Literatur
Kurt Martis witzig-hintersinnige Wortkunst im Literaturmuseum Strauhof

Die Schau zum Theologen, Dichter und Aktivisten steigt mit Humor und Engagement in seinen «Wortwarenladen».

Valeria Heintges
Drucken
Teilen
Der 2017 verstorbene Schriftsteller und Theologe Kurt Marti.

Der 2017 verstorbene Schriftsteller und Theologe Kurt Marti.

Bild: Marc Wetli / www.13photo.ch

Wolken sind nicht gleich Wolken. Sie können Bleigewölk sein oder Himmelsflor. Luftgetümmel oder Strahlengewölk. Wolken sind vielgestaltig, das wissen Dichter seit Urzeiten, das wusste auch Kurt Marti, der Berner Dichter und Pfarrer, der Aktivist und Prediger. Marti sammelte Wolken. Sprachwolken. Von Bergschwaden, die er bei Jean Paul fand, bis zu Zitterwolken, die er bei seinem Liebling Arno Schmidt aufspürte.

Kurt Martis "Wortwarenladen" - eine Fundgrube witzit-hintersinniger Wortspiele.

Kurt Martis "Wortwarenladen" - eine Fundgrube witzit-hintersinniger Wortspiele.

Zeljko Gataric

Über drei getippte Seiten ziehen sich 93 Wolkenbegriffe in der Typoskript-Reinschrift des «Wortwarenladens». Der ziert derzeit die Wände des Zürcher Literaturmuseums Strauhof. Die Substantive, fast alle Komposita, alphabetisch geordnet; Verben und Adjektive eingerückt dazwischen. Die Wolken sind nur ein Kapitel, die Winde gehen ihnen voran, die Nebel folgen. 5500 Worte in 68 thematischen Einheiten hat Marti zusammengestellt, von Weltall über Pflanzen und Tiere bis zu Menschentypen, Technik und der abschliessenden Wissenschaft.

Vom ironischen «Matriot» zur «Tiernis in uns»

Der Wortwarenladen ist Zentrum der Marti-Schau zu dessen 100. Geburtstag und begleitend auch als Büchlein im aargauischen Verlag Engeler erschienen. Er ist eine Fundgrube, ein Zeichen von Martis Lektüren, die 350 Jahre Literaturgeschichte umspannen, von Romantik bis Expressionismus und in die Marti’sche Jetztzeit. Sie waren wohl nicht zur Veröffentlichung gedacht, sondern sind Arbeitswerkzeug. Und Zeichen ungeheuren Fleisses, wie 33 Seiten Typoskript beweisen, die in Vitrinen liegen, mit handschriftlichen Ergänzungen und Streichungen versehen. Sie bieten auch einen Einblick in die editorische Arbeit der Buch-Herausgeber Muriel Fischer, Rémi Jaccard, Andreas Mauz und Philip Sippel, von denen die Strauhof-Leiter Jaccard und Sippel und der Germanist und Theologe Mauz auch für die Ausstellung verantwortlich zeichnen.

Hörstationen in der Ausstellung "Kurt Marti – Eros. Engagement. Endlichkeit".

Hörstationen in der Ausstellung "Kurt Marti – Eros. Engagement. Endlichkeit".

Zeljko Gataric

Vom «Wortwarenladen» ziehen sie ihren Zoom immer enger: zunächst auf 30 exemplarische Marti-Wörter, dann auf nur noch drei Themenräume. Ein Marti-Wort das wunderbare «Matriot», das sich in «Heil Vetia – politischer Diskurs» von 1981 findet. Oder die Tiernis, die als «tiernis in uns» Titel ist eines Gedichts der Sammlung «Mein barfüssig Lob» von 1987: «missachtet/ schläft tiernis/ in uns:/ träumend von/ einem spielenden gott/ träumend von/ freundlichen menschen.»

Selbstironisch nannte sich Marti «En sehr/eyfache Geischt»

Die Auseinandersetzungen mit der gefährdeten Schöpfung findet sich auch in den Leichenreden, die im oberen Stock ausgestellt sind. Dann folgen die Themenräume zu Eros, Engagement und Endlichkeit, die Tiefenbohrungen ins Marti’sche Werk erlauben. Gross prangen jeweils drei Gedichte an der Wand, mit den Marti typischen Kurzzeilen, der in einem Nachruf auf sich selbst (auch der ist Teil der Schau) wunderbar stabreimend und zungenbrecherisch von «Kurts Kurzkunst» sprach. Und er beschrieb sich darin selbst als «En eyfache/ Geischt// En sehr/ eyfache Geischt// Nöd eyfach».

Lyrik ohne jede Heimattümelei

Marti bleibt nicht nur als der Dichter im Gedächtnis, der die Mundartlyrik vom Ruf der Heimattümelei befreite. Er ist auch Kämpfer des Christentums in seiner nächstenliebenden Urform. Man kann sich das erlesen, aber auch etwa einen Teil des erotischen Romans «Die Riesin» hören. Oder die Diskussion aus dem Jahre 1971 sehen mit dem kommunistischen Intellektuellen Konrad Farner, aufgrund derer Marti die Professur an der Universität Bern verwehrt wurde. Das alles erfreut und erheitert. Und zeigt: Auch den heute Lebenden hat Marti noch viel zu sagen. Etwa sein Ge(h)dicht «geh!»: geh dicht/ geh!/ aber nicht/ in die knie/ aber nicht/ auf allen vieren/ geh furchtlos/ geh aufrecht/ – wohin?/ geh dicht/ geh!»

Kurt Marti: Eros. Engagement. Endlichkeit. Museum Strauhof Zürich, bis 21.11.Kurt Marti: Wortwarenladen, Verlag Engeler, 246 Seiten.

Aktuelle Nachrichten