Luzerner Theater
Diversität mit Klassikern und Projekten: So sieht der erste Spielplan unter der neuen Intendantin aus

Die Intendantin Ina Karr und ihr Leitungsteam stellen ihren ersten Spielplan am Luzerner Theater vor. Unter dem Motto «Bis zum Innersten» setzen sie 2021/22 auf Diversität – über die drei Sparten hinweg.

Urs Mattenberger
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Das neue Leitungsteam des Luzerner Theaters (von links): Lars Gebhardt (Operndirektor), Wanda Puvogel (Tanz), Ina Karr (Intendantin) und Katja Langenbach (Schauspiel).

Das neue Leitungsteam des Luzerner Theaters (von links): Lars Gebhardt (Operndirektor), Wanda Puvogel (Tanz), Ina Karr (Intendantin) und Katja Langenbach (Schauspiel).

Bild: Eveline Beerkircher, (Luzern, 18. Mai 2021)

Die deutsche Theaterfrau Ina Karr war vor zwei Jahren zur neuen Intendantin des Luzerner Theaters ab kommender Saison gewählt worden. Und kündigte an, sie werde Benedikt von Peters Raumtheater weiterführen, die Freie Szene partizipieren lassen und die Sparten interdisziplinär zu einer Luzerner Dramaturgie verbinden. Wie sie das umsetzen, erläutern Ina Karr, Lars Gebhardt (Operndirektor mit Lydia Steier), Katja Langenbach (Schauspieldirektorin) und Wanda Puvogel (Leitung TanzLuzern) an Beispielen aus dem Spielplan 2021/22.

Ina Karr, nach ihrer Wahl haben Sie eine spartenübergreifende Luzerner Dramaturgie angekündigt. Wie passt dazu ihr Spielplanmotto «Bis zum Innersten»?

Ina Karr: Wir wollen den Menschen in seiner ganzen Vielschichtigkeit auf der Bühne zeigen und die Geschichten und Stoffe sinnlich erfahrbar machen. Dafür nutzen wir die Kraft aller Sparten. «Bis zum Innerste» bringt die Sehnsucht zu berühren zum Ausdruck, die Suche nach poetischen Bildern, kraftvollen Stoffen und aktuellen Fragen, die Kopf und Herz ansprechen. Verbunden mit der Bereitschaft, etwas zu wagen ‒ mit der ganzen Intensität, derer das Theater fähig ist.

Wo zeigt sich diese Wagnis, «zum Innersten» zu gehen, im Schauspiel?

Katja Langenbach: Das ist wohl «King Lear» von Shakespeare. Aber nicht nur, weil diese Familientragödie die Widersprüchlichkeit des Menschen bis zur Selbstzerstörung vorführt. Wichtig ist mir auch, dass wir das in einer Neuübersetzung der deutschen Regisseurin Heike M. Götze spielen, die sehr direkt ist und heutige Zuschauer unmittelbar packen dürfte.

Wo geht der Tanz bis ans Äusserte, um das Innerste zu erkennen?

Wanda Puvogel: Weil Tänzer sich mit ihrem Körper in ihrer ganzen Verletzlichkeit zur Schau stellen, hat Tanz als solcher diese Radikalität schon in sich. Beispielhaft ist der Abend «From Human To Kind». Zwei Choreografen und eine Choreografin setzen sich mit der Frage auseinander, was den Menschen ausmacht und formt. Inbal Pinto ist eine international gefragte Choreografin aus Israel, Muhammed Kaltuk kommt vom Hip-Hop und lebt in Basel. Die tänzerischen Wurzeln von Mthuthuzeli November, der in London lebt, liegen in Südafrika. Über Zoom haben sie sich ausgetauscht, ohne sich je zu begegnen, und gestalten so aus den drei Choreografien einen einzigen Tanzabend. Diese Diversität der Geschlechter, Kulturen und Stile ist mir und uns allen sehr wichtig.

Zur Idee der «Luzerner Dramaturgie» gehört die Zusammenarbeit über die drei Sparten hinweg. Wo zeigt sich diese in der Oper?

Lars Gebhardt: Dafür setzt bereits die Eröffnungsproduktion im Rahmen des Lucerne Festival ein Zeichen mit «Staatstheater» von Mauricio Kagel. Das Werk thematisiert spielerisch das (Musik-)Theater selber. Nach dem Baukastenprinzip wird der ganze Theaterapparat vom Fundus bis zu Sängern, Schauspielern, Tänzern sowie Chor und Orchester einbezogen. Die Regisseurin Lydia Steier, die mit mir die Opernsparte leitet, wird mit diesem Theaterfest zudem in die Stadt hinausgehen: Das Spiel in offenen Containern erlaubt einen Blick hinter die Kulissen des Theatermachens und wird von da ins Theater übertragen.

