Literatur
«Wo ist der Witz in den Bergen?»: Die Autorin Zsuzsanna Gahse lebt seit 21 Jahren im thurgauischen Müllheim

Die Gewinnerin des Grand Prix Literatur der Schweiz 2019 über ihre Lust an Sprache und Wörtern.

Interview: Dieter Langhart
Drucken
Teilen
Zsuzsanna Gahse liebt die deutsche Sprache: «Sie ist wunderbar.»

Zsuzsanna Gahse liebt die deutsche Sprache: «Sie ist wunderbar.»

Maurice Hass / Bak / Schweizer Literaturpreise

Zsuzsanna Gahse schenkt Kaffee ein, ihr Hund gesellt sich zu uns, und wir unterhalten uns über ihr neues Buch im Wohnzimmer ihres alten Hauses im thurgauischen Müllheim, gleich gegenüber der Kirche. Wir reden über ihre Lust an Wörtern, in denen Geschichten stecken, über Sprachen und Speisen, über Menschen, Farben, Hautfarben.

Sie erzählt klar, präzise, zitiert hier einen Lieblingsautor oder fügt da Beispiele ihrer Lust an Wörtern an und verbindet im Gespräch alles wieder. «Bergisch teils farblos» heisst ihr zehntes Buch im Wiener Verlag Edition Korrespondenzen. Es ist durchkomponiert, durchnummeriert, umfasst 515 Aufzeichnungen. Die Sprache und die Sprachen sind Zsuzsanna Gahses weite Welt, denn darin stecken unendlich viele Geschichten über Berge und Gebirge, über Menschen, Farben, auch Hautfarben.

«Wo ist der Witz in den Bergen?» schreiben Sie in Nr. 4. In den 515 Aufzeichnungen geht es allerdings nicht nur um Berge.

Zsuzsanna Gahse: Die Berge, die ich nicht immer freundlich behandle, sind eine Kernidee, wichtig sind aber die Anliegen der sechs Personen, die gemeinsam durch die Gegend ziehen. Zum Beispiel meint die dunkelhäutige Manu, dass jeder und jede farbig sei. Sie sei nicht schwarz, sondern dunkler als Maronen, und die Icherzählerin hat im ganzen Leben nur eine einzige Weisse erlebt, eine Albino-Frau mit weissen Brustwarzen. Was heisst schon farblos – selbst das Gestein in den Bergen hat Farben.

Auch dieses Buch enthält zwei Zeichnungen, wie Ihr letztes «Schon bald».

Ja, es gibt Bezeichnungen und Zeichnungen.

Wie sind Sie beim Schreiben genau vorgegangen?

Für den Gesamtverlauf habe ich mir wiederholt Zeichnungen gemacht, und dabei war zum Beispiel der Rhythmus der Passagen wichtig: lang oder kurz, mit oder ohne Personen.

In «Bergisch» erwähnen Sie einen Mann, der «parallel fünf unterschiedliche Tagebücher führte».

Ja, das ist ein Ding der Unmöglichkeit, weil sich die Themen, die jemand für getrennte Tagebücher aufteilen will, zwangsläufig überschneiden. Mal geht es um Porträts, mal um Landschaften, aber bei der Landschaftsbeschreibung leuchten plötzlich Porträts hervor, und solche schrägen Trennungsversuche haben durchaus einen Witz. Daher versucht die kleine Berggesellschaft, noch mehr Tagebücher parallel zu führen.

Und wie viele Tagebücher führen Sie?

Seit Jahrzehnten habe ich eine einzige Datei im Computer, die ich Sprungbrett nenne, und da entstehen ansatzweise Texte, die ich für meine Bücher übernehmen kann.

«67. In Aufzügen steht die Tragkraft meist als Kilogrammangabe, und genannt wird auch die zulässige Personenzahl. Am häufigsten kommt dabei die Sechs vor. Ich stehe im Aufzug und denke ‹Sechs Personen suchen einen Autor›, denke an Pirandellos Theaterstück.»

Hilft es Ihnen, wenn Ihnen der Schluss schon bekannt ist?

In diesem Fall wusste ich längst, dass das Buch mit einer kleinen Szene aufhört, in der von Whisky die Rede ist, und dass es mit dieser Passage eigentlich nicht aufhört, sondern endlos weitergehen könnte.

In Nr. 74 schreiben Sie: «Die Wörter ändern sich, wir nicht wirklich.» Sie interessieren sich für Etymologie, für die Geschichte und die genetische Verwandtschaft von Wörtern – hat das mit Verwurzelung zu tun?

Überhaupt nicht, und das Wort Wurzel mag ich nicht. Wir sind keine Bäume, wir haben bestenfalls einen Ursprung. Für Wörter habe ich mich schon als Kind interessiert, in meiner Familie waren Sprachen seit jeher wichtig. Immerhin ist die Vergangenheit einzelner Wörter oft eine Art Krimi. Bruchstückweise spielen in diesem Bergisch-Buch übrigens auch Krimis eine Rolle.

Entspringen gewisse Aufzeichnungen der Realität?

Unbedingt! Alle Einzelheiten hängen mit Realitäten zusammen, die ich mitunter überhöhe. Wirklich real ist etwa die Geschichte der alten Frau, die vom hohen Berg in einer Kiste an einem Seil ins Tal hinabschwebt und dann mit einem Sportwagen davonfährt – das habe ich so erlebt. Und halbwegs real ist der Rothaarige in Altdorf, der immer bei der Tellstatue steht. Die Jugendlichen suchen ihn auf und stellen ihm komplizierte Rechenaufgaben. Dieser Rothaarige kommt schon in meinen «Donauwürfeln» vor, in «Oh, Roman», «Jan Janka» und «Schon bald». Ich nenne ihn «meinen Hitchcock» – wie der Regisseur in seinen Filmen immer kurz auftaucht, taucht bei mir der Rechenkünstler auf.

