Literatur
Simone Meier meint zu ihrem neuen Roman: «Opferjournalismus geht mir auf die Nerven»

Sie schreibt wohl die coolsten Gesellschaftsromane der Schweizer Literatur. Im Zentrum von «Reiz», dem neuen Buch der Kulturjournalistin Simone Meier, steht die schillernde Journalistin Valerie.

Hansruedi Kugler
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Simone Meier.

Simone Meier.

Bild: Ayse Yavas

Davon gibt es eindeutig zu wenige in der Schweiz: Zeitgenössische Gesellschaftsromane, geschrieben mit Coolness und von hoher literarischer Qualität. Gut also, haben wir eine Autorin wie Simone Meier, die den Stadtroman mit unsentimentaler Beherztheit, breiter Menschenkenntnis, sarkastischem Blick in die Problemzonen, Einfühlungsvermögen und lebensbejahendem Optimismus belebt. Eine Schriftstellerin, die dank ihrer pointierten Formulierungslust sowohl das erschreckend Ruppige wie das Verträumte in Szene setzen kann. Immer im Auge: unsere Gegenwart, die sie in einem Panoptikum spiegelt.

Zuerst denkt man, der Autorin seien die Ideen ausgegangen

Bei ihrem neuen Roman ist man allerdings zuerst irritiert: Die 50-jährige Journalistin Valerie, deren gleichaltriger Lebensfreund und Starschauspieler F., der 20 Jahre jüngere Liebhaber Teo, Valeries Grossmutter – die kennt man als Nebenfiguren aus dem Vorgängerroman «Kuss». Sind ihr die Ideen ausgegangen? Schreibt sie eine Romanfortsetzung? Meier ist ja ein bekennender TV-Serien-Fan. Anruf bei der Schriftstellerin. Sie sagt:

«Nach meinem Vorgängerroman hat mich eine Schwemme von Leserinnenreaktionen erreicht, die alle mehr Valerie wollten.»

«Da dachte ich, okay, dann kriegt ihr sie, aber jetzt mit mehr Tiefe.» Was auch eingelöst wird. Valerie wird in «Reiz» zur schillernden, selbstständigen Frau, die sich mit Sarkasmus aus den Tiefs ihres Lebens in eine gelassene Selbstbestimmtheit erhebt. Wäre ein Vorbild, sie lässt sich nicht unterkriegen. Perfekter Lesestoff. Valerie taucht aus einem Burnout auf, erinnert sich an ihren traumatischen ersten Sex, eine Vergewaltigung, die sie aber überwunden hat. Ihren News- und People-Journalismus hat sie immer wieder satt, denn der lässt sie eitel und hochmütig werden, zynisch und vom Leben abgehoben. Früher das «fadeste Mädchen weit und breit», sei sie nun eine, die als Journalistin «spitz, witzig und böse» sei, aber sie müsse nun «dringend wieder mehr werden als nur ihre Arbeit.»

Statt Opferjournalismus plädiert sie für Selbstermächtigung

Und warum kehrt Valerie wie im Vorgängerroman voller warmer Erinnerungen in das Haus ihrer verstorbenen Oma zurück? «Oma … ist halt meine», sagt Simone Meier. «Nicht im Detail, aber grundsätzlich. Eine einfache Frau aus dem Suhrental im Aargau, früh verwitwet, mit einem Wahnsinnstalent, sich ihr schlichtes Leben etwas schöner zu reden als es war. Sie hat aus ihrem Leben einen Roman gemacht und mir damit viel über die Fiktionalisierung der Realität beigebracht.»

Dass Fiktionalisierung im Journalismus zu einer problematischen Vermischung von Fakten mit eigenem Erleben werden kann, reflektiert Simone Meier an einem sexuellen Angriff auf die junge Kia. Valerie vermischt den Fall ohne Recherche mit ihrer eigenen, demütigenden ersten Sex-Erfahrung. Worauf Kia protestiert, sie wolle schon in die Medien, aber nicht als Opfer. Eine Szene, die Meier besonders wichtig ist: «Mir geht Journalismus, der Menschen ständig zu Opfern zurechtschreibt, auf die Nerven.» In ihrem eigenen Journalismus versuche sie, Gegensteuer zu geben:

«In meinen Texten versuche ich, den Frauen Strategien zur Selbstermächtigung zu vermitteln und sie nicht nur immer als Opfer zu definieren.»

