Die ewige Projektionsfigur Lukrezia Borgia

Vor 500 Jahren starb Lucrezia Borgia, Tochter eines Papstes und Schwester eines Söldnerführers. Diese Herkunft hat – zusammen mit allerlei Männerfantasien – das Andenken an sie verdunkelt.

Rolf App
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«Die geheimen Nächte der Lucrezia Borgia», «Unmoralische Geschichten», «Spielzeug der Macht». Die Titel der Filme über sie sprechen Bände. Sie erzählen von einer verführerischen Frau, die vor nichts zurückschreckt. Und die seit ihrem Tod mit nur gerade 39 Jahren die ­Fantasie beschäftigt – obwohl sie vor immerhin 500 Jahren, am 24. Juni 1519, von dieser Erde geschieden ist.

Victor Hugo stempelt Lukrezia Borgia 1833 ohne Bezug zur Giftmischerin

Wie Historiker, Schriftsteller, Regisseure und Drehbuchautoren dabei vorgehen, beschreibt Florian Neumann in seiner neuen Biografie Lucrezia Borgias so: «Sie alle bedienen sich einer Figur, auf die sie Ideen projizieren und an die sie Geschichten anknüpfen.» In einer Zeit, die das Schauerliche liebt, stempelt beispielsweise Victor Hugo in einem 1833 auf die Bühne gebrachten Theaterstück Lucrezia Borgia ohne jeden historischen Beleg zur Giftmischerin. Aus ihm geht kurz darauf Gaetano Donizettis Oper hervor.

«Seine Reize haben eine starke Wirkung»

Wer aber die wirkliche Lucrezia Borgia war, das präsentiert sich komplizierter, aber auch faszinierender. Da zeigt sich: Lucrezia Borgia wird haftbar gemacht für ihre Sippe, für Vater und Brüder. Und es zeigt sich auch: Im Grunde sind es zwei Lucrezia Borgias, denen wir in der Realität begegnen. Die eine: Das ist die Tochter eines Papstes, der reich, ruchlos, aber auch sehr einnehmend ist. «Im Gespräch berührt er die Frauen auf eigenartige Weise», berichtet der Hauslehrer über diesen Rodrigo Borgia. Und: «Seine Reize haben eine starke Wirkung auf sie, wie der Magnet auf das Eisen.» Dieser Magnet wirkt unter anderem auf Vannozza de’Cattanei, die ihm drei Kinder schenkt: Cesare (1475), Juan (1476) und Lucrezia (1480).

Die Tochter wird zum Heiratspfand

Auf sie stützt Rodrigo Borgia sich, nachdem er 1492 als Alexander VI. Papst geworden ist. Rom ist eine Schlangengrube, ganz Italien mit seinen tief verfeindeten Kleinstaaten ist es auch. Und während seine Söhne mit ihren Söldnerbanden Angst und Schrecken verbreiten und mancher politische Gegner als Leiche im Tiber endet, herrschen im Vatikan Zügellosigkeit und moralische Verkommenheit.

Krieg und Heirat: Das sind die Möglichkeiten für den Borgia-Papst, diesem Geschlecht spanischer Emporkömmlinge eine dauerhafte Machtbasis zu schaffen.

Seine Söhne schickt Papst Rodrigo Borgia in den Krieg, die Tochter benutzt er als Heiratspfand, um politische Bündnisse zu schmieden. Dabei kann der Wind auch wieder drehen. 1493 wird die gerade Zwölfjährige mit Giovanni Sforza verheiratet, dem Neffen des Machthabers von Mailand. Vier Jahre später lässt der Papst die Ehe annullieren. Der Ex-Ehemann rächt sich, indem er das Gerücht streut, Lucrezia verkehre nicht nur sexuell mit Bruder Cesare, sondern auch mit ihrem Vater.

1498 steht mit Alfonso d’Aragona ein neuer Ehemann im päpstlichen Palast, er ist zwei Jahre später nach einer politischen Kehrtwendung Alexanders nur mittels Mordanschlag (in den päpstlichen Gemächern!) wieder loszuwerden. Dann fasst der Vater Alfonso d’Este ins Auge, den Erbprinzen des Herzogtums von Ferrara.

Das ist alter Adel, der um die spanischen Borgia gern einen Bogen machen würde. Um sie auf elegante Weise abzuschrecken, fordert der Herzog eine Mitgift in geradezu astronomischer Höhe. Doch Rodrigo Borgia zahlt.

«Vertraut niemandem!», warnt Pietro Bembo

1502 beginnt Lucrezia Borgias zweites Leben an einem Hof, an dem sie drei Jahre später zur ­Herzogin aufsteigt. «Sie ist schön und gut, zu allen freundlich und liebenswert», berichtet ein französischer Offizier. «Nichts ist ­gewisser, als dass die Herzogin, auch wenn ihr Gatte ein umsichtiger und kühner Prinz ist, ihm aufgrund ihrer Zuvorkommenheit sehr genutzt hat.» Kühn ist Alfonso vor allem im Felde, was das kleine Ferrara auch nötig hat.

Während ihr Mann unterwegs ist in kriegerischer oder diplomatischer Mission, nimmt sie mit grossem Geschick die Regierungsgeschäfte wahr

Lukrezia organisiert Hilfe bei Katastrophen und verfolgt eine sehr kluge Aussenpolitik. Auch an glanzvollen Festen herrscht an ihrem Hof selten Mangel. Glamourös ist diese Frau durchaus, aber nicht ruchlos.

Sie agiert eigenständig, manchmal auch eigenwillig. Gegen den Befehl ihres Mannes etwa verschont sie Fremde, die man des Nachts aufgegriffen hat, von der Folter. Eigene Wege geht sie auch in den Beziehungen. Über verschwiegene Boten wechselt Lucrezia schwärmerische Briefe mit dem Dichter Pietro Bembo. «Vertraut niemandem!», warnt Bembo. Als ihr Mittelsmann von einem anderen Briefpartner erstochen aufgefunden wird, weiss sie: Er hat recht.

Auch ihr Gatte Alfonso hat zwar seine Affären. Aber erkaltet ist die Beziehung zu seiner Frau nicht. Davon zeugt die beeindruckende Zahl ihrer Schwangerschaften, die an Lucrezias Kräften zehren. Nach einer ihrer schweren Geburten stirbt sie denn auch.

Florian Neumann: Die Wahrheit über Lucrezia Borgia, Reclam, 239 S., Fr. 32.–

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