Lenzburgiade
Bei der Lenzburgiade duftet der Winter nach Frühling

Stargeiger Daniel Hope eröffnete die Lenzburgiade im Rittersaal von Schloss Lenzburg: ein Konzert mit Sonnen- und Schattenseiten.

Christian Berzins
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Geigender Teufelskerl: Daniel Hope auf Schloss Lenzburg. Chris Iseli

Geigender Teufelskerl: Daniel Hope auf Schloss Lenzburg. Chris Iseli

Chris Iseli/AZ

«Hauptsache, dem Publikum gefällts!», sagte uns der Sponsor des Abends in der Pause mit Nachdruck. Unsereins hatte vor dieser Bemerkung auf seine Frage bloss gesagt, dass uns im ersten Teil vieles, aber nicht alles gefallen hätte. Das Vivaldi-Spiel von Geigenstar Daniel Hope ist spannend diskutierbar, die Zurückhaltung des begleitenden Orchesters «L’arte del mondo» kritisierbar. Aber an der «Lenzburgiade» ist ein Abwägen nicht gefragt: An diesem Festival spielen Weltklassemusiker schlicht weltklasse.

Zur Eröffnung hatte man mit Daniel Hope denn auch einen geigenden Teufelskerl eingeladen, einen Musiker, der perfekt zum Festival passt: Hope ist nicht einfach nur ein Geiger, der von Sidney bis San Francisco die grosse Geigenliteratur präsentiert, sondern er packt ein Projekt nach dem anderen an, spielt auch mal im Deutschen Reichstag, widmet sich Musik aus Theresienstadt, verbindet Wort und Musik – und hat eine sanfte Neugier für Neues, ja selbst für die in Lenzburg gepflegte Folk-Musik.

Interessiert an Trübungen?

Wer will es ihm da verübeln, dass er sein grossartiges Kapital, seine geigerische Kunst, mit etwas gar wenig Zins anlegt? Dass er lieber noch mal etwas Neues dazunimmt, als das Bestehende ausreifen zu lassen? Solange er seine Fähigkeit behält, das Publikum allabendlich zu packen, ist diese Vielfalt ein Gewinn. Er kann einem ausverkauften Saal nämlich wie nur wenige andere Musiker zu verstehen geben: Heute spiele ich mit ganzem Herzen für euch! Und so wurde denn das vom malerischen Schlosshof hinein in den Rittersaal gepferchte Lenzburgiade-Eröffnungskonzert ein Erfolg.

Interessiert an den Trübungen? Vorne im Saal, da knallten die forschen Tutti-Klänge farblos ins Ohr, da trumpfte der Solist – oder vielleicht sollte man für einmal tatsächlich eher sagen die Geige? – noch mehr auf, als er es denn sowieso tun würde. Gleich zu Beginn von Vivaldis «Vier Jahreszeiten», im «Frühling», wenn Hope mit der Ersten und der Zweiten Geige des Orchesters dialogisiert, wars kein Zwiegespräch, sondern bloss eine blasses Echo aus dem Orchesterinnern. Das Largo im «Winter» wurde mit summend-schlummernder Orchesterbegleitung ein süsses Stück Frühling. Wie anders das heute klingen kann, und nicht mal nur bei Barockspezialisten, zeigen zahlreiche Formationen: Dann wird selbst in diesem berüchtigten Satz das Orchester ein fordernder Gegenpart und bleibt nicht Schmuseklangteppich.

Gewiss: Hope ist nun mal nicht der Geiger, der seine Hörer mit Zartheit und Zurückhaltung gewinnen will, sondern mit der grossen Geste. Dieser Bewegtheit haftet etwas Flüchtiges an. Kaum lustvoll geprotzt, folgte auch mal eine ungenaue Tongebung oder ein unsauberer Bogenstrich. Spielte Hope mit Vibrato, das Orchester «L’arte del mondo» hingegen ohne dieses kunstvolle Vergrössern und Verschönern des Tones, ergab das reizvolle Widersprüche, aber auch Irritationen.

Heikle Verstärkung

Neben dem Goldglanz kennt Hope die aschfahlen Töne durchaus, aber er misstraut ihrer Schönheit, ihrer stillen Kraft. Und er weiss auch, dass die elektronische Verstärkung eine trügerische Hilfe ist, dass dabei Farben verloren gehen. Kurz: Das Mikrofon macht grosse Töne gross, vermeintlich kleine aber nichtig. Zudem war das Cembalo wesentlich stärker verstärkt als ganze Streichergruppen, wodurch ein eigenartiges Ungleichgewicht entstand. Spannender wurde es im zweiten Teil, gab es doch nun die «Jahreszeiten» «neu komponiert».

Der 1960 geborene Komponist Max Richter hat das gewagt: als Hommage an Vivaldi, da er das zur Fahrstuhlmusik verkommene Werk nicht mehr hören konnte. Und tatsächlich lauscht man gebannt seiner Fassung, die das Original benutzt, ihm folgt, mit ihm spielt – und ganz neue Wege wählt. Man hört plötzlich wieder ganz genau hin, merkt, wie da geschnitten wurde, hier überklebt, da verdoppelt und dort ein famoses Loch entstand. Und bisweilen wird Vivaldi quasi im amerikanischen Minimalmusik-Stil verpoppt: auch das durchweg nicht falsch.

Um diese Effekte noch besser hervorzuheben, spielt Hope dieses Werk jeweils verstärkt. Für die Lenzburger Aufführung konnte er sein Mikrofon also behalten, die Orchestermusiker erhielten aber nun ebenfalls individuelle Verstärkung. Der Effekte willen, der Sound-Schaffung, durchaus angebracht. Der Unterschied zu einem unverstärkten, «reinen» Vivaldi aus dem ersten Teil wäre allerdings noch viel reizvoller gewesen.

Egal. Das Publikum schien aufzuatmen, als es zur Zugabe zwei Happen Original-Vivaldi gab. Mit einer Bearbeitung von Brahms’ «Guten Abend, gute Nacht» führte Hope hinaus in die kühle Sommernacht.

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