Film
Messer wetzen mit Mr. & Mrs. Hitchcock

Sacha Gervasi in seinem Film erzählt, wie Alfred Hitchcock «Psycho» verwirklicht hat. Weil niemand den Horror-Streifen des «Master of Suspense» finanzieren wollten, griffen «Hitch» und seine Frau Alma Reville in die eigene Schatulle.

Marlène von Arx
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Anthony Hopkins glänzt in der Rolle als Alfred Hitchcock. ho

Anthony Hopkins glänzt in der Rolle als Alfred Hitchcock. ho

Suzanne Tenner

Die Silhouette kommt einem bekannt vor: Den Bauch auf Vormachtstellung, den Hals nach oben gestreckt und den Kopf leicht nach hinten gekippt, die Hände hinter dem Rücken ineinandergelegt. Anthony Hopkins steht als Alfred Hitchcock im gleissenden Scheinwerferlicht in den bald hundertjährigen Red Studios in Hollywood, wo schon Stummfilme, «High Noon» und die «Golden Girls» gedreht wurden.

Action! Schwer atmend geht er in sein Büro, schliesst echauffiert die Jalousien, schenkt sich einen Bourbon ein und bestellt per Telefon Foie gras aus Paris. «Hitchcock hat sich gerade über Verschiedenes geärgert und jetzt bestellt er aus Frust pfundweise Foie gras, obwohl das weder für seine Gesundheit noch für seine Geldbörse gut ist», erklärt Hopkins die Umstände der Szene.

Es ist 1960 und der «Master of Suspense» dreht «Psycho», einen Horror-Streifen, den niemand finanzieren wollte, weshalb «Hitch» und seine Frau Alma Reville ihr eigenes Vermögen aufs Spiel setzen. «Er hatte wie Orson Welles den Mut, die Regeln des Filmgeschäfts zu brechen», so Hopkins, der einst den gleichen Agenten wie Hitchcock hatte und ihn so bei einem Lunch kurz kennen lernte. «Aber der Film dreht sich weniger um ‹Psycho› als um die Dynamik der Ehe von Hitchcock und seiner Frau. Alma war bei vielen Entscheiden ausschlaggebend.» Sie überzeugte ihn beispielsweise, sich die Szene in der Dusche mit dem nun berühmten Stakkato-Score von Bernard Hermann anzuhören. Hitchcock wollte ursprünglich keine Musik.

Gespielt wird Alma Reville von Helen Mirren. Die beiden geadelten britischen Schauspieler arbeiten hier zum ersten Mal zusammen und geben ein pfundiges Duo ab. Nicht nur am Set, auch im Film: Zuerst ist Alma von der Idee eines Horror-Films nicht begeistert: «Charmant, Doris Day sollte es als Musical verfilmen», sagt sie über das Buch sarkastisch. Doch alsbald schlägt sie sich auf die Seite ihres Mannes und findet einen idealen Norman Bates (dargestellt von James Darcy, der Anthony Perkins zum Verwechseln ähnlich sieht). «Alma war von Anfang an Hitchs kreativer Partner und sehr lebhaft und rechthaberisch», so Helen Mirren. «Ich habe leider kein Filmmaterial über sie gefunden, aber Patricia Hitchcock, die Tochter, hat ein Buch über sie geschrieben, das eine gute Informationsquelle für mich war. Es ist bezeichnend, dass sie ein Buch über ihre Mutter und nicht über den berühmten Vater schrieb.»

Und dann gab es natürlich die diversen Blondinen, die Hitchcock Resümee säumten. Der ebenfalls 2012 produzierte TV-Film «The Girl» zeigte Hitchcocks (Toby Jones) schwierige Beziehung mit Tippi Hedren (Sienna Miller) während der Dreharbeiten zu «Die Vögel» drei Jahre nach «Psycho». Er soll ihr sogar richtige Krähen auf den Leib gehetzt haben. Aber aus der Perspektive von Scarlett Johansson, die in «Hitchcock» das Duschen-Mordopfer Janet Leigh spielt, war Hitchcock ein harmloser Scherzkeks: «Janet Leigh hat ihn immer verteidigt. Sie hatte es lustig mit ihm. Die beiden hatten eine platonische Liebesbeziehung, etwa so, wie ich und Woody Allen sie haben. Im Gegensatz zu Tippi Hedren war Leigh auch nicht auf einen Karriere-Start durch Hitch angewiesen. Sie war zum Zeitpunkt von ‹Psycho› bereits ein Star und mit Tony Curtis verheiratet.» Scarlett Johansson sah «Psycho» als Kind mehrere Male: «Aber den Leichnam auf dem Stuhl erst richtig mit 25!» Vorher traute sie sich nicht, die Augen offen zu behalten. Ihre Affinität für das Horror-Genre ist auch jetzt noch eher unterentwickelt. «In diesem konstanten Stress-Zustand und in Lebensangst zu sein, ist sehr erschöpfend und schwierig – und es gibt dafür auch keine Oscars», hat sie bemerkt.

Ein weiterer «Psycho»-Star von Hollywoods «Golden Age» ist Vera Miles. Hitchcock wollte sie in «Vertigo» zum Star machen, aber die Schauspielerin wurde schwanger und stieg kurzfristig aus dem Film aus. Der Regisseur war sauer, aber engagierte sie trotzdem für «Psycho». Miles wird von Jessica Biel verkörpert, die zur Vorbereitung Miles’ Enkel mit Fragen löcherte: «Scheinbar war Vera Miles sehr intelligent, löste jeden Tag ein Kreuzworträtsel – ich selber schaffe es nie, eines bis zum letzten Kästchen auszufüllen», erzählt Biel voller Bewunderung. «Sie liess sich auch nicht herumschubsen: Ich weiss nicht mehr, wie der Film hiess, aber sie hatte darin eine Rauferei mit Joan Collins, die etwas ausser Kontrolle geriet. Schliesslich haute sie Joan Collins richtig eine runter. Deren Schockreaktion wurde dann sogar für den Film verwendet.»

Biel und Johansson geben sich Mühe, aber haben zu den Szenen einer Ehe, die den Kern von Sacha Gervasis «Hitchcock» ausmachen, nicht viel beizutragen. Helen Mirren und Anthony Hopkins bewältigen das Drehbuch und die Leinwand in überwältigendem Alleingang – und immerhin auf unterhaltende Weise. Hopkins richtet seinen falschen Film-Bauch wieder Richtung Soundstage. «Ich muss aufpassen, nicht über die Kabel zu stolpern, weil mein Schwerpunkt mit diesem Bauch woanders liegt», entschuldigt er sich. Dann schleppt er sich langsam wieder Richtung Scheinwerferlicht.

PS: Die eingangs beschriebene Szene ist nur bis zum Bourbon im fertigen Film. Die Foie-gras-Bestellung fiel der Schere zum Opfer ...

Hitchcock (USA, 2012), 98 Min. Regie: Sacha Gervasi. Mit: Anthony Hopkins, Helen Mirren, Scarlett Johansson, Jessica Biel etc. HHHII

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