Zürich

Mehr als 300 Objekte auf über 6000 Quadratmeter: Die Renaissance des Landesmuseums

Der Erweiterungsbau des Landesmuseums von Christ & Gantenbein war das grösste zivile Bauprojekt des Bundes.WALTER BIERI/Keystone

Der Erweiterungsbau des Landesmuseums von Christ & Gantenbein war das grösste zivile Bauprojekt des Bundes.WALTER BIERI/Keystone

Mit einer Ausstellung über die Epoche der grossen Umbrüche eröffnet das Museum seinen Erweiterungsbau. «Europa in der Renaissance. Metamorphosen 1400–1600» ist eine Ausstellung der Superlative, in einem Museumsanbau mit aussergewöhnlichen Dimensionen.

Es kann kein Zufall sein, dass sich die erste Sonderausstellung im Neubau des Landesmuseums ausgerechnet der Renaissance widmet. Einer Epoche des allumfassenden Umbruchs in Europa, ohne den das Heute nicht so wäre, wie es ist.

Ohne jetzt ein Bauprojekt überhöhen zu wollen: die Einweihung des Neubaus morgen Sonntag ist für das Landesmuseum tatsächlich auch so etwas wie eine Wiedergeburt. Ein Umbruch auf jeden Fall. Und das zeigt die erste grosse Wechselausstellung im neuen Landesmuseum exemplarisch.

«Europa in der Renaissance. Metamorphosen 1400–1600» ist eine Ausstellung der Superlative, in einem Museumsanbau mit aussergewöhnlichen Dimensionen.

110 Millionen Franken teuer war der Annex der Basler Architektur-Stars Christ & Gantenbein. 6100 Quadratmeter Ausstellungsfläche. Grösstes ziviles Bauprojekt des Bundes. Die grösste Sonderausstellung in der Geschichte des Landesmuseums macht gleich zur Einweihung klar, welches Potenzial in den neuen Räumen liegt.

Das bietet das "neue" Landesmuseum

Das bietet das "neue" Landesmuseum

Ab Sonntag steht das erweiterte Landesmuseum für das Publikum offen. Der futuristische Bau des Basler Architekturbüros Christ & Gantenbein gibt dem historischen Museum einen modernen Touch. Unterstreicht wird das mit viel Multimedia-Anwendungen in den neuen Austellungen.

80 Leihgaben haben die Ausstellungsmacher aus den Top-Museen der Welt zusammengetragen. Aus der New Yorker Frick Collection, aus dem Rijksmuseum Amsterdam, aus der National Portrait Gallery in London. Über 300 Objekte sind es insgesamt.

Bernd Roeck, Renaissance-Spezialist und Professor für Geschichte an der Universität Zürich, hat die Ausstellung wissenschaftlich begleitet. Er sagt: «Wir hätten nie gedacht, dass wir solch grossartige Exponate zusammenkriegen».

Die enorme «Madonna des Bürgermeisters Jacob Meyer zu Hasen» des Renaissance-Meisters Hans Holbein dem Jüngeren zum Beispiel. Oder die feine Büste der Beatrix von Aragon des italienischen Bildhauers Francesco Laurana.

Es sind Exponate, die Roeck, der sich selber als «Original-Fetischist» bezeichnet, schwärmen lassen. «Objekte ersten Ranges», wie er sagt. Und genauso wirken sie auch, von oben beleuchtet, in diesen hohen, zurückhaltenden Betonräumen. Der Bau überlässt den Objekten die Aufmerksamkeit. Sie sind die Stars.

Urknall der Ideen

Die Ausstellung aber ist viel mehr als die Summe ihrer Exponate. Sie erzählt die Geschichte der Renaissance als eine Explosion des Neuen, ein Urknall der Ideen.

Chronologisch führen die Ausstellungsmacher durch die verschiedenen Umbrüche der Epoche, mit jeder könnte man einzeln ein ganzes Museum füllen. Buchdruck, Entdeckung Amerikas, neues Wissen in der Anatomie, realistische Malerei.

Erste Impressionen: So sieht das "neue" Landesmuseum aus

Erste Impressionen: So sieht das "neue" Landesmuseum aus

Am Sonntag wird das neue, erweiterte Landesmuseum in Zürich offiziell eröffnet. Die Medienschaffende durften schon am Freitag einen Augenschein im futuristischen Gebäude, der neuen Dauerausstellung "Archäologie Schweiz" und der ersten Sonderausstellung "Europa in der Renaissance" nehmen.

In allen Gebieten begann Europa unter Rückbesinnung auf die Antike, das dunkle Mittelalter hinter sich zu lassen, und katapultierte sich Richtung Fortschritt. In Anlehnung an Sokrates begannen Denker, alles zu hinterfragen.

«Die Renaissance ist auch eine Diskursrevolution», sagt Roeck. Die Reformation ist nur eine Folge davon. Das Neue verbreitete sich beschleunigt durch den Handel über die Landesgrenzen hinaus, vereinfacht durch die gemeinsame Eliten-Sprache Latein. Alles befruchtete sich gegenseitig. Nicht nur das Positive: Der Buchdruck ermöglichte auch die Vervielfältigung von Hassschriften, neue Ideen führten zu Kriegen.

Durch die Verdichtung der Epoche macht die Ausstellung erst fühlbar, wie vernetzt all diese Revolutionen in der Renaissance miteinander waren – und wie fundamental für den Kontinent Europa. «In der Renaissance wurde der Grundstein für den Vorsprung Europas gelegt», sagt Roeck. Ein Vorsprung, der lange anhielt und nun zu schmelzen scheint.

Aktuelle Vergangenheit

Genau darum wirkt die Ausstellung auch derart aktuell. Eine Dringlichkeit, die kein Zufall ist. Andreas Spillmann, Direktor des Landesmuseums, sagte der «NZZ am Sonntag»: «Wir wollen immer eine Geschichte erzählen, die einen Bezug zu dem herstellt, was heute passiert, aber mit Objekten, die der Vergangenheit angehören und auf sie hinweisen.»

Viel wird heute in Europa diskutiert über Europa. Gibt es so etwas wie eine gemeinsame Kultur, die über die Staatsgrenzen hinausreicht? Gibt es ein Europa jenseits der wirtschaftlichen Beziehungen? In vielen Ländern gewinnen jene Oberwasser, die Unterschiede und Grenzen in Europa betonen. Die Rückbesinnung aufs Nationale. Europa als bürokratischer Störfaktor.

Doch wer sieht, wie sich die italienischen Maler und die flämischen Meister befruchteten und daraus eine Revolution in der Malerei entstand; wer sieht, wie Ideen – etwa die Reformation – einem Funken gleich durch Europa flogen; wer sieht, wie sich ab dem 15. Jahrhundert die Menschen, die es sich leisten konnten, überall in Europa als Individuen zu verstehen beginnen; der kann eigentlich nur zu einer Antwort kommen: Ja. Es gibt das Gefühl Europa.

Und die Grundlage setzte die Renaissance. «Die Renaissance lehrt uns: Ohne Austausch kann man grosse Kultur vergessen», sagt Roeck und meint es durchaus auch ein wenig aufs Heute bezogen.

Das Eröffnungsfest: Die Ausstellungen «Archäologie Schweiz» und «Europa in der Renaissance. Metamorphosen 1400–1600» sowie das Studienzentrum sind vom 31. Juli ab 18.00 Uhr bis in den späten Nachmittag des 1. August durchgehend geöffnet.

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