Kultur

«Lily» improvisiert Songs: «Die schönste Musik entsteht, wenn man das Denken sein lässt»

Bassistin Johanna Pärli und die Band Lily funktionieren als Kollektiv.

Bassistin Johanna Pärli und die Band Lily funktionieren als Kollektiv.

Die Band Lily der Kontrabassistin Johanna Pärli hat «Improvised Songs» veröffentlicht. Die Musik spiegelt das Schöne wie das Hässliche der Welt. Zu hören im Jazzclub Aarau.

Dass man ein Wunderkind sein müsse, das schon im einstelligen Alter Konzerte gibt, damit man später als erwachsener Musiker erfolgreich sein kann, ist ein Irrglaube, der sich noch immer hält. Die Umwege und Erfahrungen, die man im Leben mitnimmt, sind es, die nicht nur jeden Künstler, sondern jeden Menschen zu einem Individuum macht, dessen Geschichte man hören möchte. So ist auch die Berner Kontrabassistin Johanna Pärli erst in den späten Teenagerjahren zu ihrem Instrument gekommen.

Eigentlich wollte Pärli Cello lernen, weil es «der menschlichen Stimme so ähnelt», hat sich dann aber wegen Bassnotstands im Schulorchester mit keiner musikalischen Vorbildung direkt an das tiefste aller Streichinstrumente herangetraut. Bis sie sich ganz und ausschliesslich der Musik widmete, vergingen Jahre und ein abgeschlossenes Jurastudium. Mitte zwanzig entschloss sie sich dazu die Rechtswissenschaften hinter sich zu lassen und beim renommierten Jazzbassisten Patrice Moret an der Berner Hochschule der Künste ihr Instrument zu studieren: «Eigentlich wollte ich die Welt retten, aber dann habe ich angefangen Jazz zu spielen.» Ein Glücksfall für die Schweizer Musikwelt.

Spiegel für das Schöne wie für das Hässliche

Pärlis Kontrabassklang besticht durch eine Klarheit, die von Grösse getragen wird und wirkt durch die Balance zwischen weichen und kantigen Anteilen sehr greifbar. Wie reizvoll Gegensätze im Einklang arrangiert sein können, zeigt auch die EP «Improvised Songs», die Pärli mit ihrer Band Lily im Dezember veröffentlicht hat. Gemeinsam mit der Sängerin Mirjam Hässig, Cyrill Ferrari an der Gitarre und dem Schlagzeuger Nicolas Wolf, die allesamt der Berner Jazz- und Improvisationsszene entspringen, erschafft Pärli in einer einzigen 24-minütigen Improvisation eine emphatische Musik, die das Schöne genauso wie das Seltsame und Hässliche der Welt widerspiegelt.

Lily richten ihren Blick nach aussen und schaffen es die Zerrissenheit der Gegenwart in ihre Kunst aufzunehmen. Ohne dabei den Sinn für Ästhetik zu verlieren, lassen sie so beispielsweise lautmalerische Elemente auf textbasierende Melodien und Rockrhythmen auf akustischen Jazz treffen. Die vier Musiker sind ein Beleg dafür, weshalb die Bedenken vor der Akademisierung des Jazz mit dem Aufkommen der Jazzhochschulen heute keine grossen Diskussionen mehr auslöst. Die Haltung, sich in der Musik vor allem mit der akkurat athletischen Ausführung der Jazzimprovisation zu befassen, wie es im New Yorker Jazzmainstream oftmals getan wird, hat diese neue Generation von Genre auflösenden Improvisatoren überwunden.

Mit «Improvised Songs» beschreiben Lily ihre Musik. Der scheinbare Gegensatz zwischen starren Songformen und freier Improvisation wird vom Bandkonzept aufgefangen: Die Songs aus Pärlis Feder werden beim Proben so stark internalisiert, dass die Musiker an Konzerten auf die freieste Art und Weise mit dem Material umgehen können. Vom eigentlichen Song bleibt dann auch mal nur der Kern übrig, sei es ein Teil der Melodie oder ein rhythmisches Motiv.

Wenn man das Denken sein lässt

«Ich suche Flowmomente, weil ich überzeugt bin, dass die schönste Musik entsteht, wenn man das Denken sein lässt», sagt Johanna Pärli, wenn sie über ihre Ziele in der Musik spricht. Ein grosser Flowmoment, der die Hörer an die Hand nimmt, ist die EP «Improvised Songs» mit ihrer grossen, übergeordneten Dramaturgie allemal. Dass die suitenhafte Improvisation ursprünglich nur die Aufwärmübung für die eigentliche Aufnahme verschiedener Stücke der EP hätte sein sollen, zeigt wie sehr Lily als Kollektiv demselben Duktus folgt. Sie sind ein Quartett, das den Titel «Band» wirklich verdient.

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