Literatur
Der Tiefpunkt im Werk von Haruki Murakami

Der Titel des neuen Erzählbandes des japanischen Erfolgsautors verspricht viel Interessantes – liefert aber bloss erzählerische Ödnis.

Peter Henning
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Der japanische Erfolgsautor Haruki Murakami.

Der japanische Erfolgsautor Haruki Murakami.

Eugene Hoshiko / AP

Um es voller Bedauern festzuhalten: Es ist ein Jammer, was schriftstellerisch aus dem mehrfach als Nobelpreis-Kandidat gehandelten, in mehr als 50 Sprachen übersetzten Japaner Haruki Murakami geworden ist.

Denn muteten schon seine zuletzt erschienenen Romane «Die Pilgerfahrt des farblosen Herrn Tazaki» und «Die Ermordung des Commendatore» wie unerklärliche Verirrungen eines einst künstlerisch höchst ambitionierten Autors ins Segment kitschiger Erleuchtungsschreiberei an, so markieren seine jetzt unter dem Titel «Erste Person Singular» erschienenen neuen Erzählungen den Tiefpunkt im Werk des inzwischen siebzigjährigen Erfolgsautors; insbesondere vor dem Hintergrund, dass seine beiden in den frühen 1990er-Jahren erschienenen Story-Sammlungen «Der Elefant verschwindet» (dt. 1993) und «Wie ich eines schönen Morgens das 100%ige Mädchen sah» (ebenfalls 1993) einst in bester US-Short-Story-Manier daherkamen – nämlich lakonisch knapp, spannungsreich und im entscheidenden Moment auf das Kunstvollste zugespitzt.

Acht erschütternd banale, ohne jedes auch nur irgendwie erkennbare Raffinement gearbeitete Texte, die wirken wie das anthologisch zusammengetragene Ergebnis einer Pro-Seminar-Schreibgruppe der Universität Bern, die sich redlich zu den Themen «Beatles», «Erste Liebe» und «Erkenne den Sinn des Lebens» versucht hat.

Denn ob Murakami in der Auftaktgeschichte «Auf einem Kissen Stein» vom Beischlaf zweier junger, zufällig gemeinsam im Bett landender Leute berichtet, dessen Ablauf er im Ton einer Montage-Anleitung eines IKEA-Regals erzählt; oder ob er in dem Stück «Crème de la Crème» von der Einladung eines Mannes zu einem Klaviernachmittag erzählt, der dann aber nicht stattfindet, sodass der junge Mann am Ende auf einen auf einer Bank sitzenden Fremden trifft, der ihm zum Abschied die Binsenwahrheit schenkt, «dass nichts, was leicht zu haben ist, einen Wert besitzt.» Es wird einfach nicht besser!

Charlie Parker spielt Bossa Nova

So schleppt sich die Sammlung saft- und kraftlos von der einen Episode zur nächsten. Und auch wenn Murakami uns dann in dem Stück «Charlie Parker Plays Bossa Nova» erneut Einblicke in sein enzyklopädisches Jazz-Wissen gibt, mit welchem er die insgesamt aber leider völlig verunglückte Geschichte um eine angebliche Aufnahme des Meisters erfolglos zu retten sucht, bei welcher Parker einige Bossa-Nova-Stücke einspielte, so vermag das nichts an dem insgesamt desaströsen Gesamtzustand der acht versammelten Texte zu ändern.

Haruki Murakami: Erste Person Singular. Erzählungen. (Dumont). 224 Seiten.

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