#MeToo
MeToo-Bann, Selbstmord und der Rundumschlag gegen «Political Correctness» eines Starregisseurs

Der 35-jährige Star-Choreograf Liam Scarlett hat sich wohl selbst getötet. Er stand im Verdacht, seine Macht missbraucht zu haben. Junge Tänzer waren seine Opfer.

Christian Berzins
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Liam Scarlett choreografierte in London auch «Schwanensee».

Liam Scarlett choreografierte in London auch «Schwanensee».

Robbie Jack / Corbis Entertainment


Diese Suppe wird heiss gegessen. Jeder, der jetzt verbal losschiesst, kann sich daran nur den Mund verbrennen. Und wer vermeintlich nichts sagt, hat auch eine Meinung. Es geht um den Choreografen Liam Scarlett.

Scarlett stieg in wenigen Jahren in den Ballett-Olymp auf: Ausgehend von London arbeitete er alsbald in der ganzen Welt mit den berühmtesten Compagnien. 2019 kamen aber Gerüchte wegen sexueller Belästigungen auf, schliesslich Anklagen wegen sexuellen Machtmissbrauchs von jungen Tänzern: Das «Übliche» ist man fast geneigt zu schreiben, das übliche der Schweinereien, muss man anfügen. Alles nicht justiziabel, aber dennoch nicht tolerierbar.

Liam Scarlett stieg rasch in den Ballett-Olymp auf.

Liam Scarlett stieg rasch in den Ballett-Olymp auf.

Lynne Sladky / AP

Als die Vorwürfe an die Öffentlichkeit kamen, wurde die Zusammenarbeit mit dem Londoner Royal Ballett nach einer internen Untersuchung vom beendet. Alsbald strichen viele Häuser seine Choreografien vom Spielplan. Am Samstag gab seine Familie den Tod des 35-Jährigen bekannt. Und gleichzeitig gab es das Gerücht, es sei Selbstmord gewesen. Am Tag seines Todes verkündete das Opernhaus in Kopenhagen, dass seine «Frankenstein»-Choreografie nicht gezeigt werden würde.

Der (falsche?) kausale Zusammenhang ist schnell gemacht. Der weltberühmte Theater- und Opernregisseur Alvis Hermanis – in Salzburg, Mailand und am Schauspielhaus Zürich gefeiert (und kritisiert) – nimmt via Facebook deutlich Partei (Der Post ist mittlerweile nicht mehr zugänglich):

«Ich habe von Anfang an gesagt, dass die ‹political correctness› eine kriminelle Ideologie ist und alle Anhänger der ‹cancel culture› einfach kranke und elende böse Charaktere sind. Neuester Beweis – der Selbstmord von Liam Scarlett, einem herausragenden Choreografen. Vor zwei Tagen. Und die heuchlerischste Zeitung der Welt, ‹The Guardian›, erwähnt in seinem heutigen Nachruf nicht einmal die Gründe, die zu seinem Tod geführt haben.» Ist es also zu einer Hexenjagd gekommen?

Ein Screenshot des Facebook-Posts von Alvis Hermanis.

Ein Screenshot des Facebook-Posts von Alvis Hermanis.

Facebook

Anders gefragt: Ist, wer «MeToo» ruft, der Schuldige? Es wäre fatal. Denn liegt ein Verdacht vor, soll die Sachlage nüchtern untersucht werden. Jeder Angeschuldigte hat die Möglichkeit, sich zu verteidigen, gegen Ehrverletzung zu klagen.

Der Choreograf Liam Scarlett tat das nie. Und eine Entschuldigung gegenüber seinen Opfern, falls er sich denn schuldig gefühlt hätte, war von ihm auch öffentlich nie zu hören.

Doch im Kulturbetrieb scheint sich das Totschweigen teilweise als bewährte Taktik zu bewahrheiten. Dass es keine gute Lösung ist, hat das Opernhaus Zürich gemerkt. Hätte man im Fall «Fichtenholz» offen über die interne Untersuchung und den Abgang des Operndirektors kommuniziert, hätten beide Parteien glimpflich davon kommen können. Zurzeit kommen beide nicht mehr vom Fall los.