Nachruf
Warum der«kleine Nick» auch nach Jean-Jacques Sempés Tod in den Kinderzimmern dieser Welt weiterleben wird

Der soeben verstorbene Zeichner und Cartoonist Jean-Jacques Sempé ist mit seinen Geschichten vom «kleinen Nick» weltbekannt geworden. Unseren Autor und seinen Bruder verbindet mit Sempés berühmter Kinderfigur eine lange Geschichte.

Philipp Ramer
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Der Zeichner Jean-Jacques Sempé (hier 1975 bei einem Besuch in der Schweiz) wurde mit der Serie «Le Petit Nicolas» einem grossen Publikum bekannt.

Der Zeichner Jean-Jacques Sempé (hier 1975 bei einem Besuch in der Schweiz) wurde mit der Serie «Le Petit Nicolas» einem grossen Publikum bekannt.

Keystone

Wer den Namen des kürzlich verstorbenen, grossen französischen Zeichners und Cartoonisten Jean-Jacques Sempé (1932–2022) hört, hat mit hoher Wahrscheinlichkeit den «kleinen Nick» vor Augen. Le petit Nicolas, der muntere Schuljunge und Held der gleichnamigen Kinderbuchserie, die Sempé 1959 mit dem ‹Asterix›-Autoren René Goscinny erschuf, ist seine populärste Figur und jene, die er «am häufigsten gezeichnet» habe, wie er in einem seiner letzten Interviews resümiert. Der anhaltende internationale Erfolg der Kleine-Nick-Geschichten besteht darin, dass sich Kinder (und Erwachsene) von gestern wie heute in den zeitlos-beschwingten Alltags- und Schulabenteuern von Nicolas und seinen Kumpanen wiedererkennen. «Der kleine Nick steht für einen Teil der Kindheit, der ewig ist», so Sempé. Oder, wie es im Vorwort des Übersetzers in der deutschsprachigen Ausgabe heisst: «Den kleinen Nick gibt es in allen Ländern und an allen Schulen. Auch bei uns.»

Ein unbeschwertes Gegenuniversum zu Sempés eigener schwerer Kindheit

Für mich persönlich ist der «kleine Nick» untrennbar mit meinem jüngeren Bruder verbunden. Erstens, weil er ein Namensvetter des sympathischen Lausbuben ist; zweitens, weil er ein noch grösserer Fan der Figur ist, als ich selbst. In seiner Wohnung stehen die versammelten «Nick»-Bände auf Deutsch und Französisch, an der Wand hängt eine gerahmte Illustration von «Petit Nicolas». Sie zeigt den Jungen lachend inmitten der Unordnung seines Zimmers; Bett und Boden sind übersät mit Comicheften und Spielzeug. «Je suis heureux», lautet die Bildunterschrift, «ich bin glücklich». Dass das Glück des «kleinen Nick» im scharfen Gegensatz zu Sempés eigenen Kinderjahren steht, die von Armut und elterlicher Gewalt geprägt waren, frappiert mich immer wieder. Gerade diese negativen Erfahrungen indes bewogen den Künstler, die Welt des «Petit Nicolas» als unbeschwertes Gegenuniversum zu konzipieren: «Meine Kindheit war alles andere als lustig. Das ist gewiss der Grund dafür, dass ich das Heitere liebe.»

Seine Figuren versetzte er gern in grossstädtische Settings

Heiter und humorvoll, oft auch hintersinnig präsentiert sich das Gros von Sempés riesigem Gesamtwerk, bestehend aus unzähligen Zeitungs- und Zeitschriften-Cartoons und mehr als 30 Bänden mit Zeichnungen und Bildergeschichten. An der Seite des «kleinen Nick» findet sich hier eine Unzahl ‹kleiner Leute›; durchschnittliche Alltagsgestalten, deren menschliche und allzu menschliche Schwächen und Probleme Sempé wie kaum ein Zweiter liebevoll zu porträtieren verstand. Gerne versetzt er seine winzig-witzigen, mit wenigen Strichen skizzierten Figuren dabei in elaborierte grossstädtische Settings, in Pariser Strassenschluchten oder zwischen amerikanische Hochhäuser – Letzteres zu sehen in seinen über 100 Titelseiten für den «New Yorker» ab 1978. Unter all diesen Bildern gibt es ein paar wenige, melancholisch gestimmte: Eine Einzelfigur ist alleine unterwegs, wirkt verloren, traurig. Traurig wie diese stimmt uns die Nachricht von Sempés Tod. Doch sein Werk bleibt unsterblich, und seine Zukunftsvision für den «kleinen Nick» wird zutreffen: «Ich weiss, dass die Leute ihn auch noch in sehr vielen Jahren verstehen werden.»