«309. Die Rundfunknachrichten sind Anhänger von Statistiken, sagte er. Insofern könnten sie ruhig einmal berichten, dass sich die Leute hinter 70 Prozent der Sätze und Wörter einfach nur verstecken. Die Wörter sind Sträucher, hinter ihnen hocken sie.»

Wann haben Sie zu schreiben begonnen?

Mit vierzehn habe ich meinen ersten und letzten Roman geschrieben, dann kürzere Texte, und schreibend meinte ich, mich in einem Dialog mit anderen Autorinnen und Autoren zu befinden.

Welche Autoren haben es Ihnen besonders angetan?

Beispielsweise Gertrude Stein. Sie fährt die Sprache auf ein Minimum hinab, und unten angekommen, ist jedes einzeln hervorgehobene Wort bemerkenswert. Man soll nicht brillieren und schillern, lieber deutlich sein, wie Beckett, Thomas Bernhard oder die Sarraute. Sie alle sind klar, verschleiern nichts.

Wie wichtig ist Ihnen Handlung?

Kleinere und grössere Handlungsstränge mag ich. In meinen Dresdner Vorlesungen nannte ich sie «Erzählinseln».

Sie schreiben anders als ausschweifende Romanautoren.

Ich mag die Mischung aus Essayistischem, den Erzählinseln und einleuchtenden Bildern. Und auch der Sound muss stimmen.

Das gefällt mir bei «Bergisch»: Jede Nummer kann einen anderen Sound haben.

Ja. Und wenn ein Leser einen Freund trifft, kann er sagen: Du, lies mal die 425. Man kann also die Stellen genau benennen.

Wie stark hat Ihr Verleger Reto Ziegler mitgeredet?

Er mischt sich nie ein. Natürlich erzähle ich ihm zwischendurch Details, aber erst wenn ich ein Buch quasi beendet habe, lesen wir es gemeinsam Satz für Satz laut durch. Dabei korrigiert mal er ein Wort oder einen Satz, mal fällt mir etwas auf. Reto Ziegler ist abgesehen von meinem Mann mein erster Leser. Das gemeinsame Lesen ist ein Luxus und jedes Mal ein Erlebnis.

Seit wann leben Sie im thurgauischen Müllheim, dem Sie 2004 das Buch «durch und durch» gewidmet haben?

Seit 21 Jahren. Übrigens hiess der Ort früher Mühlhain. Die Gegend ist ja eine Landschaft voller Haine und Felder. Hain heisst die Vergangenheit von Müllheim, hinzu kommen die Mühlen.

Worüber haben wir noch nicht gesprochen?

Über das Herbeizitieren. Etwa, dass ich von Herrn Goethes Alpenschilderungen erzähle oder von Hofmannsthals Alpen, und dass diese Beschreibungen mitspielen, sobald man die Alpen vor Augen hat. Den hierzulande kaum bekannten Julio Llamazares zitiere ich ebenfalls herbei. «Gelber Regen» heisst sein fantastisches Buch über die entvölkerten Pyrenäen. Und nicht erwähnt habe ich bislang, dass das Uralgebirge, die Karpaten, das Altaigebirge und die Alpen schliesslich zusammenrücken.

«It ain‘t necessarily so»: Woher stammt das Motto, das Sie dem Buch voranstellen?

Aus George Gershwins «Porgy and Bess». Das Lied kennen die Jüngeren leider nicht, aber der Satz spricht für sich.

Sagen Sie es mir trotzdem, warum etwas nicht zwangsläufig so sein soll?

Alles kann jeder auch auf eine andere Weise betrachten, erzählen.

Übersetzen Sie noch?

Nein, seit rund zehn Jahren nicht mehr. Mir fehlt die Zeit neben den eigenen Texten. Aber Übersetzungen sind wichtig. Man sollte sogar vom Deutschen ins Deutsche übersetzen, um Synonyme zu suchen – das tut dem Kopf gut und dem Wortschatz. Übrigens habe ich auch einige Theaterstücke geschrieben und ein Libretto für eine Solo-Oper, eine Art Commedia für den Komponisten Alfred Zimmerlin. Im Augenblick fehlt mir die Zeit aber auch für solche szenischen Stücke.

Sie mögen die deutsche Sprache.

Sie ist wunderbar. Man sagt, man könne mit dieser starren Sprache nicht spielen – das ist nicht wahr.

Über ein Dutzend Preise haben Sie gewonnen, zuletzt den schweizerischen Grand Prix Literatur. Wie wichtig sind Auszeichnungen?

Über den Grand Prix bin ich froh, da dieser immerhin höchste Preis meinen Stil und mein literarisches Konzept unterstützt. Schön war auch der Thurgauer Kulturpreis 2010, eine Art Willkommensgruss. Den Johann-Heinrich-Voss-Preis erhielt ich für meine Übersetzungen. Das war ein krönender Abschluss.

«Bergisch teils farblos» Zsuzsanna Gahse. Edition Korrespondenzen, Wien 2021, 174 S.

zsuzsannagahse.ch

Aktuelle Nachrichten