«Quelle horreur!», finden die einen, «How magnificent!», die anderen, wenn Jazzer Klassik machen und umgekehrt. Letzteres – also Klassiker, die Jazz spielen – ist so geschehen am Tag des Herrn im Löwensaal mitten in der idyllischen Gemeinde Beinwil am See. Grundsätzlich gilt: Wer Vielfältigkeit einen inhärenten Wert zuspricht, der sollte solchen Projekten gegenüber positiv eingestellt sein.

Vielseitig auf jeden Fall ist das Programm der neu ins Leben gerufenen Konzertreihe «Löwenkonzerte». Darin treten die renommierten Aargauer Klangkörper Chaarts, Argovia Philharmonic und Capriccio Barockorchester mit jeweils unterschiedlicher Musik auf. Galantes bis Cholerisches (Mozart beziehungsweise Gluck), böhmische Waldeinsamkeit (Dvořák) oder Tango-Seligkeit (Piazzolla) verspricht die Konzertvorschau.

Obiger Gesinnungshaltung folgend, muss also Andreas Fleck, Christian Weidmann und Tobias Wetzel, den Leitern der Ensembles und geistigen Vätern dieser Musikkultur-Veranstaltung, a priori ein grosses Lob ausgesprochen werden.

Den Auftakt heuer machte ein Argovia-Extrakt, eine Essenz, gewonnen aus jazzophilen Musikern des Symphonieorchesters, verfeinert um einige Jazz-Pros an Schlüsselstellen wie Schlagzeug (Pius Baschnagel) oder Lead-Trompete (Dave Blaser). Die sogenannte Argovia Philharmonic Big Band stand unter der Leitung von Maestro Pepe Lienhard, welcher diese Aufgabe gewohnt bravourös erledigte.

Viele Highlights

Wie erwartet, weil angekündigt, wurden Swing-Klassiker gespielt, vieles aus dem Repertoire von Count Basie. Die Darbietung im ausverkauften (!) Löwensaal war klasse. Zu den Highlights gehörten ohne Frage die Titel mit Sängerin Brigitte Wullimann, mal im neckischen Glitzer-Fummel, mal eher klassisch in Schwarz, auf der Bühne. Ihre kräftige und klare Stimme in den mittleren Registern fügte sich wunderbar in den vollen Big Band Sound ein und setzte sich problemlos durch, ohne je aufdringlich zu sein.

Die Hintermannschaft, die ihre Sache ohnehin schon gut machte, legte hörbar einen Zacken zu. (Ob es an der nunmehr schönen Aussicht gelegen hat?) Dynamische Finessen wurden noch deutlicher herausgearbeitet («Over The Rainbow»), Riffs, Kicks und kleine Breaks kamen so gestochen scharf («I Wanna Be Loved By You»), dass Quincy Jones höchstpersönlich seine helle Freude daran gehabt hätte.

Wohliges schwabbern

Besondere Erwähnung aus den Reihen der Klassiker verdient Kontrabassist Giulio Rubino. Dessen Spiel erzeugte einen ungeheuren Groove und sein fetter Bassklang trug nicht nur die Band, sondern liess dann und wann auch die Gedärme der Zuhörer wohlig schwabbern. Gleichfalls ausgezeichnet waren ruhigere Passagen, in denen das Schlagzeug mit Besen gestreichelt wurde und Roberto Bossards funky «Schrum-Schrum»-Gitarrenbegleitung à la Freedie Green (Count Basie’s Gitarrist für fast fünfzig Jahre) zur Geltung kam.

Einzig die Für-Elises und Mondscheinsonaten der Swing-Literatur wie «In The Mood» oder – nomen ist wohl omen – «Moonlight Serenade» waren, allein vom Material her, insbesondere wenn man es schon hunderttausendmal gehört hat, etwas langweilig. Dem Publikum (übrigens gut durchmischt) schien es trotzdem zu gefallen, klatschte es doch vor Freude den Takt.

Überhaupt, gefallen tat viel an diesem Sonntagmorgen und dass die Argovia Philharmonic Big Band zur Hälfte aus klassisch ausgebildeten Musikern besteht, fiel – ja, tatsächlich – nicht auf. Das ist denn auch, wenn es überhaupt eines ist, das Problem. Die Vielseitigkeit derartiger Zusammenarbeit ist oft mehr eine Vielseitigkeit «für sich» (Kant), als eine Vielseitigkeit «an sich» (nochmals Kant). Es mag für den betreffenden Künstler vielseitig sein, wenn er in einem ihm fremden Genre wirkt, aber die Musik an sich bleibt dann halt doch mehr oder weniger die gleiche. In unserem Fall, Gott sei Dank, gute.

Es freut daher, dass Christian Weidmann die hiobsartige Ansage von Pepe Lienhard, es handle sich hierbei um eine Derniere, nach dem Konzert relativieren kann. Man werde in Zukunft selbstverständlich weiter ähnliche Projekte verfolgen, so der Intendant von Argovia Philharmonic.

Das nächste Konzert der Löwenreihe findet am Do, 23. 11. mit den Chaarts Chamber Artists statt.