Führen solche Projekte Benedikt von Peters Idee des «Raumtheaters» weiter – und damit die Öffnung des Theaters hin zu einem breiteren Publikum?

Ina Karr: Wir machen Ensembletheater und haben deshalb in allen Sparten sehr individuelle Künstlerpersönlichkeiten eingeladen, nach Luzern zu kommen oder hier zu bleiben – wie im Tanz. Deshalb gehen wir in erster Linie von den Menschen aus, nicht von den Räumen. Mit unverwechselbaren Figuren und Stoffen wollen wir ein breites Publikum erreichen. Uns geht es in erster Linie um die Inhalte, um spezifische Perspektiven auf unsere Stoffe. So haben wir zum Beispiel die Videokünstlerin Sarah Derendinger eingeladen, die Benjamin Brittens «The Rape of Lucretia» mit filmischen Mitteln erzählen wird.

Wanda Puvogel: Auch der Tanz geht mit einem Gastspiel auf dem Theaterplatz in die Stadt hinaus. Eine schwedische Tanzcompagnie spricht mit ihrer Produktion «Yellow» Kinder und Jugendliche an. Diese erste Zusammenarbeit mit dem Young Dance Festival Zug ist für uns sehr wichtig.

Repertoireklassiker waren in den letzten Jahren in der Oper stärker vertreten als im Schauspiel, das sich mehr auf Projekte spezialisierte. In welche Richtung geht euer Theater?

Ina Karr: Unter Luzerner Dramaturgie verstehen wir in erster Linie die inhaltliche Zusammenarbeit aller Sparten. Deshalb sind uns sowohl wichtige Werke des Repertoires als auch neue Dramaturgien und Erzählweisen wichtig.

Lars Gebhardt: Da sehe ich keinen Unterschied zwischen den Sparten, weil die Vielfalt an Stilen und Formen uns allen wichtig ist. Klar, in der Oper zeigen wir nach unserem grossen gemeinsamen Auftakt mit «Staatstheater» zwei Repertoirestücke wie Mozarts «Figaro» oder Verdis «Macbeth» . Sie bieten unserem Ensemble den Raum, ins gemeinsame Spiel zu kommen und die Tiefe der Stücke auszuloten. Einen anderen Weg wählt Anna-Sophie Mahler, die mit ihrem dokumentarischen Musiktheater aus Händels Oratorium «Il Trionfo del Tempo e del Disinganno» das Thema Schönheit in allen Facetten beleuchtet.

Katja Langenbach: Auch ich sehe da keinen Unterschied zwischen den Sparten. Wir bringen starke Stücke beispielsweise von Kleist oder Horvath auf die Bühne, ebenso wie wir uns mit thematischen Projekten auseinandersetzen. So arbeiten wir auch eng mit zeitgenössischen Autoren zusammen. Das Erzählen von starken Geschichten über Texte ist mir sehr wichtig..

Das Luzerner Theater hat sich in den letzten Jahren über Koproduktionen mit regionalen Akteuren stark vernetzt. Führen sie dieses partizipative Theater weiter?

Katja Langenbach: Ja, im Stück «Der Chor» zum Beispiel. Der Luzerner Autor Dominik Busch thematisiert hier eine Gewalttat von 2001 in Luzern, bei dem die Tochter einer Sängerin des Händel-Chors getötet wurde. Da wirken Betroffene und Zeugen von damals mit – in einem für das Projekt zusammengestellten Chor.

Stärker partizipieren soll im künftigen neuen Theater vor allem die Freie Szene. Wie weit beziehen sie diese jetzt schon ein?

Ina Karr: Wir zeigen Produktionen aus der Freien Szene im Schauspiel und im Tanz. Auch Kontakte zur Freien Szene der Zentralschweiz bestehen bereits, Christoph Fellmanns «Müllers» spielen wir im UG und wir kooperieren mit dem AHA-Festival. Ich freue mich jetzt aber, vor Ort Produktionen anderer Künstlerinnen und Künstler anzusehen und Handschriften kennen zu lernen.

Wegen Corona konnten Sie auch das Luzerner Publikum nicht kennen lernen. Haben Sie Lampenfieber vor dem Saisonstart?

Ina Karr: Natürlich bin ich aufgeregt. Wir haben vieles vor, auf das wir uns freuen, mit dem wir auch das Publikum begeistern wollen. Ich hoffe, die Menschen sind neugierig und begleiten uns auf dieser Reise «Bis zum Innersten».

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