Theater
Milo Raus erste Opernregie: Ein Abend zum Vergessen

Der Schweizer Theaterkünstler hat sich in Genf an Mozarts «La clemenza di Tito» gewagt und der Oper aufgesetzt, was in seinem Kopf schwirrte. Mozart geht dabei vergessen.

Christian Berzins
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Statt einer positiven Anarchie, die lustvoll aufheult, liefert Rau ein Ideenpuzzle.

Statt einer positiven Anarchie, die lustvoll aufheult, liefert Rau ein Ideenpuzzle.

Carole Parodi/gtg

Die Flasche Wein ist offen, die Verbindung zum Link hergestellt – und im Grand Théâtre herrscht um 19.56 Uhr schon Betrieb. Vogelgezwitscher mischt sich mit Orchestermurren, das Opernstreaming-Fest kann beginnen: W. A. Mozarts «La clemenza di Tito» steht an; erstmals zeigt sich Tausendsassa Milo Rau als Opernregisseur.

Im Vorfeld hatte der Schweizer Regisseur gegenüber dieser Zeitung Spannendes über die Produktion erzählt, auch von der Achtung vor der Oper an sich und vor Mozart gesprochen: Rau wollte die Geburt der bürgerlichen Kunst durch die Aneignung der revolutionären Werte zeigen. Via Mozarts «Titus» sollte dargestellt werden, wie das Bürgertum in der Französischen Revolution merkt. «Wenn wir uns nicht mit dem Adel zusammenschliessen, neue, aufgeklärte Herrschaftsformen finden, werden wir von den unteren Ständen zermalmt», sagte er uns.

Nach 30 Minuten war klar, dass noch zwei Bücher voll mit Gedanken in Milo Raus Kopf eine ausschweifende Party feierten - ein Monsterkonzert der Fantasien. Doch herausgekommen ist nur eine Fussnote in der Geschichte des Grand Théâtre, die da lautet: «Zum Vergessen».

In der Doppelbenutzung der Kameras zeigt sich, dass die Produktion nicht für ein Streaming gemacht ist.

In der Doppelbenutzung der Kameras zeigt sich, dass die Produktion nicht für ein Streaming gemacht ist.

Carole Parodi/gtg

Statt einer positiven Anarchie, die lustvoll aufheult, liefert Rau ein Ideenpuzzle. Wer ihm folgen kann, muss vorher zwei Stunden in einer Einführung gesessen sein. Denn Rau benimmt sich in «Titus» wie ein Tischgenosse, der beim Shakespeare-Gespräch über seine grosse Erfahrung mit dem Kasperletheater redet. Dirigent Maxim Emelyanychev ist ihm nicht unähnlich.

In der Doppelbenutzung der Kameras zeigt sich, dass die Produktion nicht für ein Streaming gemacht ist. Via Stream-Kamera zu sehen, wie der Regisseur das Geschehen via Bühnen-Kamera auf Grossleinwand zeigt, ist so langweilig, wie zu Weissbrot Schwarzbrot zu essen.

Auch keine Augenweide

Bisweilen kann man sich bei Opernregien, die ins Leere laufen, am Bühnenbild erfreuen – wie etwa beim Nichtigkeitsphilosophen Christoph Marthaler. Bei Milo Rau geht selbst das nicht. Und erstarrt das Ensemble im Finale zu einem fotogenen Tableau Vivant, fragt sich der Opernfreund: Habe ich das in den letzten 20 Jahren 50 oder schon 100 Mal gesehen?

Aviel Cahn, Operndirektor in Genf, hat in kurzer Zeit gezeigt, wie nahe Oper am Leben der Genfer sein kann. Er muss aber aufpassen, dass das Grand Théâtre nicht eine Oper der Kritiker wird, wie es ihm in Antwerpen/Gent bei allem Lob auch vorgeworfen wurde. Oper lebt vom Erzählen und wieder Erzählen der alten Geschichten. Wenn der Regisseur damit seine eigene Geschichte erzählen will, macht er selbst einem Meisterwerk wie «Titus» den Garaus.

Im heutigen Opernmechanismus ist das egal. Milo Raus Triumphzug durch die europäische Opernlandschaft ist gestartet, wird zweifellos nach Salzburg oder Bayreuth führen.

La clemenza di Tito: Grand Theatre de Geneve, www.gtg.ch

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