Oper
Intimes Musiktheater: Dieser «Otello» greift ans Herz

Das Musiktheater boxopera zeigt die grosse Oper im Taschenformat. Die Idee gelingt mit Giuseppe Verdis «Otello».

Joseph Auchter
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boxopera tourt mit «Otello» (Peter Bernhard) von St.Gallen über Zürich nach Baden.

boxopera tourt mit «Otello» (Peter Bernhard) von St.Gallen über Zürich nach Baden.

ZVG

Dieser «Otello» greift ans Herz. Vielleicht gerade weil die Intimität in den ausgewählten kammermusikalischen Szenen gewahrt wird und das perfide Ränkespiel Jagos, der aus verletztem Stolz den eifersüchtigen Feldherrn Venetiens zur Weissglut treibt, auch uns ins Mark trifft. Und das alles ohne Orchester und ohne opulentes Bühnenbild. Nur mit dem versierten Pianisten und Korrepetitor Andrea Del Bianco vom Zür-cher Opernhaus am Flügel und ein paar austauschbaren Requi­siten.

Grosse Oper also im ­Taschenformat? Weshalb nicht? Der künstlerische Leiter Peter Bernhard, der auch den Otello singt, gründete 2019 die ­box- opera, um «das etwas andere Musiktheater» aus der Taufe zu heben. Er verleiht ihm da- mit einen kulturellen Rahmen, der auch in kleinstädtischen und kleinräumigen Verhältnissen sein Publikum findet. Es müssen nicht immer die hoch bezahlten Weltstars sein, es gibt sehr gute Solisten aus der zweiten Reihe, die hier zu entdecken sind.

Oper mit Biss und Grandezza

So sprang Cheyne Davidson, der seit 1992 zum Ensemble des Opernhauses Zürich zählt, im ZKO-Haus kurzfristig als Jago ein, obwohl er diese Partie zuvor noch nie gesungen ­hatte. Und er bewältigte die Herausforderung mit Biss und Grandezza. Auch Rosa Maria Hernández verkörperte die Desdemona ungemein anrührend, und Larissa Schmidt fügte sich als Kammerfrau Emilia sehr stimmig in den Ablauf. Peter Bernhard benötigt keine Karrensalbe, um die Zerrissenheit, aber auch die Empfindsamkeit des Mohren schon fast beängstigend glaubhaft wiederzugeben. Bei den exzessiven Kraftakten bangte man etwas um die Stimmbänder, doch sie hielten. Die Regie besetzt der Schauspieler Stefan Saborowski, der als Sprecher die Szenen überbrückt und die shakespearsche Vorlage evoziert.

Nach den entbehrungsreichen coronabedingten Ausfällen ist die boxopera nun also wieder zurück und darf auf ein neugieriges Publikum hoffen, das dieses überzeugende Format sicher zu schätzen weiss.

Nachgefragt beim künstlerischen Leiter Peter Bernhard

Peter Bernhard ist künstlerischer Leiter bei boxopera.

Peter Bernhard ist künstlerischer Leiter bei boxopera.

ZVG

Herr Bernhard, Sie haben sich mit der «Oper Schenkenberg» einen Namen gemacht, indem Sie einen Dorfplatz und ein Gartencenter mit Bizet und Verdi bespielten. Nun bedienen Sie mit der boxopera seit 2019 eine Nische, wo sie grosse Opern in reduzierten Besetzungen und kleinräumig thematisieren. Was ist Ihr künstlerisches Credo?

Peter Bernhard: Die grossen Komponisten oder Dichter der Geschichte haben nicht für ei- ne bestimmte Auswahl oder Schicht der Menschheit geschrieben. Sie sind ihrem Drang, ihrer Leidenschaft, ihrer Mission, eine Geschichte zu erzählen, gefolgt. Ich bin überzeugt, dass jeder Mensch sich auf die Oper einlassen kann, vielleicht muss ihm der Weg dazu etwas erleichtert werden. Das tue ich, indem ich einen Rahmen schaffe, wo sich der Zuschauer wohlfühlen und mit Spannung der Geschichte lauschen kann. Unser Untertitel ist ja auch «Das etwas andere Musiktheater». Wir wollen das Publikum immer wieder überraschen und dadurch fesseln, allerdings immer mit dem Anspruch, dem Komponisten und der Geschichte treu zu bleiben.

Aufwendige Produktionen mit Orchester und Chor zu stemmen, war schon immer ein Seiltanzakt und ist immer schwieriger zu finanzieren. Machen Sie aus den neuen Formaten aus der Not eine Tugend?

Na ja, die letzten Jahre mussten ja viele Festivals mit teils grossen Namen und Geschichten ihre Tore schliessen: Avenches Opéra, Classic OpenAir (spä- ter Solothurn Classics), Oper Schenkenberg…alle aus finanziellen Gründen, nicht etwa aus schlechter künstlerischer Arbeit. Vielleicht müssen wir den Weg Molières wieder gehen, die Bevölkerung in ihren Städten besuchen, kürzere, dafür mehrere Vorstellungen spielen. Wohl auch kleinere Formate wählen, wie wir dies nun mit der boxopera versuchen. Die Geschichten auf das Wesentliche reduzieren, mit dem Brennglas auf die kleinen Vorgänge zielen und diese gross machen und dem Publikum ganz nahebringen. So kann man auch die ganz grossen Werke der Oper neu beackern und aus anderen Perspektiven zeigen, ohne die Geschichte damit zu zerstören.

Nun haben Sie Giuseppe Verdis «Otello» mit vier Solisten und einem Schauspieler in einer Klavierversion auf dem Spielplan und suchen die Nähe zum Original Shakespeares. Was sind Ihre Beweggründe?

«Otello» ist, mal abgesehen von den zwei Chorszenen und der opulenten Musik, eigentlich ein Kammerstück. Ganz oft sind nur zwei Protagonisten auf der Bühne und führen sehr differenzierte Gespräche, wo es teils auf jedes Wort und deren Betonung ankommt. Auf einer grossen Bühne mit der Distanz des Orchestergrabens können sich solch feine Nuancen schnell verlieren und die Geschichte wird profan. «Otello» hat nichts an Aktualität verloren: Fake News, Intrige, häusliche Gewalt, Mord…In der Schweiz wird alle zwei Wochen ein Femizid begangen. Die schwer verletzten Frauen, die überlebt haben, nicht gezählt! Sieht man wie bei uns auf der Bühne diese Abläufe, Vorgänge und Beweggründe ganz nah, trifft es einen schon anders. Musik und Theater sind immer auch ein Spiegel unserer Gesellschaft.

«Otello» Lokremise in St. Gallen: 20. November. ZKO-Haus in Zürich 26. November und 4. Dezember. Aktionshalle Stanzerei in Baden 8./10. und 15. Dezember

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