Thema Spiritualität den Gläubigen näherbringt. Und dieses Facelifting ist für mich nicht bedeutend genug.

Waren Sie einmal dabei?

Ja, beim ICF Zürich bin ich in ein, zwei Gottesdienste gegangen. Die Jungen finden das selbstverständlich super und haben das Gefühl, sie seien religiös. Aber es ist einfach ein neuer Versuch, Leute an Bord zu holen – das ist ja das Ziel von jedem Verein, und so ist das auch bei den Kirchen. Die katholische Kirche hat eine Aufgabe, und ich finde gut, dass es sie gibt. Aber sie sollte sich dringend der Zeit anpassen. Jesus selbst war ein Jude, er wollte keine neue Kirche gründen, er hat bloss einen neuen Weg gezeigt. Er hat seinen jüdischen Glauben erneuert. Und ich denke, jetzt ist es wieder an der Zeit, dass die Kirchen auf den Zeitgeist eingehen und nicht noch konservativer werden.

Wollen Sie mit Ihrem Chor ebenfalls neue Wege aufzeigen?

Nein! Ich bin kein Missionar, ich bin ein Musiker, der sein Innenleben mit der Musik verarbeitet. Das tun alle Musiker. Bei AC/DC geht es um Alkohol und Frauen, bei mir um spirituelle Themen.

Haben Sie mit Sex, Drugs und Rock’n’Roll völlig abgeschlossen?

Sex ist immer noch ein Thema, einfach in einem engeren Kreis als früher (lacht). Rock’n’Roll ist der grosse musikalische Schwerpunkt in meinem Leben, denn Gospel ist ja der Grossvater des Rock’n’Rolls. Drugs – ausser einem Gläschen Wein muss ich keine Sinnesumneblungen mehr haben. Meine Drogenerfahrungen, die ich gehabt habe wie jeder Rockmusiker, verheimliche ich nicht. Aber ich habe schnell gemerkt, dass dies nicht meine Welt ist.

Was wollen Sie mit 60 Jahren noch erreichen. Haben Sie Pläne?

Ich bin nie ein Planer gewesen. Ich denke bis zum nächsten Album. Natürlich habe ich noch private Wünsche. Ich träume schon lange davon, mit einem Hausboot in den Kanälen Europas herumzutuckern oder mit einem Wohnmobil durch Australien oder Kanada zu fahren. Aber wer leitet unterdessen meinen Chor? Das kann ich erst machen, wenn ich dieses Projekt abgeschlossen habe – und das wird vor 80 nicht passieren. Ein Musiker kennt ja kein Pensionsalter.

Aktuelle Nachrichten