Pop
Beim neuen Madonna-Album spielt die Musik nur eine Nebenrolle

Madonnas zwölftes Album «MDNA» bietet nichts Neues. Statt auf gute Songs baut sie auf eine clevere Marketing-Strategie. Das Album erscheint heute als Standard- und Deluxe-Version.

Renzo Wellinger
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Madonna setzt bei ihrem neuen Album auf elektronische Beats und Dance-Pop-Nummern. ho

Madonna setzt bei ihrem neuen Album auf elektronische Beats und Dance-Pop-Nummern. ho

Ich mochte die Bridge. Aber du musst die letzte Zeile ändern.» Eine klare Ansage. In einem Clip ist die «Queen of Pop» gemeinsam mit dem französischen House-DJ Martin Solveig bei der Arbeit an ihrem neuen Album «MDNA» im Studio zu sehen. Das Video soll wohl vor allem eins suggerieren: Der US-Superstar – bekannt dafür, sich von jeweils angesagten Produzenten Hits auf den sehnigen Leib schneidern zu lassen – lässt nicht nur arbeiten, sondern packt auch selber mit an.

Ob sie nun tatsächlich selbst die Regler betätigte oder nicht, Madonna hat sich nach ihrem Hip-Hop-Experiment «Hard Candy» wieder ein Dance-Album in den Kopf gesetzt. Damit hat sie in der Vergangenheit gute Erfahrungen gemacht: 2005 landete sie mit «Confessions On A Dance Floor» einen internationalen Bestseller. Ein neuer Top-Hit käme Madonna ziemlich gelegen. Denn der Thron der Pop-Queen wackelt gewaltig: Ihre grösste Konkurrentin, die fast 30 Jahre jüngere Lady Gaga, geht dieses Jahr ebenfalls auf Tour und arbeitet angeblich bereits an neuem Material.

Acht Texter für einen Song

Einen ersten Vorgeschmack auf «MDNA», das vom Plattenlabel Universal Music bis kurz vor dem Release unter Verschluss gehalten wurde, lieferte «Give Me All Your Luvin’», ein catchy, aber etwas plumper Pop-Song mit Cheerleader-Chants von M.I.A. und Nicki Minaj. Die beiden Skandal-Rapperinnen, bekannt für ihre freche Schnauze, sollten der 53-Jährigen wohl ein paar jüngere Käufer garantieren. Gemessen an Madonnas früheren Erfolgen, schnitt der Titel in den internationalen Charts jedoch nicht gut ab. Auch die zweite Single, «Girl Gone Wild», ein vom italienischen Tech-House-Duo Marco und Alessandro Benassi co-produzierter Elektro-Pop-Track mit simplem «Hey ey ey»-Refrain und belanglosen Lyrics, ist schnell vergessen.

Das Video dazu, in dem sich Männer in Highheels verrenken – Lady Gaga lässt grüssen –, erinnert stark an Madonnas Kult-Hit «Vogue». Wie ein Klon wirkt auch der neue Song «I’m A Sinner»: Die Melodie kommt «Ray Of Light» aus dem Jahr 1998 verdächtig nah. Kein Wunder, stand der Pop-Ikone doch erneut der britische Produzent William Orbit zur Seite, der ihr mit dem Album «Ray Of Light» zu einem der grössten Erfolge ihrer bisherigen Karriere verhalf.

Ganz klar, Madonna geht auf Nummer sicher. Neben Orbit hat sich Madonna mit Martin Solveig einen Produzenten geschnappt, der den in den Charts nach wie vor omnipräsenten David-GuettaKirmes-Sound glaubwürdig für sie in Szene setzt. Zudem hat sie ein ganzes Heer an hochkarätigen Songwritern verpflichtet. Allein an «Gang Bang», einer düsteren Rachefantasie, unterlegt von minimalistischen Beats, waren acht Texter beteiligt. Doch die können Madonna, die noch nie für tiefgründige Lyrics bekannt war, auch nicht über die Plattitüden hinweghelfen. Tiefpunkt ist der Feelgood-Song «Superstar» mit «Oh la la»-Refrain und so peinlichen Textzeilen wie «You can have the password to my phone, I’ll give you a massage when you get home».

Eine Art Familienprojekt

Neben Madonnas 15-jähriger Tochter Lourdes, die im Background singt, ist hier als Co-Produzent Hardy «Indiigo» Muanza mit von der Partie – seines Zeichens Manager von Madonnas aktuellem Toyboy-Freund, dem französischen Tänzer Brahim Zaibat. Immerhin haben einige der Stücke einen sehr persönlichen Stempel. So verarbeitet Madonna auf der Platte in mehreren Songs, wie etwa der reduzierten Uptempo-Nummer «I Fucked Up», ihre gescheiterte Ehe mit dem Regisseur Guy Ritchie.

Austauschbare Dance-Nummern

Abgesehen von zwei Balladen wird «MDNA» von kühlen, teilweise hysterischen elektronischen Beats und austauschbaren Dance-Pop-Nummern dominiert. Innovativ ist das nicht.

Als würde sie selbst nicht auf die Strahlkraft ihrer neuen Songs vertrauen, hat Madonna eine gigantische PR-Maschinerie in Gang gesetzt. Der bisherige Höhepunkt: ein pompöser Auftritt im Rahmen der amerikanischen Super Bowl. Ein cleverer Schachzug, denn die Show wurde von weltweit 114 Millionen TV-Zuschauern verfolgt. Neben der aktuellen Single performte Madonna dort auch vier ihrer älteren Hits. Im direkten Vergleich mit den Klassikern aus ihrem umfangreichen Repertoire wurde deutlich: Madonna, die einst für ihre Wandelbarkeit bekannt war und sich und ihre Musik immer wieder neu erfunden hat, fällt nichts Neues mehr ein.

Was soll nach Super-Girlie, Sexbombe, Esoterik-Fee und Aerobic-Vorturnerin auch noch kommen? Ist aber eigentlich auch egal. Denn die Musik ist bei der globalen Marke Madonna ohnehin nur noch zweitrangig. Wie zum Beweis schoss «MDNA» allein aufgrund der Vorbestellungen in 50 Ländern auf Platz eins der iTunes-Charts.

Hierzulande konnte Madonna seit «Ray Of Light» jedes ihrer Alben auf Platz eins der Hitparade positionieren. Das dürfte ihr auch dieses Mal gelingen – trotz des kreativen Stillstands.

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