Der Start war zwar ein bunter Stilmix wie stets in den letzten Jahren, in Montreux gilt bekanntlich das Motto «anything goes». Der irisierend zwischen Funk und Folk, Soul und Gospel singende 28-jährige Newcomer Moses Sumney und der Minimal-Elektroniker Nils Frahm erleuchteten zumindest die jungen Hippen, Paolo Conte (81!) und Zucchero bedienten ohne Fisimatenten die altgestandenen Italiennostalgiker.

Euphorie wollte nicht aufkommen

Man hatte durchaus angenehme Gigs in der Sommerhitze erlebt: Stanley Clarke spielte gewohnt stupend an seinem Kontrabass und freute sich über die gute Akustik im neuen und vergrösserten Jazz-Club. Die beiden Elfen Charlotte Gainsbourg und Julia Stone bezirzten mit ihren schüchternen Posen und dünnen Stimmchen, doch eben: Euphorie wollte bislang am 16-tägigen Musikreigen, der noch bis zum 14. Juli dauert, leider nie aufkommen. Die hatte man sich beispielsweise vom 2016 in Montreux entdeckten Rag ’n’ Bone Man erhofft, der aber leider tatsächlich so ist, wie sein grosser Hit heisst, nämlich «Human» – und der krank das Handtuch werfen musste.

Es gab dafür Bewährtes der Golden Oldies: Die Stammgäste von Deep Purple, die mit «Smoke on the Water» die Montreux-Hymne schrieben und Festivalgründer «Funky» Claude Nobs darin unsterblich machten, sorgten mit einem vergnüglichen Gratis-Workshop für einen Massenauflauf.

John Cale, Ur-Velvet-Underground, irritierte ohne jegliche Nostalgie, die Trip-Hop-Pioniere von Massive Attack blieben bei ihrem vierten Montreux-Auftritt seltsam kalt. Lieber versteckten sie sich hinter Videoprojektionen, in denen einmal mehr klar wurde, dass man auch das irdische Jammertal erfolgreich bearbeiten kann. Doch mit schweren Schultern schleppt der Fan sich nach so einem Abend ungern aus dem nicht nur klimaanlagegekühlten Stravinski-Saal.

Aber hallo, als Konzertgänger will man doch auch Spass haben, abtanzen und lachen können! Und dafür zuständig nach dem traurigen Schweiz-Match war ein uralt aussehender kleiner Mann: Iggy Pop. Der 71-jährige US-Sänger reichte uns quasi die Bloody Mary nach dem Fussball-Kater. Standesgemäss als «Godfather of Punk» eröffnete er seine exzessive Show gleich mit «I Wanna Be Your Dog», tigerte leicht hüftsteif rum und schmiss sich gleich oben ohne ins tobende Volk.

Eine Energie ohnegleichen

Gib den Leuten, was sie wollen – das ist Iggy Pops oberstes Credo und ebenso simples Erfolgsrezept. Rock ist ja immer auch Freakshow, und die hört nicht nur bei den verrückten Klamotten auf: Da werden bei Iggy also böse die Augen gerollt, Wasser ins Volk gespuckt und unflätige Worte wie «Fucking merci!» gebellt. Und vor allem Brust wie Lenden spazieren geführt, die er sich früher auf der Bühne mit Rasierklingen aufzuschneiden pflegte.

Iggy Pop hat heute vielleicht welkes Fleisch, aber immer noch eine schneidende Stimme. Und eine Energie ohnegleichen. Mit seiner «Lust for Life» liess der 71-Jährige viele junge Fans schweissgebadet, glücklich und vor allem staunend zurück – junge Musiker könnten sich von diesem Rocking Animal ein Stückchen abschneiden. Fucking merci!