Kunstspektakel
Immersive Ausstellungen wie «Van Gogh Alive» und «Viva Frida Kahlo» liegen im Trend - ist das noch Kitsch oder schon Kunst?

Frida Kahlo, Vincent van Gogh und Ferdinand Hodler gibt es als immersives Lichtspektakel. Das macht mehr mit dem Betrachter als mit der Kunst.

Anna Raymann
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Über, unter und um einen herum: Bei immersiven Lichtschauen soll das Publikum ganz in der Kunst versinken.

Über, unter und um einen herum: Bei immersiven Lichtschauen soll das Publikum ganz in der Kunst versinken.

Bild: Andy Juchli

Kunst kann man anschauen oder, noch besser: erleben. Als jüngst Olafur Eliasson in aufwendiger Konstruktion die Fondation Beyeler zur giftgrünen Sumpflandschaft flutete, wurde der Museumsbesuch zur Naturerfahrung. Oder man denke an die japanische Künstlerin Yayoi Kusama, die in ihrem «Infinity Room» aus Hunderten Glühbirnen und Spiegeln an den Wänden einen unendlichen Raum baut, in dem sich der Besucher auflöst. Spektakulär genug für ein Selfie.

Längst nicht jedes Werk sichert eine Lichtschranke, manchenorts heisst es ausdrücklich «bitte berühren». Die dicken roten Knöpfe etwa vor Jean Tinguelys krachenden Maschinen sind eine Einladung für mutige Besucherhände. Im Museum in Basel, das dieser Tage seinen 25. Geburtstag feiert, können sie auf den Maschinen sogar herumklettern, inmitten der lustig scheppernden Räder riecht es wie in einer Motorenwerkstatt – mehr drin in der Kunst geht nicht, möchte man meinen.

Das 360-Grad-Erlebnis liegt im Trend

Geht doch – behauptet das neuste Genre. Immersive Kunstspektakel wie «Viva Frida Kahlo» oder «Van Gogh Alive» liegen im Trend. Hochleistungs-Beamer und eine Soundanlage wie im Multiplex-Kino machen aus Werken von Künstlern wie Paul Klee, Wassily Kandinski und Ferdinand Hodler animierte 360-Grad-Multimediaschauen.

Das «Immersive Wonderland» zeigt im Solothurnischen Attisholz-Areal «Heidi» als Rundumerfahrung.

Das «Immersive Wonderland» zeigt im Solothurnischen Attisholz-Areal «Heidi» als Rundumerfahrung.

Bild: Makanart

In Zürich zeigt die Lichthalle Maag solche Schauen, in ähnlicher Bauweise gibt es Hallen in Romanshorn und Solothurn. Sie alle versprechen ähnliches: «Einen Rausch der Farben», sie wollen «neue Dimensionen» öffnen und Kunst «zum Leben erwecken». Die Projektionen sind begleitet von stimulierender Musik und umgarnen und bezirzen einen. Dabei kann einem schwindlig werden.

Kunsterfahrung wie in einem Fiebertraum

Kulturelle Reizüberflutung muss man ernst nehmen. Es soll sogar eine psychosomatische Störung geben, die durch sie ausgelöst wird. Die italienischen Psychologin Graziella Magherini hat dieses Syndrom 1979 nach dem französischen Schriftsteller Marie-Henri Beyle benannt, ­bekannt unter dem Pseudonym ­«Stendhal». Dieser wusste nach einer Florenzreise in seiner 1817 veröffentlichten «Reiseskizze» von einem Nervenanfall und Herzrasen zu berichten.

Die neuen Lichterschauen scheinen es auf dieses «Stendhal-Syndrom» geradezu anzulegen. Der immersive Effekt ist hier Kitsch – ja. Staunen darf man dennoch – unbedingt. An Schmuck und Schnörkeln rund um die Bilder ­herum wird nicht gespart. Das ist so grossspurig, dass es fast schon anachronistisch ist in einer Zeit, in der sich alles um Authentizität dreht.

Pixel können das Original nicht wirklich ersetzen

Im Grunde machen diese Ausstellungen, untergebracht zumeist in praktischen Industriehallen, das genaue Gegenteil von einem Kunsthaus, das seine Werke hinter goldenen Türen verschliesst. Der skeptische Blick von Kunstkennern ist vorbestimmt. Pixel, das ist aber auch den Betreibern klar, können das Original nicht ersetzen. In den Projektionen verlieren sich plastische Pinselstriche, die Struktur, nicht einmal Grösse und Format lassen sich ablesen.

Sie waren in der Schweiz mit die ersten: Vincent van Gogh in der Maag-Halle.

Sie waren in der Schweiz mit die ersten: Vincent van Gogh in der Maag-Halle.

Bild: zvg

Das Werk als Einzelnes muss sich hinter dem Erlebnis anstellen. Museen, das ist leider Realität, müssen um ihr Publikum kämpfen. Dafür darf nicht jedes Mittel, jede Spielerei recht sein. Wenn etwa ein renommiertes Haus wie das Indianapolis Museum of Art ein komplettes Stockwerk von «echten» Werken für die Projektionen von «Van Gogh Alive» freiräumt, ist das prekär. Eine solche Aktion schafft Konkurrenz, wo keine sein sollte. In Zürich etwa gab es zur Lichtschau einen Rabatt auf den Eintritt ins Museum.

Die Kunst, die dort in kluger Abfolge, sorgsam klimatisiert und unter schonendem Oberlicht ausgestellt ist, zeigt sich ob all dem bunten Spektakel in den Industriehallen herzlich unbeeindruckt. Dem Publikum aber nimmt sie erste Berührungsängste. Kunst, das haben sie Schwindel erregend erfahren, ist ein Erlebnis − an Wände gehängt statt an Decken projiziert vielleicht ein anderes, aber nicht minder beeindruckend.

Hier können Sie immersive Kunst erleben

Lichtspektakel von Kahlo bis Klimt

Immersive Ausstellungen liegen im Trend. Jene zu Vincent van Gogh hatte im Netflix-Hit «Emily in Paris» sogar einen Gastauftritt. In der Schweiz gibt es gleich mehrere Anbieter: Die Lichthalle Maag in Zürich zeigt «Viva Frida Kahlo». Das «Immersive Wonderland» in Attisholz bei Solothurn widmet sich «Hodler/Klee» und sogar Johanna Spyris «Heidi». In Romanshorn kann man im «House of Digital Art» zu «Being Vincent van Gogh» sogar speisen, oder man staunt über «Monet bis Kandinsky. Revolutionäre der Kunst».

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