Literaturdebatte
Max Frisch und Ingeborg Bachmann: Ist es pervers, diesen intimen Briefwechsel zu lesen?

Unser Autor - Kulturjournalist und Max-Frisch-Biograf - warnt davor, die Briefe als Beweisstücke in einem Prozess zu verstehen, in dem es um Schuld und Unschuld geht. Ein Kommentar.

Julian Schütt
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Max Frisch mit Ingeborg Bachmann in Rom – das einzige gemeinsame Bild.

Max Frisch mit Ingeborg Bachmann in Rom – das einzige gemeinsame Bild.

MFA Zürich/Mario Dondero

Seit zehn Tagen stürzen sich die Feuilletons auf die Bachmann-Frisch-Korres­pondenz, obwohl Normalsterbliche sie noch gar nicht lesen können. Sie erscheint offiziell am nächsten Montag.

Wir werden sehen, ob es den Verkauf wirklich ankurbelt, wenn lange im Voraus schon eine Phantomdebatte über ein Buch läuft, von dem sich das Lesepublikum noch gar kein eigenes Bild machen kann.

Bachmann wehrte sich gegen das «Ausplaudern» von Briefgeheimnissen

Besonders eine Frage ­bekomme ich aus diesem bis jetzt ausgeschlossenen ­Publikum zu hören: Darf man den Bachmann-Frisch-Briefwechsel überhaupt lesen? Immerhin hat sich Ingeborg Bachmann doch vehement gegen ein «Ausplaudern» intimer Briefgeheimnisse gewehrt.

Mit dieser Frage habe ich als Kulturjournalist und Frisch-Biograf, der ich im Neben­beruf noch bin, nicht mehr gerechnet. Ich habe ein ­genuines Interesse daran, möglichst viel aufzudecken aus dem Leben und Werk von Bachmann und Frisch. Aber ist das Interesse legitim?

Ist Frisch mitschuldig an Ingeborg Bachmanns schweren Krise?

Bachmann ist jetzt fast 50 Jahre und Frisch 30 Jahre tot. Persönlichkeitsrechte werden nicht mehr verletzt. Der Briefwechsel räumt zudem mit diversen Mythen auf, die ihnen beiden zu Lebzeiten zu schaffen machten. Insofern nützt er der Rezeption von beiden.

Aber da kommt sofort das Gegen­argument, das desaströse Ende der Beziehung mit Max Frisch habe Ingeborg Bachmann erst zusammenbrechen lassen. Er sei an ihrer ­schweren Krise mitschuldig. Da sei es doch pervers, nun intime Briefe zu veröffent­lichen, die vor allem Frisch entlasten würden.

Sparen wir uns diese Gerichtsfolklore!

Tatsächlich kann jetzt niemand mehr behaupten, Frisch habe ­Bachmann verraten und vernichtet, so sehr sie selbst davon überzeugt war. Aber Fakt bleibt auch, dass sie sich von der fatalen Verbindung mit Max Frisch nicht mehr erholt hat.

Ich kann nur davor warnen, die Briefe als Beweisstücke in einem Prozess zu verstehen, in dem es um Schuld und Unschuld geht. Sparen wir uns diese Gerichtsfolklore und lesen wir die Briefe statt­dessen als literarische ­Dokumente, die vor allem ­beweisen, dass Ingeborg Bachmann wie Max Frisch zur besten Literatur ihrer Zeit zu zählen sind.

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