Und fügt hinzu: «Weil das nämlich im Leben bitter und frustrierend ist.» Ihr Roman «Reiz» wirkt da geradezu wie ein Gegenmittel: Lebenszuversicht trotz Tiefschlägen – irgendwie so, wie man sich das Leben vielleicht wünschen mag: Gefühlvoll, tief, aufrichtig, aber bitte ohne Zwang zur bitteren Tragödie.

Grosser Lesespass: Meiers illustre Figuren in einer Parallelhandlung

Ihr Roman wirkt wie ein assoziatives Zwiegespräch über zwei Generationen. Hier Valerie, die abgebrühte Journalistin, dort Luca, der verträumte junge Mann, der einen sozialromantischen Blick auf die Gesellschaft hat, das Gymnasium abbricht und unglücklich verliebt ist. Die zwei Hauptfiguren treffen sich erst ganz am Schluss, auf einer Gartenparty. Die beiden parallelen Erzählstränge, die nur lose miteinander verbunden sind, kommen da trotz aufkommender Gewitterwolken in einer vorläufigen, aber sympathisch-utopischen Idylle zusammen.

An diesem Roman macht vieles Spass. Etwa das illustre Figurenensemble: Lucas Mutter, eine glückliche, lesbische Hippiefrau; Lucas coole Partybekanntschaft Liv, mit der er seinen ersten, schönen Sex hat; Valeries US-Lover, ein einfältiger Ex-Soldat. Dann die tollen Szenen, in denen Simone Meier ihre Figuren wegträumen lässt: Valerie wird in einem surrealen Albtraum von einem Fitnessgerät aufgesaugt. Die Liste an Lesevergnügen liesse sich um coole Formulierungen verlängern wie «Ihre Affäre war ein einziges Dienstleistungsparadies».

«Als Nur-Schriftstellerin würde ich wohl etwas schrullig»

Bei der Komposition ihres Romans hat sie wohl an den Film «Short Cuts» von Robert Altman gedacht, der intensive Episoden lose zu einem Gesellschaftsporträt einer liebeskranken Gesellschaft verbindet, die am Zerbrechen ist. Schliesslich ist Simone Meier auch Filmkritikerin. «Mit dem Verweis auf ‹Short Cuts› liegen Sie zwar goldrichtig, aber ich hatte eher meinen literarischen Leitstern Rachel Cusk im Sinn. Kommt aber auf das gleiche heraus», sagt sie.

«Ich hatte einfach keine Lust, wieder ein so enges Handlungsraster wie im Vorgängerroman auszufüllen.»

Und zur Form sagt sie: «Stellen Sie sich Flussschwimmen vor. Am einen Ufer Valerie, am anderen Ufer Luca.»

Ihren ersten Roman hat Simone Meier mit 30 Jahren veröffentlicht, arbeitete damals beim «Tages-Anzeiger» und stieg erst mit 47 Jahren wieder in die Literatur ein. Ihr zweiter Roman erschien 2017. Um in ihrem Alter als Autorin präsent zu werden, war es wichtig, dass sie so rasch wie möglich weitere Bücher veröffentlicht. «Seit 2015 gehen alle Wochenenden und Ferien fürs Bücherschreiben drauf», sagt sie. Deshalb werde sie für das nächste Buch auch etwas länger brauchen. Im Hauptberuf schreibt sie als Gesellschafts- und Kulturjournalistin für die Internetzeitung Watson. Einen Job, den sie sicher nicht für die Literatur aufgeben wolle, sagt sie auf die Frage, ob sie nicht Vollzeit-Schriftstellerin werden wolle: «Ich geniesse das Arbeiten im Team sehr und wahrscheinlich würde ich als Nur-Schriftstellerin schnell ziemlich schrullig.»

Simone Meier: Reiz. Roman. Kein&Aber, 238 Seiten.