Bühne

Miese Löhne, Mobbing, Vetterliwirtschaft: So schlecht geht es deutschen Schauspielern - und in der Schweiz?

Die Schweiz hat in mancher Hinsicht Vorbildcharakter. Machtmissbrauch ist aber auch an Schweizer Theatern Alltag. (Symbolbild: Getty)

Die Schweiz hat in mancher Hinsicht Vorbildcharakter. Machtmissbrauch ist aber auch an Schweizer Theatern Alltag. (Symbolbild: Getty)

Miese Löhne, Mobbing, Vetterliwirtschaft. Eine Studie deckt Machtmissbrauch in Form von Mobbing, Manipulation, sexueller Belästigung und Vetterliwirtschaft an deutschen Theatern auf. Wie siehts in der Schweiz aus?

Die Liste der Verstösse ist lang und sie wirft kein gutes Licht auf die Institution Theater: Eine deutsche Studie über Macht und Machtmissbrauch beweist erstmals in Zahlen, was in der Szene seit Jahren ein offenes Geheimnis ist. An Theatern, wo künstlerisch gern und oft über eine gerechtere Welt nachgedacht wird, sind prekäre Anstellungsverhältnisse mit Hungerlöhnen, zu langen Arbeitszeiten und unbezahlten Überstunden sowie Machtmissbrauch in Form von Mobbing, Manipulation, sexueller Belästigung und Vetterliwirtschaft an der Tagesordnung.

Zu diesem Schluss kommt Thomas Schmidt, Professor für Theatermanagement an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt a. M. (HfMDK). Fast 2000 Menschen aus der deutschen Theaterszene hat er befragt, ein Grossteil davon sind Schauspielerinnen und Schauspieler.

50 Prozent aller Künstlerinnen waren schon einmal mit sexuellen Anzüglichkeiten konfrontiert. In 284 Fällen wurden gegen sexuelle Gefälligkeiten Angebote wie Gagenerhöhungen oder Engagements gemacht. Die meisten dieser Angebote kamen von Intendanten und Regisseuren.

Auch die soziale Situation bleibt für Theatermenschen problematisch: 54 Prozent arbeiten täglich zehn Stunden und mehr, oft zu einem realen Stundenlohn von knapp 10 Franken. Über die Hälfte der Mitarbeiter kann vom erwirtschafteten Lohn nicht leben und geht einer Nebenbeschäftigung nach.

Weibliche Berufsanfängerinnen gehörten am häufigsten zu den Opfern von Machtmissbrauch. Schmidt, der selbst aus einer Theaterfamilie kommt, in der Angehörige ihre Jobs wegen des Drucks von oben an den Nagel gehängt haben, kritisiert seit Jahren die feudalen Führungsstrukturen an Theaterhäusern, an denen sich die Macht auf ungesunde Weise £in einer Person bündelt wie in keinem Unternehmen in der freien Marktwirtschaft. Seine Daten geben seiner These, dass das Intendantensystem ein ungesunder Nährboden für Missbräuche ist, wieder Auftrieb.

Mehr Beschwerden seit #MeToo

Sind die Studienergebnisse auf die Schweiz übertragbar? «Seit #MeToo melden sich bei unserer Rechtsberatung immer mehr Betroffene», sagt Salva Leutenegger, Geschäftsleiterin des Schweizerischen Bühnenkünstlerverbandes (SBKV). Es gehe um Mobbing, sexuelle Belästigung bis hin zu sexuellen Übergriffen, oftmals seien junge Schauspielerinnen Opfer. Derzeit sind beim SBKV fünf Fälle hängig. In vier Fällen werden männliche Regisseure des Machtmissbrauchs beschuldigt. Leutenegger sagt:

Der SBKV hat soeben einen Verhaltenskodex herausgegeben, der für das Thema sensibilisieren soll.

Dennoch hat die Schweiz für Thomas Schmidt in mehrfacher Hinsicht auch Vorbildcharakter: Da sind zum einen die sich gerade in Zürich neu formierenden Team-Leitungen mit ihren flacheren Hierarchien, die sich Schmidt auch für Deutschland wünschen würde. Zudem werden hierzulande die Namen der Königsmacher in den Findungskommissionen öffentlich kommuniziert. In Zürich werden Intendanten und kaufmännische Direktoren zudem von einer unabhängigen Personalberatung auf ihre soziale und fachliche Kompetenz überprüft, was Schmidt für wegweisend hält.

Intendantenlöhne immer noch geheim

Intendantenlöhne, welche die Löhne von Schauspielern um ein Vielfaches übersteigen, werden auch in der Schweiz geheimgehalten. «Diese Intransparenz führt zu Spekulationen und Frustration», sagt Salva Leutenegger vom SBKV. Die Schweizer Mindestlöhne für Schauspieler an Stadttheatern liegen aktuell mit 3800 bis 4200 Franken brutto zwar höher als in Deutschland. Doch unterm Strich bleibt nicht viel.

Dass Machtmissbrauch auch an Schweizer Theatern Alltag ist, bewies letztes Jahr der Fall Stephan Märki. Der damalige Intendant des Konzert Theater Bern war zum Rücktritt gezwungen worden, nachdem die Liebesbeziehung zu seiner Kommunikationschefin bekannt geworden war. Die Verschlingung privater und beruflicher Interessen hatte am Haus zu Turbulenzen und mehreren Personalabgängen geführt.

Am Konzert Theater Bern hat man es nach dem Rücktritt Märkis zwar nicht gewagt, das Intendantenmodell radikal zu hinterfragen. Florian Scholz übernimmt ab 2021/22 die Gesamtleitung. Der Stiftungsrat wird aber noch in dieser Spielzeit einen am Haus künftig verbindlichen Verhaltenskodex erarbeiten.

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